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Kraftklub

Diese Stadt elektrisiert sie. Ye Meng-Yang und Piyush Ingale sind für ihre Doktorarbeit an die Berliner Graduiertenschule BIG-NSE gekommen. Beide haben sich den Prinzipien einer nachhaltigen Katalyseforschung verschrieben. Ye will dazu beitragen, Treibhausgase zu vermeiden, Ingale sucht nach Wegen, diese sinnvoll zu nutzen

 

Ye Meng-Yang und Piyush Ingale sind fast allein, als sie an diesem Morgen im August durch den weiten Innenhof laufen, vorbei an Graffiti und halb abgerissenen Plakaten, über holprige Betonplatten und entlang löchriger Backsteinmauern. Zu dieser Tageszeit braucht man schon ein wenig Fantasie, um zu erkennen, warum das RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain ein so beliebtes Ausgeh-Areal ist. Jahrzehntelang lag das Industriegebiet brach, bevor selbstverwaltete Ateliers, Clubs und Bars sowie eine Skater- und eine Kletterhalle es zu einem Anlaufpunkt für junge Leute aus aller Welt machten.

 

Als wir Sie beide nach Ihrem Lieblingsort in Berlin fragten, mussten Sie nicht lange nachdenken. Warum das RAW-Gelände?

 

PIYUSH INGALE Ich war neu in Berlin, im ersten Monat unserer Integrationsphase, in der die Studierenden unserer Graduiertenschule erste Kurse belegen, Deutschunterricht bekommen und die Abende gemeinsam verbringen. Einmal kamen wir zusammen her. Im Suicide Circus, einem der Clubs auf dem Gelände, war ich zum ersten Mal auf einer Party mit elektronischer Musik. Dieser Abend war der Beginn einer Reihe von Freundschaften in der Graduiertenschule.

 

YE MENG-YANG Ich habe das RAW-Gelände auch kurz nach meiner Ankunft in Berlin kennengelernt. Meine Vermieterin hatte es mir empfohlen. Ich habe dann an einem Septemberabend hier zugeschaut, wie Leute am Wasserturm kletterten. Das war großartig!

 

Wie kamen Sie darauf, sich an der BIG-NSE zu bewerben?

 

YE MENG-YANG Ich hatte bereits eine sehr genaue Vorstellung vom Thema meiner Promotion. Von meiner Heimatstadt Tianjin aus schrieb ich die bekanntesten Forscher meines Fachs an, unter anderem Markus Antonietti vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam, das mit der BIG-NSE kooperiert. Er schrieb mir gleich zurück. In seinem Team gab es keine freien Plätze, aber er empfahl mir die Bewerbung bei UniCat in Berlin. 2017 fing ich dann dort an. Abgesehen vom sozialen Zusammenhalt fand ich auch das akademische Niveau beeindruckend. Ich merkte gleich: Das war die richtige Wahl! 

 

PIYUSH INGALE Als ich mich bewarb, war ich schon in Deutschland, ich hatte in Erlangen meinen Master gemacht und die Zusage für eine Promotion in Aachen in der Tasche, aber ich entschied mich dann doch für Berlin. Eine Doktorandin von der Graduate School holte mich am Bahnhof ab. Sie hat mir Berlin gezeigt und mich den anderen Studierenden vorgestellt, die Runde war ziemlich international. Bei einem Bier unterhielt ich mich mit ihnen darüber, wie mein Studium hier aussehen könnte. Ich hatte gleich den Eindruck: Die Stadt passt zu mir! Meng kam ein Jahr später. Wir lernten uns in einer dieser Runden kennen, seitdem sind wir befreundet. 

 

Wie waren Ihre Eindrücke von Berlin bei den ersten Entdeckungstouren?

 

YE MENG-YANG Für mich war die Stadt exotisch! Bevor ich herkam, war ich in München auf dem Oktoberfest und dachte, Deutschland ist genauso, wie wir es aus dem Fernsehen kennen. Als ich hier auf das RAW-Gelände kam, dachte ich: Berlin ist der Hammer! Am liebsten würde ich nicht drei, sondern zehn Jahre bleiben.

 

PIYUSH INGALE Ich hatte durch meine Freunde in München und Nürnberg von Berlin gehört, und sie hatten mir nicht das beste Bild vermittelt. Sie fragten mich, warum ich nicht lieber nach Aachen ginge. Ich habe ihnen entgegnet, dass ich es hier ganz wundervoll finde. Sie besuchen mich hin und wieder, aber halten Berlin immer noch für total chaotisch. 



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Inzwischen holpern ein paar Lieferfahrzeuge über den riesigen Hof. Eine kleine Gruppe von Touristen startet zu einer Rundtour in Hotrods – gokartartigen Miniautos –, die hier vermietet werden. Ein Trödelladen für gebrauchte Möbel öffnet seine Türen. 

 

Sprechen wir über Katalyse. Womit befassen Sie sich in Ihren PhD-Projekten?

 

PIYUSH INGALE Mein Projekt ist auch in der Wirtschaft angesiedelt. BasCat, das Labor, an dem ich arbeite, ist eine Kooperation von BASF und der Technischen Universität Berlin. Mein Supervisor ist aus der Industrie, mein Doktorvater Professor der Graduiertenschule. Er ist übrigens auch Mengs Chef, Arne Thomas. Der Fokus unserer Forschung liegt auf Nachhaltigkeit und dem Design neuer Materialien. Ein Teilprojekt dreht sich um die Frage, wie man Kohlendioxid und Methan nutzen kann, um Chemikalien herzustellen, die sich wiederverwenden lassen. Auf diese Weise werden Treibhausgase in den Kreislauf zurückgeführt. Sie können genutzt werden, um ein Synthesegas herzustellen, das man für die Produktion von Methanol, Ethanolen, Alkanen und Aldehyden nutzen kann. Das sind Zwischenprodukte für viele chemische Endprodukte, die wir im täglichen Leben verwenden. Mein Part besteht darin, neue Materialien zu finden, die den Katalyseprozess energieeffizienter gestalten.

