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Michael Joswig

Michael Joswig gehört zu den weltweit führenden Forschern im Bereich polyedrische und geometrische Kombinatorik. Seit Juni 2013 ist er Einstein-Professor für Diskrete Mathematik/Geometrie an der Technischen Universität Berlin. Nach dem Studium der Mathematik und der Informatik war er ab 2004 Professor in Darmstadt. Von seiner doppelten fachlichen Expertise profitieren viele Wissenschaftler: Die von ihm mitentwickelte Software „polymake“ ist weltweit zur Standardsoftware im Bereich der Diskreten Geometrie geworden.

»Zahlen sind unsere Freunde«

Mein Interesse am Programmieren fing früh an. Als Jugendlicher habe ich auf Taschenrechnern physikalische Formeln und Spiele programmiert, „Lunar Lander“ zum Beispiel. Dabei musste man eine Raumkapsel sicher auf der Mondoberfläche landen. Es gab zwei Parameter: Höhe und Bremsraketen, die Zahl im Display stand für die Höhe über dem Mond. Ich habe gleich mehrere Varianten davon programmiert. Heute spielen Computer eine wesentliche Rolle in meiner Forschung. Ich beschäftige mich mit geometrischer Grundlagenforschung im Zusammenhang mit linearen Optimierungsproblemen in den Ingenieurwissenschaften und in biologischen Anwendungen.

Gemeinsam mit Kollegen habe ich die Software „polymake“ programmiert, eine flexible Forschungsplattform für geometrische Kombinatorik, die weltweit genutzt wird. Mit polymake kann man geometrische Informationen für Optimierungsprobleme gewinnen. Wir haben damit zum Beispiel ein Motorensteuerungsproblem analysiert, das von sechs Parametern abhing. Die Standardmethoden waren dafür nicht einsetzbar, aber mit polymake haben wir Methoden gefunden, um es geeignet zu modellieren.

Gerade weil ich Computer häufig nutze, denke ich immer wieder grundsätzlich darüber nach, wie wir mithilfe von Computerrechnungen zu gültigen mathematischen Beweisen gelangen können. Solche Fragen spielen im Moment nur ein Nischendasein, aber ich denke, in Zukunft wird uns das viel mehr beschäftigen, weil Computer immer häufiger mathematische Sachverhalte klären.

Mathematische Probleme lassen mich oft über Tage, Wochen oder Jahre nicht mehr los. Das geht auch abends und nachts im Kopf weiter, und es kommt durchaus vor, dass ich morgens mit einem Funken einer neuen Idee aufwache, der sich unter der Dusche dann zu etwas Brauchbarem entwickelt. Das permanente Beschäftigen mit einem Problem bringt mich voran.

Für viele Menschen sind Zahlen etwas Fremdes, das mit dem Alltag nichts zu tun hat, sie haben keine natürliche Beziehung zu ihnen. Als Mathematiker habe ich da keinerlei Berührungsängste, wir nehmen sie anders wahr – Zahlen sind unsere Freunde.

In meinem Kopf spielen geometrische Bilder eine wesentliche Rolle. Ich fotografiere seit vielen Jahren, und in meinen Bildern suche ich nach geometrischen Formen in meiner Umgebung. Aber auch wenn ich einfach nur durch die Stadt laufe und eine gewisse Form beobachte, kann das auf den Gedankenprozess zurückwirken. Es ist eine visuelle Inspiration, die meine Gedanken in eine unerwartete Richtung lenkt.

Video: Mirco Lomoth