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Wasser & Klima interdisziplinär: Interview zur Einstein Research Unit

Ökologin Britta Tietjen und Anthropologe Jörg Niewöhner im Interview über das neue Verbundprojekt und ökologische Herausforderungen

Der nur von Grundwasser gespeiste Groß Glienicker See, genau auf der Grenze von Berlin und Brandenburg, mit seinen seit Jahren fallenden Wasserständen wird eines der Fallbeispiele CliWaC sein. Foto: Dieter Scherer

„Ein Thema wie Wasser kann nicht entlang von Disziplinen bearbeitet werden“

Die zweite Einstein Research Unit der Berlin University Alliance beschäftigt sich mit Klima und Wasser im Wandel

 

Starkregen und Überschwemmungen, Hitzerekorde und anhaltende Trockenheit – extreme Wetterereignisse haben in den vergangenen Wochen und Monaten ganz Deutschland betroffen. An sich sind Extremwettererscheinungen nicht ungewöhnlich, jedoch treten sie in jüngerer Vergangenheit gehäuft auf – und durch den Klimawandel erwarten Forscherinnen und Forscher eine weitere Verschärfung der Risiken. 

Wie sich der Klimawandel auf die Verfügbarkeit und Qualität von Wasser auswirkt und wie die neuen Herausforderungen für die Bewirtschaftung von Wasserressourcen bewältigt werden können, untersuchen jetzt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Verbundpartnerinnen der Berlin University Alliance (BUA). In der Einstein Research Unit (ERU) Climate and Water under Change (CliWaC) widmen sie sich der stark von Wasserknappheit betroffenen Region Berlin-Brandenburg. Sprecherin und Co-Sprecher sind die Ökologin Britta Tietjen, Professorin am Institut für Biologie der Freien Universität Berlin, und der Anthropologe Jörg Niewöhner, Professor am Institut für Europäische Ethnologie und Direktor des IRI THESys der Humboldt-Universität zu Berlin.

Frau Tietjen, Herr Niewöhner, was erforschen Sie genau im Verbundprojekt?

Britta Tietjen: Mit CliWaC wollen wir systematisch in einem ganzheitlichen Ansatz gemeinsam mit vielen verschiedenen Disziplinen sowie Akteurinnen und Akteuren aus der Praxis untersuchen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf das Wasser in unserer Region hat.

Dafür schauen wir, wie sich das Klima hier in Berlin-Brandenburg verändert und welche Auswirkungen dies auf ganz verschiedene Bereiche hat, auf Ökosysteme, auf das Überschwemmungs- und Abwassermanagement, auf das Wasserressourcenmanagement. Schließlich geht es auch darum, wie man mit diesen Auswirkungen umgehen kann, welche Lösungsstrategien es gibt, aber auch, welche Konflikte wiederum bei diesen möglichen Lösungen für andere Bereiche auftreten. Ganz praktisch untersuchen wir das gesamte System an drei großen typischen Fallstudien: Ein Flusseinzugsgebiet der Spree, den Groß Glienicker See und den Sacrower See als Seengebiete sowie Überschwemmungen bei Extremereignissen in der Stadt.

Wie ist der Forschungsverbund aufgebaut?

 

Britta Tietjen: Wir haben drei große Projektteile. Teil A beschäftigt sich mit den zu erwartenden Klimaänderungen in der Region. Teil B, in dem ich als theoretische Ökologin arbeite, untersucht die Auswirkungen dieser Veränderungen in verschiedenen Bereichen sowie welche Auswirkungen einzelne Handlungen auf andere Sektoren haben.

Eine Teilgruppe beschäftigt sich beispielsweise mit der Veränderung von Mikroorganismen im Boden unter Dürre. Im nächsten Schritt wird geschaut, wie sich dadurch die Böden verändern, zum Beispiel die Fähigkeit, im Boden Wasser zu speichern oder Wasser aufzunehmen – welche Auswirkungen hat das zum Beispiel auf das Erosionsrisiko. Und was mit den Pflanzen im Ökosystem passiert, wenn die Böden derart ausgetrocknet sind, schaue ich mir an. Die Wahrscheinlichkeit für Großfeuer in Brandenburg etwa nimmt immer weiter zu, weil die Wälder nicht gut angepasst sind. Gibt es Möglichkeiten, die Wälder resilienter, also stabiler gegen diesen Stress zu machen? Ein Weg ist hierbei, auf andere Arten zu setzen, die Wälder stark umzubauen zu mehr Laub- oder Laubmischwäldern.

