Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Nachgeforscht bei Richard Samuels

Projektbeschreibung

“Nachdem Japan jahrzehntelang die Vormachtstellung der USA in Asien als Eckpfeiler seiner Außen- und Sicherheitspolitik akzeptiert hatte, steht es nun vor einer zentralen strategischen Weichenstellung, denn es gilt, sich richtig zwischen den USA und China zu positionieren. Um das “richtige“ Verhältnis zu diesen beiden Mächten herzustellen, bedarf es militär- und wirtschaftspolitischer Korrekturen. Tokios große Strategie beruht nach wie vor auf dem Bündnis Japan-USA, aber sie war für eine bipolare Welt gedacht, die - wie viele japanische Strategen begriffen haben - der Vergangenheit angehört. Heute sind das aufstrebende China und die relativ an Bedeutung verlierenden Vereinigten Staaten zumindest gleichwertige Größen in Japans strategischem Kalkül. In meiner wissenschaftlichen Tätigkeit in Berlin, die auf Primärforschung in Japan beruht, untersuche ich die sich verändernde Dynamik der Sicherheitslage in Ostasien und ihre Auswirkungen auf die Fortentwicklung der nationalen Sicherheitsstrategie Japans, insbesondere den Ausbau seines nachrichtendienstlichen Apparats.“ 


Nennen Sie bitte spontan drei Dinge, die Sie mit der Person Albert Einstein verbinden!

Es liegt wohl daran, dass ich kein Physiker bin, aber als erstes kommen mir zwei Dinge aus meiner Kindheit in den Sinn - seine wilde Mähne und die Geige. Als junger Bursche entnahm ich daraus, dass wissenschaftliches Genie durchaus mit alltäglichen Dingen und der Kunst vereinbar ist. Die dritte Sache beruht nicht auf einem oberflächlichen Eindruck. Es handelt sich um ein wunderbares Buch mit dem Titel Einstein's Dreams von Alan Lightman, mit dem ich befreundet und durch die Heirat unserer Kinder verschwägert bin. Alan ist ein Physiker, der spielerisch und fantasievoll die Mühen des Schöpfertums und die Metaphysik der Relativität einzufangen vermag.

Gibt es einen konkreten Ort in Berlin, den Sie mit Ihrer Forschungsarbeit verbinden?
Ja, ich sehe überall die Stolpersteine mit ihren Messingplatten, die die Berliner an die Geschichte ihrer Stadt erinnern. Abgesehen davon, dass sie mich nie unberührt lassen, wird mir dabei bewusst, wie unterschiedlich Deutschland und Japan mit ihrer Vergangenheit umgegangen sind. Die Kriegserinnerungen sind auch in Westeuropa Gegenstand vieler Kontroversen; nicht alle Wunden sind verheilt oder lassen sich überhaupt heilen. Aber diese Auseinandersetzung ist hier anscheinend ein lebendiger und zumeist gesunder Prozess. In Ostasien hingegen ist sie ein zentrales Thema der internationalen Beziehungen, eine offene Wunde, die eine Versöhnung unmöglich macht und Ressentiments schürt, die die regionale und globale Sicherheit gefährden.

Wer oder was inspiriert Sie bei Ihrer Arbeit?
Von Albert Hirschman, einem gebürtigen Berliner, habe ich immer wieder starke Anregungen empfangen. Seine frühen Arbeiten zur wirtschaftlichen Entwicklung haben das Gebiet der politischen Ökonomie verändert. Doch es war die Art und Weise, in der er in seinen meisterhaften Abhandlungen Abwanderung und Widerspruch und Denken gegen die Zukunft: die Rhetorik der Reaktion Disziplingrenzen überschritt, die meine Einstellung zu den zentralen Aufgaben eines Wissenschaftlers - Forschung und Aufklärung - veränderte. Jeremy Adelsons großartige Biographie Worldly Philosopher: The Odyssey of Albert O. Hirschman hat mich in meiner Bewunderung und Entschlossenheit noch bestärkt.

In welchem Berliner Bezirk fühlen Sie sich wohl, und warum?

Unser Sohn wohnte eine Zeitlang in Neukölln und Kreuzberg, und jetzt wohnt er mit unserer Schwiegertochter in Moabit. Das sind alles lebenssprühende und reizvolle Stadteile. Aber meine Frau und ich fühlen uns in der Gegend um den Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg besonders wohl. Warum? Der Winterfeldplatz ist für uns der schönste Wochenmarkt weltweit, und die nahegelegene Goltzstraße ist eine unscheinbare, aber höchst angenehme Straße, in der wir gern spazieren gehen oder eine Tasse Kaffee trinken.

Mit wem würden Sie gern einmal den Arbeitstag tauschen, und was würden Sie dann gerne tun?
Ich war in den USA 15 Jahre lang als Fußballschiedsrichter tätig. Zumeist leitete ich Spiele der “Altherrenliga“, deren Mannschaften aus ehemaligen Mitgliedern von Hochschulteams bestanden, die vielleicht Mitte 30 waren und den Fußball noch immer liebten, auch wenn die Kräfte langsam nachließen. Wenn ich mir ein Match anschaue, achte ich meistens ebenso auf den Unparteiischen wie auf die Spieler. Übrigens war Pierluigi Collina immer mein Vorbild als Schiedsrichter. Seine “Frisur“ habe ich mir ja schon zugelegt (hoffentlich auch seine Integrität), doch wenn ich auch seine Fitness und sein Urteilsvermögen hätte, würde ich gern einmal ein Länderspiel pfeifen. Collina stand ja schon bei wahren Fußballschlachten auf dem Platz, aber ich bin mir nicht sicher, ob es ihn ebenso reizen würde, eine Vorlesung über die Sicherheitslage in Ostasien zu halten.


(März 2015)

Foto: Stuart Darsch

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