 

Wie genau finden Sie diese neuen Materialien?

 

PIYUSH INGALE Die Technik, mit der ich arbeite, nennt sich atomic layer deposition. Sie stammt aus der Halbleiterindustrie und wird genutzt, um auf atomarer Ebene sehr dünne Schichten eines Materials auf ein Substrat aufzutragen. Im BasCat wende ich diese Technik auf Pulver an – denn die Katalysatoren, mit denen wir arbeiten, sind Pulver. Wir bearbeiten die Oberfläche des Katalysators, Schicht für Schicht, um seine Eigenschaften zu verändern. Zum Beispiel stellen wir durch Synthese zunächst ein bereits bekanntes katalytisches Material her und untersuchen, warum es bei bestimmten Reaktionen nicht stabil ist. Dann tragen wir mit unserer Technik dünne Schichten verschiedener Metalloxide, etwa Zinkoxid oder Aluminiumoxid, auf das Material auf, um den Katalysator zu stabilisieren und seine Performance zu verbessern.

 

Und woran forschen Sie, Meng? 

 

YE MENG-YANG Mein Projekt zielt darauf ab, Treibstoff aus Wasser herzustellen, indem wir es in Wasserstoff und Sauerstoff aufspalten. Unser Ziel ist es, in reines Wasser quasi ein „magisches“ Pulver als Katalysator zu geben, das unter Sonneneinstrahlung zu dieser Aufspaltung führt. Zwei Drittel der Gase, die dann entstehen, sind Wasserstoff, den man als Treibstoff für Fahrzeuge verwenden kann. Wir erforschen, welche Art von Substanz diese Reaktion hervorrufen kann, woraus also das magische Pulver bestehen könnte. Ich beschäftige mich mit Kohlenstoffnitrid als einem möglichen Katalysator. Am Namen erkennt man schon, dass es aus Kohlenstoff und Stickstoff besteht. Es ist nicht giftig, denn es enthält keine Schwermetalle. Schon heute wird mit seiner Hilfe Wasserstoff und Sauerstoff gewonnen. Ich habe ein Video dabei …

 

Sie zeigt auf ihrem Handy ein Video des Versuchsaufbaus in ihrem Labor: Es ist ein Zylinder zu erkennen, gefüllt mit einer trüben bräunlichen Flüssigkeit, in der sich lauter kleine Bläschen bilden.

 

YE MENG-YANG Hier sehen wir Wasser, in das wir bereits das Pulver aus Kohlenstoffnitrid hineingegeben haben. Die nicht so schöne Farbe stammt von dem Pulver. Die kleinen Bläschen dort sind das Gas.

 

Bislang ist in der Herstellung von Wasserstoff ja vor allem die elektrische Aufspaltung von Wasser verbreitet.

 

YE MENG-YANG Genau! Wenn Sie allerdings Elektrizität benutzen, um Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufzuspalten, ist das nicht sehr umweltfreundlich. Der Strom, der dazu benötigt wird, wird häufig aus Erdgas oder sogar Kohle gewonnen. Derzeit gibt es nicht genügend Kapazitäten, um Strom umweltfreundlich aus Erneuerbaren Energien herzustellen. Die Methode, die wir erforschen, nennt sich photokatalytische Wasserspaltung, denn die treibende Kraft ist Sonnenlicht. Stellen Sie sich einmal vor, man könnte eines fernen Tages diesen Katalysator ins Wasser geben, ihn in einem Behälter mit ausreichend intensiver Sonneneinstrahlung unterbringen, dann das Ganze auf dem Dach eines Autos montieren und so genug Strom für das Fahren erzeugen!

 

Wenn Sie in Ihrer Heimat promovieren würden, was wäre für Sie persönlich anders?

 

PIYUSH INGALE Der Lifestyle wäre vielleicht gar nicht so anders, aber ich wäre nicht die gleiche Person. Zu Hause würde ich nur studieren und an meine Karriere denken. Studieren, zur Arbeit gehen, forschen, nach Hause gehen. Ich hätte nicht das Leben neben der Arbeit, das ich hier habe: meinen internationalen Freundeskreis, elektronische Musik und Jazz live hören, auf Flohmärkte gehen … Ich hätte nie gedacht, dass man Kleidung auch gut gebraucht kaufen kann, bis ich nach Berlin kam! Außerdem mag ich den alternativen, umweltbewussten Lebensstil. All das hätte ich nicht in dieser Form kennengelernt, wenn ich in Mumbai geblieben wäre. Ich bin ein anderer Mensch.

 

YE MENG-YANG Wenn ich in meiner Heimatstadt studieren würde, wäre das sehr viel anstrengender, dort ist das Konkurrenzdenken stärker ausgeprägt. Die Menschen dort arbeiten wirklich sehr hart, und ich hasse es, Überstunden zu machen. Man braucht schließlich auch etwas Inspiration neben der Arbeit! Hier kann man auch mal etwas früher gehen, sich mit Freunden auf ein Bier treffen und an seinem sozialen Netzwerk arbeiten. Und darüber beschwert sich niemand. Das ist das Schöne. Ich glaube, am Ende führt das auch zu besseren Resultaten.

 

Text: Martin Kaluza

Foto: Pablo Castagnola


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