Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Anita Traninger

Wie ist der Begriff der Unparteilichkeit entstanden? Bisher führte man Unparteilichkeit auf die Norm des unabhängigen Beobachtens zurück, die sich in der Neuzeit in den empirischen Wissenschaften herausbildete. Einstein Junior Fellow Anita Traninger schlägt einen neuen Weg ein: Die Literaturwissenschaftlerin der FU Berlin argumentiert, dass der Begriff vor allem die zunehmend öffentliche und schriftliche Wissenschaftskommunikation reflektierte. In ihrer neuen Publikation überprüft sie diese These an spanischen, französischen und deutschen Gelehrtendebatten.

 

 

»Ich stelle Gewissheiten in Frage«

Was ich an meiner Forschung schön finde, ist, dass ich für meine Fragestellungen auf die Arbeit mit Originalquellen angewiesen bin, die nicht in modernen Ausgaben vorliegen. Es ist natürlich eine Erleichterung, dass mittlerweile viele alte Drucke digital zugänglich sind. Aber manche Entdeckungen macht man eben nur, wenn man ein Buch in die Hand nimmt: Manchmal sind Drucke zusammengebunden, und man stößt durch Zufall auf etwas, das plötzlich ein ganz neues Licht auf eine Fragestellung wirft. Das sind Glücksmomente der historischen Forschung. Besonders berührt es mich, wenn ich handschriftliche Randnotizen finde – ein Echo von Lesern, die vor Hunderten von Jahren den gleichen Band in der Hand hatten.

In meinem aktuellen Forschungsprojekt widme ich mich der Vorgeschichte des Begriffs der Unparteilichkeit. Mich reizt an diesem Thema, dass es für uns heute ein so selbstverständlicher Begriff ist, der zentral ist für unser Selbstverständnis als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Mit meiner Forschung kann ich jedoch zeigen, dass Unparteilichkeit sich erst im 17. Jahrhundert als wissenschaftliches Ideal durchgesetzt hat. Davor ist die Wissenschaft seit der Antike ohne den Begriff ausgekommen. Und ich kann zeigen, dass Unparteilichkeit nicht allein mit der empirischen Forschung aufkam, wie oft angenommen, sondern in vielen Bereichen gleichzeitig und unabhängig davon Karriere macht – etwa in theologischen Kontroversen, im Rezensionswesen oder in der Ästhetik.

Mit meiner Forschung möchte ich bewusst machen, dass manche unserer vermeintlich universellen Werte noch relativ jung sind. Ich stelle diese Gewissheiten in Frage, indem ich ihre Geschichte untersuche. Das kann sehr erhellend sein. Eine immer noch weit verbreitete Grundannahme der europäischen Kulturgeschichte ist ja zum Beispiel, dass mit der Renaissance ein neuer Tag in der Geschichte der Menschheit anbricht und das dunkle Mittelalter überwunden ist. Doch wenn man die Quellen genauer untersucht, erkennt man, dass viele Wissenspraktiken der mittelalterlichen Universität in der Renaissance weiter präsent sind. Sie prägen sogar humanistische Schriften, die eigentlich als Gegenstück zu denen der spitzfindigen Scholastiker gelten. Der Bruch war also keineswegs so radikal, wie er dargestellt wird.

Ich empfinde es als großes Privileg, dass ich Themen zum Gegenstand meiner Forschung machen kann, die mich selbst brennend interessieren. Natürlich gibt es im Universitätsalltag auch Zwänge, aber zentrale Bereiche meiner Tätigkeit sind selbstbestimmt. Diese Freiheit in der akademischen Forschung weiß ich sehr zu schätzen.

Video: Mirco Lomoth

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