Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Jesse Prinz

Jesse Prinz ist Einstein Visiting Fellow und Professor für Philosophie am Graduiertenzentrum der City University of New York (CUNY). Seit 2015 leitet er die Einstein-Gruppe „Consciousness, Emotions, Values“ an der Berlin School of Mind and Brain → www.einsteinmindbrain.de

Der Kopfkünstler

Es ist Vormittag, die Berliner Gemäldegalerie hat gerade erst geöffnet, durch die Hallen schlendert ein Mann in grauen Jeans, dunkelgrauem Jackett und schwarzen Wanderschuhen. Seine Haare strahlen so pink, dass ihm die Kinder einer Schulklasse mehr Beachtung schenken als dem Rembrandt, den die Lehrerin ihnen gerade erklären will. Jesse Prinz, der Mann mit den auffälligen Haaren, ist Professor an der City University of New York und einer der profiliertesten Philosophen des Geistes. Seit 2015 ist er Einstein Visiting Fellow an der Berlin School of Mind and Brain. An diesem Vormittag ist er auf der Suche nach einem Bild des florentinischen Malers Piero del Pollaiuolo – „Bildnis einer jungen Frau im Profil“. Er kennt es seit seiner Kindheit. „Eine Reproduktion davon hatte meine Großmutter immer bei sich, bis ins hohe Alter“, sagt Prinz. Als Jugendlicher ist er mit ihr zusammen einige Male von New York nach Berlin gereist. Sie zeigte ihm die Stadt, aus der sie vor den Nationalsozialisten fliehen musste, die Museen, die sie geliebt hatte. Sie war Kunsthistorikerin. „Mit ihr habe ich damals auch ein bisschen Deutsch gesprochen.“

 

Vielleicht war es die Liebe seiner Großmutter zur Kunst, die ihn selbst zu einem Kunstkenner machte – und zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Ästhetik brachte, einem seiner weitverzweigten Forschungsschwerpunkte. Prinz besitzt den Blick für die großen Verbindungslinien. Die Einstein-Gruppe, die er an der Berlin School of Mind and Brain leitet, heißt „Consciousness, Emotions, Values“ – also „Bewusstsein, Emotionen, Werte“. Dieses Begriffsdreieck markiert einen theoretischen Rahmen, aus dem er Fragen zu Ethik, Erkenntnistheorie und Ästhetik ableitet: Welche Rolle spielen Emotionen bei der Bildung moralischer Urteile? Welche psychologischen Prozesse beeinflussen unsere Wahrnehmung der Welt? Und wie trägt das Staunen zu unserer Erfahrung und unserem Verständnis von Schönheit und Erhabenem in der Kunst bei? 

 

„Als Menschen empfinden wir uns im Angesicht großer Kunst als klein und unbedeutend“

 

Prinz gehört einer Generation von Philosophen an, die über den Tellerrand der abstrakten Reflexion hinausschauen und auch empirische Erkenntnisse in ihre Theoriebildung einbeziehen. Dazu führt er psychologische Experimente durch. Einmal zeigte er Probanden verschiedene Gemälde, einige von anerkannten Meistern, andere waren Fälschungen oder stammten von unbedeutenderen Künstlern – eine Information, die er den Probanden nicht vorenthielt. Die Betrachter standen anderthalb Meter vor Reproduktionen der Bilder und sollten deren Größe schätzen. Interessanterweise schätzten sie die Meisterwerke im Durchschnitt einige Zentimeter zu groß, die anderen Bilder etwas zu klein ein. „Das hat damit zu tun, dass wir uns als Menschen im Angesicht großer Kunst als klein und unbedeutend empfinden“, deutet Prinz die Ergebnisse. Wir sehen und beurteilen ein Bild nicht für sich genommen, sondern immer in seinem Kontext. Das Experiment war ein kleiner Beitrag zu einer Debatte der Ästhetischen Theorie.

 

Für einen Philosophen ist ein solches Vorgehen ungewöhnlich. Lange Zeit gehörte die Durchführung von Experimenten nicht zum methodischen Repertoire der Disziplin. Im 20. Jahrhundert dominierte, besonders im angelsächsischen Raum, die rationalistische Schule. Einflussreiche Philosophen wie Heidegger, Wittgenstein oder zuvor Kant hielten Naturwissenschaften und Philosophie streng getrennt. Doch die Einbeziehung empirischer Methoden, das ist Prinz wichtig zu erwähnen, ist kein Bruch mit der philosophischen Tradition – experimentelle Philosophie gab es bereits im 17. Jahrhundert. Er sieht sich in der Tradition britischer Empiristen wie David Hume. „Seine These lautete: Erfahrung beruht auf Wahrnehmung, Moral auf Emotionen. Allein durch begriffliche Reflexion kann man beides nicht erklären.“

