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Noch Fragen? - Die Gen-Detektive

Herr Schülke-Gerstenfeld, warum interessieren Sie sich für seltene Erkrankungen?

Als Kinderarzt erlebe ich immer wieder verzweifelte Eltern, die mit ihren kranken Kindern schon bei vielen Ärzten waren. Sie bringen dicke Aktenordner mit und wollen endlich wissen, was das Kind hat. Die Diagnose ist selbst für die Familien, denen wir keine ursächliche Hilfe anbieten können, eine Erleichterung. Sie haben dann die Gewissheit: Wir haben nichts falsch gemacht, das ist genetisch. Als Forscher reizt mich auch das Detektivische an der Arbeit. Wir gehen davon aus, dass es bis zu 8.000 monogenetische Krankheiten gibt, nur bei etwa 3.000 ist der Defekt bekannt. Da gibt es viel zu entdecken.

Werden Sie meistens fündig?

Nein! Wir haben vor mehr als 15 Jahren zum Beispiel einen Gendefekt aufgeklärt, durch den Kinder eine Atemstörung erleiden. Wegen einer Zwerchfelllähmung liegen sie plötzlich blau im Bett und kriegen keine Luft. Nach der Publikation riefen uns Ärzte aus aller Welt an, es kamen etwa 150 Proben mit DNS von Kindern mit einer Muskelschwäche, die schlecht atmen können. Manche hatten genau den gleichen Gendefekt, aber bei den meisten sahen die Symptome nur ähnlich aus. Ungelöste Fälle müssen wir erst einmal beiseitelegen, aber sobald es ein neues Werkzeug gibt, geht die Suche weiter.

Next Generation Sequencing ist ein solches neues Werkzeug.

Ja, damit haben wir jene Erbgutabschnitte sequenziert, die die Blaupause für Eiweiße sind, also das Exom. Next Generation Sequencing ist ein Sammelbegriff für Hochdurchsatzverfahren. Diese haben die Entschlüsselung des Erbguts billiger, effizienter und präziser gemacht. Der Knackpunkt ist die Auswertung der Daten. Man findet unzählige Varianten und nur eine macht krank. Die muss man mithilfe von Bioinformatik herausfiltern. Unsere Doktorandin hat wesentlich zu einer Software beigetragen, die die Auswahl zum Beispiel von 1.000 auf fünf abschmelzen lässt, die man dann im Labor untersuchen kann. Eine neuromuskuläre Krankheit konnten wir durch das Projekt bereits aufklären. Unser nächstes Ziel ist es, das Genom von Patienten zu entschlüsseln, bei denen die Exomsequenzierung keine Diagnose brachte.

Interview: Jana Schlütter.

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