Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Andreas Thiel

Natürliche Ressourcen werden weltweit immer knapper. Deshalb ist es wichtig, Güter effizient zu nutzen und zu verteilen. Wie Organisationen und Akteure dabei auf verschiedenen Ebenen zusammenarbeiten, untersucht der Volkswirt Andreas Thiel an der Humboldt-Universität zu Berlin. In seinem Forschungsprojekt widmet er sich der Rolle von EU-Richtlinien für die Nutzung von Ressourcen aus dem Meer. Sein Forschungsansatz umfasst Theorien des institutionellen Wandels und der Mehrebenenpolitik.

 

 

»Warum sieht unsere Umwelt genau so aus?«

Sind die EU-Umweltgesetze wirklich die bürokratischen Ungetüme, für die viele sie halten?
Aus meiner Sicht nicht, es sind vielmehr Innovationstreiber, sie verändern die Verwaltungspraxis und führen häufig zu einer Verbesserung im Umweltmanagement. Die Bürokraten vor Ort überlegen sehr genau, wie sie die europäischen Regularien im Sinne einer guten Verwaltungspraxis nutzen können. Es gerät sehr viel in Bewegung und es findet ein intensiver Gedankenaustausch statt – man begibt sich sozusagen auf eine Entdeckungsfahrt zu einem besseren Umweltmanagement. Für mich wäre eine passende Metapher der Schattenwurf in der Abendsonne: Auf EU-Ebene sind die Direktiven sehr schlanke Objekte, aber in den Mitgliedsländern werfen sie unglaublich große Schatten. Dort haben sie eine einschneidende Wirkung, sind aber auch sehr verwaltungsintensiv.

Was genau interessiert Sie an EU-Gesetzen und ihrer Umsetzung?
In meinem Projekt als Einstein Junior Fellow geht es um die Veränderung der Steuerung von Frischwasser- und Meeresnutzung aufgrund von EU-Regularien in den Mitgliedsländern der EU. Ich möchte verstehen, wie die Länder diese Regularien umsetzen und welche Faktoren dazu führen, dass sie zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen – etwa Verwaltungspraktiken, politische und kulturelle Kontexte, unterschiedliche Nutzungsgewohnheiten oder die Charakteristiken spezifischer Naturräume. Das Neue an meiner Herangehensweise ist die Zusammenführung von Erklärungsansätzen aus Institutionenökonomie, Politikwissenschaft und Geografie sowie der Einsatz von Methoden, die hierfür noch nicht angewandt wurden, etwa soziale Netzwerkanalyse zur Untersuchung von Akteurskonstellationen. Natürlich bin ich auch auf intensive Gespräche angewiesen, um zum Beispiel zu verstehen, wie ein Bürokrat in Brandenburg ein europäisches Gesetz begreift und auf die Havel anwendet.

Wollen Sie mit Ihrer Forschung zu einem besseren Umgang mit natürlichen Ressourcen beitragen?
Mir geht es darum, die besten Koordinationsmechanismen zu suchen, um Umwelt möglichst gut nutzen und schützen zu können. Wir haben bei Weitem nicht die passenden Instrumente, um den Umgang mit Umwelt so zu steuern, dass sie auch langfristig lebenswert bleibt. Es braucht neue interdisziplinäre Ansätze, um genaueres Wissen zu generieren und neue Ideen auszuprobieren. Ich hoffe mit meiner Forschung mittelfristig dazu beizutragen, dass Bürokraten passgenauere Regulierungen für unterschiedliche Naturräume erarbeiten und die Werkzeuge des Umweltmanagements ausdifferenziert werden. Wir dürfen nicht für jedes Problem den gleichen Hammer nutzen.

Video: Mirco Lomoth