Für die Wissenschaft. Für Berlin.

VI / X Das Berlin der Zukunft braucht ...

… den unabhängigen Blick

Im Wissenschaftsjournalismus und im Journalismus insgesamt haben wir zu lange von Illusionen gelebt, aber zu wenige Visionen entwickelt. Wir dachten, dass die Gesellschaft Qualitätsjournalismus als unverzichtbar ansieht, dass wir unsere Arbeit durch Werbung bezahlen können und dass es sinnvoll ist, Beiträge online zu verschenken.

Die harte Realität: Werbeeinnahmen landen hauptsächlich bei Google, viele Menschen springen von einem Kostenlos-Angebot zum nächsten, und gesellschaftliche Gruppen bauen mithilfe sozialer Medien eigene Suböffentlichkeiten auf. Deshalb schrumpfen Ressourcen, Personal und Recherchemöglichkeiten. Wissenschaftsredaktionen, auch der Berliner Zeitungen, sind deutlich kleiner als früher. Viele hochkompetente Kollegen arbeiten lieber auf sicheren Stellen in der Wissenschaftskommunikation. Diese Trends schwächen den Wissenschaftsjournalismus ungemein.

Meine erste Vision für den Wissenschaftsjournalismus der Zukunft ist, dass Bürger und gemeinnützige Akteure gezielt journalistische Projekte unterstützen können, die ihnen wichtig sind. Es wird für einen Reporter normal sein, Recherche oder den Faktencheck eines Beitrags direkt durch Unterstützer zu finanzieren. Mit RiffReporter, einer Genossenschaft für freien Journalismus, bauen wir derzeit die Infrastruktur hierfür auf.  Meine zweite Vision ist, dass wir den ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wert unserer Arbeit besser vermitteln. Guter Journalismus ist so etwas wie das Bindegewebe der Gesellschaft, wirkt Polarisierung entgegen, fördert den pluralistischen Dialog. Um das zu vermitteln, müssen wir wesentlich öfter ins direkte öffentliche Gespräch gehen. Wir RiffReporter kooperieren dafür in Berlin etwa mit der Zentral- und Landesbibliothek.

Drittens gehört es zu meinem Bild von der Zukunft, dass wir wirklich in die Tiefe gehen können. Statt, wie heute üblich, vom Schreibtisch aus zu arbeiten, stelle ich mir vor, dass wir genügend Mittel zur Verfügung haben, um überall präsent zu sein, wo Wissenschaft relevant ist – in den vom Klimawandel betroffenen Gebirgen, in den Hightech-Laboren, bei Tiefsee-Expeditionen, bei Menschen, die ihre Jobs wegen künstlicher Intelligenz (KI) verlieren, wie bei denen, die am KI-Boom verdienen.

Nur durch die Möglichkeit, sich mit Themen vertieft zu beschäftigen, können Journalisten einen unabhängigen Blick bieten. Dazu gehört, dass wir gegenüber der Wissenschaft als kritischer Akteur auftreten, der ein Korrektiv bietet, einen sachkundigen Blick von außen – und endlich das Missverständnis verschwindet, wir seien eine Art Sprachrohr der Wissenschaft.

Die Wissenschafts-Pressekonferenz, das Science Media Center und die RiffReporter-Initiative wirken daran mit, eine gute Zukunft für guten Wissenschaftsjournalismus zu ermöglichen. Umgekehrt braucht guter Journalismus aber auch die Unterstützung aus der Gesellschaft. Nur dann können meine Visionen Wirklichkeit werden.