 

Als Einstein Visiting Fellow kommt Prinz über drei Jahre regelmäßig nach Berlin, in die Stadt seiner Großeltern. Wie die Großmutter teilte auch sein Großvater, Joachim Prinz, eine Leidenschaft für die Kunst. Auch er war Philosoph und zudem beliebter Rabbiner in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße. Nach der Flucht der Familie vor den Nationalsozialisten, 1937, wurde er in den USA zum Bürgerrechtler. Als Martin Luther King beim Marsch auf Washington seine berühmte Rede „I have a dream“ hielt, stand Joachim Prinz neben ihm auf der Tribüne.


„Die Berliner Punkrocker wollten die Menschen mit ihrer Musik verstören. An den Wänden lasen wir Graffitis wie ‚Amis raus!‘“

 

Jesse Prinz’ Berlin, das ist jedoch nicht nur das Berlin seiner Großeltern, die Gemäldegalerie und die Synagoge in der Oranienburger Straße, sondern auch das wilde West-Berlin der Vorwendezeit. „In den 80er Jahren kamen mein Bruder und ich her, um uns Kreuzberg anzusehen. Wir hatten gehört, dass es cool und irgendwie wild war“, sagt Prinz. Sein Bruder machte damals Musik und zog mit ihm durch die Clubs, für die das morbide Westberlin damals bekannt war. „Die Berliner Punkrocker wollten die Menschen mit ihrer Musik verstören. An den Wänden lasen wir Graffitis wie ‚Amis raus!‘ Wir wurden als amerikanische Teenager nicht gerade mit offenen Armen empfangen, aber die Szene war auf charmante Weise grob.“ Heute zieht es ihn eher in die vielen Galerien der Stadt. 

 

Man sieht Prinz den Punkrocker noch an, der in seiner Jugend in ihm steckte. Etwas Rebellisches hat er sich erhalten, in seinen pinkfarbenen Haaren, die auch schon mal blau waren, in seinem Denken – und in einer Marotte, die er pflegt. Wer sich auf Jesse Prinz’ Internetseite subcortex.com umschaut, stößt nämlich auf unzählige Zeichnungen menschlicher Köpfe mit meist ausdruckslosen Gesichtern, aus denen Elefanten oder Schrauben herauswachsen, in denen Uhrwerke ticken oder kleine Menschen wohnen. „Das sind Kritzeleien, ich habe schon Tausende davon. Ich kritzele, wenn ich mir Vorträge anhöre“, sagt Prinz. „Auf Köpfe kam ich, weil es in eigentlich allen Vorträgen um den Geist geht. Das Kritzeln bringt mich zu einem ‚Sweet Spot’ der Aufmerksamkeit: Meine Gedanken können so nicht einfach abschweifen, aber ich kann auch nicht zu stark ins Grübeln über das Vorgetragene geraten.“ Auch dazu hat Prinz schon Experimente durchgeführt. Das Ergebnis: Kritzelnde Probanden nehmen Informationen besser auf. Allerdings nur, wenn sie ziellos kritzeln dürfen. 

 

„Manche Neurowissenschaftler, die den freien Willen infrage stellen, haben sich mit der philosophischen Seite überhaupt nicht befasst.“

 

Die Frage, wie denn der Geist und das, was in den Köpfen drin ist, zusammenhängen, beschäftigt Prinz immer wieder. Die Naturwissenschaften haben uns gelehrt, dass das Gehirn eine biochemische Maschine ist, deren Funktion den Naturgesetzen unterworfen ist. Zugleich spielt sich in unseren Köpfen ein reiches Innenleben ab: Bewusstsein, Emotionen, ein freier Wille. Wie passen diese beiden Welten zusammen? Und wie kann man sie angemessen beschreiben, ohne sich in Widersprüche zu verwickeln?

 

In der Philosophie bezeichnet man diesen Fragenkomplex als das „Leib-Seele-Problem“. Das Thema ist nicht neu, doch hat durch die Neurowissenschaften frische Impulse bekommen. Zudem haben sich Neurowissenschaftler in die philosophische Debatte eingeschaltet. Einige bestreiten etwa, dass der Mensch einen freien Willen habe – Entscheidungen, so ihr Argument, treffe das Gehirn ohne unser Zutun und Bewusstsein darüber, und auch die Idee der Verantwortung sei eine Illusion. Diese Art des radikalen Reduktionismus ist in der Philosophie umstritten. Jesse Prinz kennt beide Seiten der Debatte, die neurophysiologische und die philosophische. „Manche Neurowissenschaftler, die den freien Willen infrage stellen, haben sich mit der philosophischen Seite überhaupt nicht befasst. Sie äußern sich in Fragen, die seit Jahrhunderten debattiert und wissenschaftlich bearbeitet werden. Dadurch unterlaufen ihnen oft rudimentäre Fehler.“

