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Hilfe für krebskranke Kinder

Angelika Eggert will mit ihrer Forschung die Heilungschancen für krebskranke Kinder verbessern. Die renommierte Krebsspezialistin ist seit Anfang Juli Einstein-Professorin für Pädiatrische Onkologie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin. 

Es ist ein trauriger Anblick, wenn ein Kind ohne Haare auf der onkologischen Station sitzt und lernen muss, mit der neuen Situation umzugehen. Rund 2.000 Kinder und Jugendliche erkranken in Deutschland jährlich an Krebs, am häufigsten an Leukämie und Tumoren des Gehirns, der Lymphknoten und des Nervensystems. „Besonders bewegend ist, dass sie noch so viele Lebensjahre übrig haben, die man retten möchte“, sagt Angelika Eggert. Die Krebsspezialistin erforscht Tumore, um die Heilungschancen krebskranker Kinder zu verbessern – seit Anfang Juli in Berlin: als Einstein-Professorin und Leiterin der Klinik für Pädiatrie mit den Schwerpunkten Onkologie und Hämatologie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin. 

„Zum Glück können wir mit den Eltern meist schon nach der Diagnose ein positives Gespräch führen“, sagt Eggert. Denn während die Heilungsraten bei Erwachsenen je nach Tumorart zwischen null und 50 Prozent liegen, können im Kindesalter 80 Prozent aller Krebserkrankungen geheilt werden. Für die engagierte Forscherin ist das kein Grund, sich auszuruhen: „Wir können viel anbieten, aber langfristig wollen wir Heilungsraten von 100 Prozent erreichen.“ 

Auf akademische Forschung angewiesen

Bisher wurden Fortschritte vor allem durch bessere Kombinationen von Chemotherapie, Operation und Bestrahlung erzielt, doch diese Möglichkeiten sind weitgehend ausgereizt. „Wir hoffen, dass neue Medikamente, die auf der Molekularebene bestimmte Eigenschaften eines Tumors angreifen, entscheidende Durchbrüche bringen werden“, sagt Eggert. „Leider hinkt die Kinderonkologie in der Medikamentenentwicklung hinterher, weil die wenigen Patienten für die Pharmaindustrie kein attraktiver Markt sind. Wir sind daher auf akademische Forschung angewiesen.“ 

Ein Einzelschicksal brachte Eggert zur Kinderonkologie – ein an Leukämie erkranktes Kind, das mit seiner Mutter in eine Vorlesung an der Universität Essen kam. „Das hat mich sehr berührt und motiviert, krebskranken Kindern zu helfen“, sagt Eggert, die schon vorher Kinderärztin werden wollte. Von diesem Moment an liest sich ihr Lebenslauf wie die Papier gewordene Umsetzung dieses Entschlusses: Eggert schreibt ihre Doktorarbeit in onkologischer Grundlagenforschung, beginnt kurz darauf mit der Forschung am Neuroblastom, einem häufigen Tumor bei Kindern, der seinen Ursprung im autonomem Nervensystem hat, geht 1997 für drei Jahre an das damals auf dem Gebiet weltweit führende Children’s Hospital of Philadelphia, kehrt an die Universität Essen zurück und gründet ein eigenes Labor zur Neuroblastom-Forschung, das heute um die 30 Mitarbeiter zählt. Sie habilitiert, wird 2007 Direktorin des Westdeutschen Tumorzentrums in Essen und 2008 Leiterin der Klinik für Kinderheilkunde am Universitätsklinikum Essen. Heute gilt sie als eine der führenden Onkologinnen Deutschlands. 

Ihre Forschung am Neuroblastom will die Einstein-Professorin jetzt in Berlin verstärkt fortsetzen. „Die Tumorart fasziniert mich, weil er zwei sehr unterschiedliche Verlaufsformen haben kann: sehr junge Patienten unter zwei Jahren haben oft einen bösartigen Tumor, der sich erstaunlicherweise spontan zurück bilden kann, die schlimmere Verlaufsform lässt sich jedoch auch durch aggressive Chemotherapie oder Knochenmarktransplantation oft nicht mehr heilen“, sagt Eggert. „Wir wollen die positive Verlaufsform verstehen, um das Wissen für die Patienten zu nutzen, die wir bisher nicht heilen können.“

Einstein Stiftung finanziert Laboreinrichtung

Um Neuroblastom-Patienten in Berlin künftig maßgeschneiderte und Erfolg versprechende Therapien anbieten zu können, will Eggert das molekulare Forschungsprogramm der Klinik in den nächsten Jahren entscheidend ausbauen. Tumore sollen mit modernsten Technologien untersucht und Patienten je nach Ergebnis individuell behandelt werden. Auch Patienten mit akuter Leukämie und Weichteiltumoren sollen von der entstehenden Infrastruktur profitieren. Die Charité stellt die dafür notwendigen Laborflächen auf dem Campus Virchow-Klinikum in Berlin-Wedding zur Verfügung, die Einstein Stiftung finanziert die Laboreinrichtung. „Damit füllt die Einstein-Stiftung eine sehr wichtige Lücke in der Finanzierung.“

Ein entscheidender Anreiz für Eggert, nach Berlin zu kommen, war die Gründung des neuen Berliner Instituts für Gesundheitsforschung aus der Charité-Universitätsmedizin und dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin. „Ich verspreche mir sehr viel von dieser attraktiven Konstellation, bei der wir in der Klinik Fragestellungen definieren können und Partner in der Grundlagenforschung haben, die ihre Expertise und ihre technischen Möglichkeiten einbringen“, sagt Eggert, die weitere Kooperationen mit dem Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik und dem Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie anstrebt. „Berlin ist für mich ein sehr dynamischer Forschungsstandort, ich finde hier genau die Kombination von Instituten, die ich für meine Forschung brauche.“ 

Doch bis die Heilungschancen für junge Krebspatienten bei einhundert Prozent liegen, ist es noch ein weiter Weg. „Viele Menschen verstehen nicht, dass mir mein Job mit krebskranken Kindern Spaß machen kann, aber es gibt immer wieder schöne Momente und Erfolgserlebnisse“, sagt die 46-Jährige. Und wenn ein Kind doch einen Rückfall erlebt und verstirbt, dann geht sie umso entschlossener ins Labor. „Oft klappt dann etwas Unerwartetes, was uns neue Perspektiven eröffnet.“

Text, Video und Foto: Mirco Lomoth

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