Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Exzellente Forschung stützen, nicht kürzen

Kürzungen in der Berliner Wissenschaft sind kurzsichtig. Die Einstein Stiftung braucht ganz im Gegenteil mehr Geld – zum Wohl des Standorts. 

Gastbeitrag im Tagesspiegel von Martin Rennert, Vorstandsvorsitzender der Einstein Stiftung Berlin

Foto: Daniel Nartschick

Es gehört zu den unschönen Erfahrungen, dass die erfolgreiche Erfüllung einer Aufgabe auch unangenehme Folgen haben kann. Überspitzt gesagt, widerfährt dies gegenwärtig der Einstein Stiftung Berlin.

Seit zwölf Jahren hat sie ihrem Stiftungszweck entsprechend viel zur Entwicklung der Berliner Wissenschaft beigetragen. Von Forschungsverbünden und international bedeutenden Berufungen, von interdisziplinären Projekten könnte ich schreiben, von Programmen zur Förderung bedrohter Wissenschaftler – in diesen Tagen von besonderer Bedeutung – , von Unterstützung gemeinsamer Forschungsprojekte mit Oxford.

Wie exzellente Forschung unterstützen?

Doch angesichts drohender Mittelkürzungen im geplanten Doppelhaushalt des Landes stellt sich die dringende Frage, wie die Stiftung weiterhin exzellente Forschung, die für Berlin von herausragendem – auch wirtschaftlichem! – Interesse ist, unterstützen kann.

Bei oberflächlicher Betrachtung geht es der Stiftung gut. Etwa 45 Millionen Euro standen der Einstein Stiftung 2020/2021 zur Verfügung. Eine stattliche Zuwendung, mit der das Land die Spitzenforschung in Berlin unterstützt – zusätzlich zu den Hochschulverträgen und dem obligatorischen Landesanteil Berlins für seine in der Exzellenzstrategie erfolgreichen Universitäten und die Charité. Zu viel? Am Ende des Doppelhaushalts wurden ja etwa 10 Millionen Euro nicht verbraucht! Doch gleichzeitig ruft die Stiftung nach mehr Geld. Ein Aufwuchs von 3 bis 4 Millionen Euro sei dringend notwendig. Wie erklärt sich das?

Es ist rätselhaft, warum die für den Stiftungszweck unabdingbaren Zuwendungen des Landes so kleinteilig, auf sieben Töpfe und eindeutig markiert verteilt wurden. Bleibt in einem etwas übrig, darf es in keinem Fall dort verwendet werden, wo gewaltiger Bedarf besteht – und über das Jahresende können Gelder auch nur im Einzelfall und nach aufwendigen Genehmigungsprozessen übertragen werden.

Eine Übersicht: Nur Topf 1 kann frei für Projekte, Personen und Strukturen verwendet werden. Genau da wird Erfolg zur Hypothek: Auf Grund unserer anerkannt guten Arbeit erhalten wir immer mehr herausragend begutachtete Anträge. Würde das Geld aber nicht mehr, wären die Folge Kürzungen, oder schlimmer: außerordentlich bewertete Anträge würden nicht finanziert und gingen für Berlin verloren.

Topf 2 wird nur geöffnet, wenn die Stiftung private Gelder eingeworben hat. Dann erhält sie für jeden Euro aus dem privaten Sektor weitere 50 Cent. In diesen Zeiten Geld einzuwerben ist eine Herausforderung. Wir betrachten es als großen Erfolg, dass uns dies dennoch gelingt: Alleine die Damp-Stiftung engagiert sich mit 3,5 Millionen Euro jährlich.

Topf 3 ist bedrohten, verfolgten und geflüchteten Wissenschaftlern vorbehalten: fast immer leer. Topf 4 ist exklusiv für das Einstein-Zentrum Digitale Zukunft, ein bedeutendes Forschungsprojekt. Topf 7: exklusiv für ein weiteres Zukunftsthema, das Einstein-Zentrum zur Reduzierung von Tierversuchen in der Forschung. All diesen Töpfen ist gemein, dass jeder Entnahme ein Begutachtungs-, Bewertungs- und Entscheidungsprozess der Stiftung vorausgeht.

Die Entwicklung von Vorhaben braucht Zeit

Die nach zwei Jahren 12 Millionen Euro schweren Töpfe 5 und 6 schließlich stehen zwar in unserer Schatzkammer, Zugriff darauf hat jedoch nur die Berlin University Alliance (BUA). Begutachtungsverfahren der Stiftung münden in Empfehlungen, die Entscheidung über die Verwendung der Mittel liegt bei der BUA. Von hier fließt in den Unis und der Charité dringend benötigtes Geld am Jahresende zurück an das Land. Wieso? Wer jemals im Bereich des Hochschulmanagements Erfahrung gesammelt hat, weiß, dass die Entwicklung von Forschungsvorhaben auf Exzellenzniveau sich nicht den Fristen eines Landeshaushalts unterwerfen kann – sie müssen international strahlen, nicht vorrangig am 31. Dezember abgerechnet haben. Sie brauchen Zeit.

So kann der Eindruck entstehen, dass die Stiftung auskömmlich finanziert ist. Da sie aber diese Gelder nur ohne Verfügungsgewalt verwaltet, ist der Ruf nach einer Aufstockung des Haushalts gleichfalls sehr plausibel. Der entscheidende Topf 1 ist leer, und nur mit ihm kann die Stiftung mittelfristig ihren Zweck erfüllen. Initiativen für Forschungsverbünde in für Berlin wichtigen Bereichen, wie Population Diversity, Climate Change, Future Urban Mobility, Cardio-Vaskuläre Präzisionsmedizin, Single Cell Medicine u.a stehen ante portas. Zentren zu Regenerativen Therapien, Katalyse, Neurowissenschaften etc. werden bereits gefördert.

Für sie alle hat Berlins Regierung im Koalitionsvertrag zusätzliche Mittel in Aussicht gestellt – aus gutem Grund, denn die Entwicklung des Wissenschaftsstandorts Berlin ist eine international strahlende, einzigartige Erfolgsgeschichte. In aller Bescheidenheit: an dieser hat die Einstein Stiftung Berlin erheblichen Anteil.

Dieser Text ist erstmals am 6. April 2022 in der Print-Ausgabe des Tagesspiegels erschienen. Zur Online-Fassung gelangen Sie hier.