 

Jesse Prinz ist ein schlagfertiger Gesprächspartner. Auf fachliche Fragen antwortet er so eloquent, als hätte er sie vorher gekannt. Und er argumentiert mit Leidenschaft. Man merkt ihm an, dass er es nicht für ein folgenloses Gedankenspiel hält, welche Seite recht hat. Die Debatte um das Gehirn und den Geist etwa, reiche bis in die Verteilung von Forschungsbudgets hinein: „Über Generationen hat sich in den Wissenschaften ein extremer Trend zum Reduktionismus etabliert und eine tiefe Skepsis gegen humanistische Methoden. Viele Wissenschaftler tendieren zum Naturalismus, also zu der Ansicht, dass die menschlichen Fähigkeiten stark von unserer Biologie bestimmt sind. Das hat dazu geführt, dass viel Geld in die teure Erforschung genetischer und neurobiologischer Erklärungen unseres Verhaltens investiert wird – zulasten anderer Disziplinen.“ 

 

„Es wäre lächerlich, bei Selbstmordattentaten nach bestimmten Hirnprozessen zu suchen, um sie zu erklären. Die Erklärung liegt klar anderswo.“

 

Etwa der Erforschung von Suchtursachen. „Der Beitrag, den die Gene einer Person darauf haben, ob sie Suchtverhalten ausbildet, ist jedoch extrem klein. Studien zeigen, dass kulturelle und ökonomische Faktoren eine viel größere Rolle spielen“, sagt Prinz. „Oder nehmen wir ein Phänomen wie Selbstmordattentate. Es wäre lächerlich, nach bestimmten Hirnprozessen zu suchen, um sie zu erklären. Die Erklärung liegt klar anderswo. Wir müssen auf die Geschichte schauen, auf kulturelle Aspekte, auf die Erziehung und die Umstände, unter denen Menschen aufwachsen.“ 

 

Er sagt das nicht, ohne zu betonen, dass er sehr an den Nutzen der Neurowissenschaften glaubt. Kaum einen Artikel hat er geschrieben, in dem er nicht neurowissenschaftliche Studien zitiert hätte, kein Buch, das nicht auf ihren Erkenntnissen fußen würde. „Der Blick auf das Gehirn kann an bestimmten Punkten extrem hilfreich sein. Aber um den Geist zu durchleuchten, braucht es auch Philosophie, Geschichte, Soziologie, Literatur und Kunst. All diese Ansätze sind für die Erklärung menschlichen Verhaltens mindestens so wichtig wie alle Daten, die wir aus einem Magnetresonanztomografen bekommen.“ 

 

Prinz hat in der Gemäldegalerie das Bild von Piero del Pollaiuolo gefunden. Es zeigt eine blasse Frau mit feinen Gesichtszügen und einem aufwendig gearbeiteten Kleid vor kräftig hellblauem Hintergrund. „Das ist offensichtlich eine Auftragsarbeit von jemandem, der sehr reich war und damit sagen wollte: Das ist meine Frau, das ist das teure Kleid, das ich ihr gekauft habe, und das ist der Meister, bei dem ich das Gemälde in Auftrag gegeben habe.“ Warum trug seine Großmutter ausgerechnet dieses Bild immer bei sich? „Sie fühlte sich immer als Berlinerin, es war für sie eine Erinnerung an ihre Stadt.“

 

Auf dem Weg zum Ausgang passieren wir das bekannte Ölgemälde „Mann mit dem Goldhelm“. Prinz hält kurz inne. Lange Zeit hielt man das Werk für einen Rembrandt, erzählt er, doch seit den 80er Jahren wird es einem Maler seines Umfelds zugeschrieben. Das führte zu einer Umwertung, die sich in seinen psychologischen Experimenten messen ließ. „Das Bild ist dadurch im Auge des Betrachters gewissermaßen kleiner geworden“, sagt Prinz. „Darauf hat man auch hier in der Ausstellung reagiert: Es hängt jetzt nicht mehr im Saal mit den großen Meisterwerken, sondern in einer Ecke neben einem Durchgang.“ Er selbst widmet dem falschen Rembrandt weiterhin einen Ehrenplatz: Eine Reproduktion steht auf seinem Schreibtisch in New York. 

 

Text: Martin Kaluza

Foto: Pablo Castagnola/Einstein Stiftung Berlin