Jörg Niewöhner: Im Arbeitsbereich C, in dem ich angesiedelt bin, geht es um eine Bestimmung dessen, was wir hydrosoziale Territorien nennen. Unterschiedliche Akteurinnen und Akteure gestalten Landschaften in Bezug auf Wasser unterschiedlich: nachhaltiger oder kompetitiver, optimiert auf Landwirtschaft oder Freizeit. Wir versuchen, zu verstehen, welche Stakeholder, welche Akteurinnen und Akteure wie mit Wasserrisiken umgehen, wer sich auf Klimawandel wie einstellt, wer welche Befürchtungen hat. Auch, was sie selbst für Lösungsstrategien haben und ob diese Maßnahmen überhaupt umsetzbar sind. Welche Auswirkungen haben sie wiederum auf andere Bereiche?

Zudem schauen wir uns bestehende Verwaltungsregime an. Wie wird das Thema Wasser in Berlin momentan verwaltet und wie stellt sich die öffentliche Verwaltung, Behörden, Ämter und die Politik auf die kommenden Veränderungen ein?

Mit welchen beteiligten Gruppen kooperieren Sie?

Britta Tietjen: Durch Kooperationen in früheren Projekten haben wir bereits Kontakte zu verschiedenen Stakeholderinnen und Stakeholdern, von denen viele großes Interesse an einer Zusammenarbeit bekundet haben. Dau zählen zum Beispiel die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, das Landesamt für Umwelt, die Berliner Wasserbetriebe und auch der Naturschutzbund Deutschland (NABU). Auch Interessierte aus der Landwirtschaft, also die Nutzerseite, sind dabei. Ebenso wie eine Reihe von zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich Wasserthemen verschrieben haben, etwa zur Renaturierung der Panke, Interessengemeinschaften um den Groß Glienicker See herum oder der Berliner Wassertisch.

Bei einem ersten großen Treffen wollen wir dringende Fragestellungen der Akteurinnen und Akteure bestimmen, aber auch sehen, was für uns wissenschaftlich von Interesse ist, und überlegen, wie wir das zusammen bringen können. Dass durch dieses Projekt diese vielen Personengruppen und diese Expertise zusammen gebracht werden, ist toll.

 

Wie hat die BUA dieses Projekt ermöglicht? Was wäre vorher nicht möglich gewesen?

 

Britta Tietjen: Es ist ganz schwierig, solche interdisziplinären und transdisziplinären Projekte in dieser Größenordnung mit der Einbindung von Stakeholderinnen und Stakeholdern aufzustellen. Unser gewählter Ansatz wäre durch kein anderes Förderformat der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder des Bundesministeriums für Bildung und Forschung möglich gewesen. Das ist ein klarer Vorteil der Einstein Research Units.

 

Jörg Niewöhner: Ein ganz klares Plus sind auch die intern kompetitiven Förderinstrumente, die zu einem sehr intensiven Gespräch innerhalb der Berliner Forschungslandschaft führen. Man orientiert sich sehr schnell nach außen und sucht die spannenden internationalen Kooperationspartnerinnen und -partner in seinem Feld. Beim Wasserthema hat sich gezeigt, dass es sehr viel bringt, auch nach innen zu gucken. Das hätten wir sonst nicht in dem Maße getan und schon gar nicht in der Breite mit der zentralen Beteiligung von Praxispartnerinnen und -partnern. Das ist ein sehr positiver Effekt. Ohne die BUA wäre das in der bestehenden Förderlandschaft nicht passiert.

 

Zudem haben wir erfolgreich ein Nebenprojekt eingeworben im Rahmen der Experimentallabore Wissenschaftskommunikation der BUA: AnthropoScenes. Making Sustainable Futures Public. Dort binden wir kommunikative Formate ein, mit denen wir das Thema mehr in die Öffentlichkeit bringen wollen. Auch das ist eine fantastische Chance.

 

Wie sieht die Kooperation zwischen dem Experimentallabor und CliWaC genau aus?

