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Kunstgeschichte zwischen Europa und dem Nahen Osten

©Steffen Jänicke - WWW.STEFFEN-JAENICKE.DE

Häufig trifft man auf das Vorurteil, dass die islamische Kunst bilderfeindlich sei und sich deshalb von der christlichen Tradition fundamental unterscheide. Vera Beyer arbeitet diesem Missverständnis entgegen. „Die Opposition zwischen einem bilderfreundlichen Christentum und einem bilderfeindlichen Islam ist nicht haltbar. In der persischen Kunst etwa findet man eine Unmenge an figurativen Bildern, die auch religiöse Inhalte thematisieren“, erklärt die Kunsthistorikerin. „Man muss verstehen, dass es die islamische Tradition als Einheit ebenso wenig gibt wie die christliche. Es kommt immer darauf an, mit welcher Region und mit welcher Epoche man sich beschäftigt.“

Vera Beyer spezialisiert sich auf die Kunst des Mittelalters. Für ihre Forschung erhält sie demnächst eine Förderung als Einstein Junior Fellow von der Einstein Stiftung Berlin, die es ihr ermöglicht, ein dreijähriges Forschungsprojekt zu Darstellungen des Sehens in der persischen und nordalpinen Buchmalerei des 14. bis 16. Jahrhunderts zu verwirklichen.

Vera Beyer will dazu vor allem Werke studieren, die sich explizit mit dem Thema „Sehen“ beschäftigen – und damit implizit ihre eigenen Wahrnehmungsbedingungen spiegeln. So wird beispielsweise sowohl in der Kunst des Christentums als auch des Islams die Geschichte illustriert, in der eine fremde Herrscherin den verkleideten Alexander anhand eines Porträts erkennt. Die Darstellung hingegen fällt in beiden Kulturen unterschiedlich aus: In der christlichen Kunst hat man es mit einer lebensgroßen Statue zu tun, in der islamischen mit einem Bild auf Seide. So gilt es, die unterschiedlichen Darstellungsformen in ihren historischen Kontexten zu verstehen – und festzuhalten, dass „in beiden Traditionen hochkomplexe Werke vorhanden sind, die ihre eigene Wahrnehmung reflektieren“.

Analysiert werden dazu Darstellungen aus beiden Bildkulturen, die auf gemeinsame Traditionen zurückgreifen – von historischen Figuren über biblische Motive bis zu Traumtheorien der griechischen Philosophie.

So gibt es zum Beispiel sowohl in der christlichen als auch in der persischen Kunst das Thema der Gottesschau. Wenn Gott in der persischen Kunst unräumlich dargestellt wird, dann liege das nicht etwa daran, dass die persischen Maler nicht imstande gewesen wären, räumliche Strukturen zu malen. Vielmehr hänge diese Darstellungsweise mit der Vorstellung zusammen, dass Gott jenseits von Raum und Körperlichkeit existiert, sagt die Kunsthistorikerin. „Wer diesen Verständnishorizont kennt, sieht die Bilder ganz anders.“

Mit dieser transkulturellen Perspektive knüpft Vera Beyer an ihre Forschung der von ihr geleiteten Emmy-NoetherNachwuchsgruppe der DFG an. Hier hat sie Funktionen des Ornaments in Persien und Frankreich um 1400 erforscht – und gezeigt, dass die islamische Kunst genauso wenig auf das Ornament zu reduzieren ist wie die christliche auf die Figur. Vielmehr seien Ornament und Figur ebenso in Bezug aufeinander zu verstehen wie nahöstliche und westeuropäische Bildkulturen. Dazu möchte sie auch in ihrem neuen Forschungsprojekt beitragen.

Text: Leonard Fischl // Foto: Steffen Jänicke

Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Der Beitrag ist erstmalig am 25.08.2012 im Tagesspiegel erschienen.

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