 

Jörg Niewöhner: AnthropoScenes ist eine Zusammenarbeit zwischen einer Auswahl von CliWaC-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftlern und dem Theater des Anthropozäns. Das Theater ist eine Form der Wissenschaftskommunikation, bei der wissenschaftliche Inhalte in performative Theaterformate gebracht werden, um damit die Öffentlichkeit anders zu erreichen und neue Gesprächskanäle zu öffnen – in beide Richtungen. Unser Wunsch ist, diesen Raum auszutesten. Zum Beispiel wollen wir mit einem Theaterbus durch Brandenburg fahren und im Humboldt Labor ein Spiele-Show-Format zeigen. Über diese performativen Formate wollen wir andere Menschen und Menschen anders erreichen als wir es normalerweise tun, wenn wir sie als Forschende ansprechen.

 

Denken Sie schon an die Zeit nach der dreijährigen Förderungsdauer? Wie soll es danach weitergehen?

 

Jörg Niewöhner: Zuerst wollen wir das Projekt ans Laufen bekommen. Wir verstehen das nicht als eine Anschubfinanzierung, sondern wollen uns jetzt in das Projekt stürzen und die enorme Breite der Forschenden in die Projektstruktur integrieren. Es gibt offensichtliche Zusammenarbeitsbedarfe, auf die alle sehr gespannt sind. Die ersten anderthalb Jahre werden also davon geprägt sein, eine gemeinsame Zusammenarbeit zu entwickeln. Gleichzeitig ist es so, dass man nicht intensiv bis zum Ende forschen kann. Wir planen die Einrichtung einer Forschungsplattform, die dazu führt, die bestehenden Stärken und Kooperationen im Bereich Wasserforschung zusammenzuführen. Aus dieser Plattform könnten sich am Ende verschiedene Initiativen ergeben mit weiteren Teilfinanzierungen unterschiedlichster Laufzeiten und Förderer.

 

Worauf freuen Sie sich besonders mit Blick auf die kommenden drei Jahre?

 

Britta Tietjen: Für mich persönlich ist das Highlight, die verschiedenen Disziplinen zusammenzubringen und ganzheitlich auf die Probleme zu gucken. Also den ganzen Weg zu verfolgen, was eigentlich im Kleinen passiert, aber auch was das für Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, welche Lösungen es gibt. Das ist für mich eine fantastische Möglichkeit, Grundlagenforschung hin bis zur direkten gesellschaftlichen Relevanz zu bringen. Da freue ich mich drauf. Und auf die neue Zusammenarbeit mit den vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die ich bereits im Laufe der Antragstellung besser kennengelernt habe.

 

Jörg Niewöhner: Für den Gesamtverbund freue ich mich darauf, zu sehen, wie es zwischen den Naturwissenschaften und den Sozialwissenschaften vorwärtsgehen wird. Es ist allen klar, dass ein Thema wie Wasser nicht entlang von Disziplinen bearbeitet werden kann. Dass wir Wasser nicht nur als chemische Substanz oder nur als hydrologisches Problem begreifen, sondern auch die Frage stellen: Was bedeutet Wasser für die Gesellschaft? Diese unterschiedlichen Perspektiven in sicherlich irritierende, aber auch produktive Dialoge zu bringen, das finde ich das Spannendste daran und die größte Herausforderung.

 

Die Fragen stellte Marina Kosmalla

 

ERU Climate and Water under Change

Einstein Research Units sollen Forschungsverbünde in strategisch bedeutenden Bereichen der Berlin University Alliance aufbauen. Die Einstein Research Unit Climate and Water under Change wird mit sechs Millionen Euro für zunächst drei Jahre gefördert. Das interdisziplinäre Forschungsteam der Verbundpartnerinnen Freie Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, Technische Universität Berlin und Charité – Universitätsmedizin Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, das durch den Klimawandel verursachte Risiko von Wasserverfügbarkeit und -qualität zu erforschen und gemeinsam mit Gesellschaft, Verwaltung, Wirtschaft und Politik Lösungen für eine nachhaltige Bewirtschaftung von Wasserressourcen zu finden.

 

Weiterführende Links

- Gemeinsame Pressemitteilung zum Start der Einstein Research Unit zum Thema Klima und Wasser im Wandel

- Gemeinsame Pressemitteilung zur ersten Einstein Research Unit der Berlin University Alliance zum Thema Quantencomputing