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Eine kurze Chronik der Katalyse und ihrer Wirkung

 

1823 Johann Wolfgang Döbereiner erforscht in Jena die überraschende Entzündung von Knallgas durch Platin und erfindet ein katalytisches Platinfeuerzeug. Bis 1928 wurden in England und Deutschland 20.000 solcher Feuerzeuge gebaut.

 

1835 Der schwedische Mediziner und Chemiker Jöns Jakob Berzelius prägt den Begriff Katalyse für die von Döbereiner, Eilhard Mitscherlich und anderen beobachtete Reaktion mittels eines Hilfsstoffes. Im Jahre 1817 lehnte er den Ruf an die neu gegründete Universität zu Berlin ab.

 

1894 Der deutsch-baltische Physikochemiker Wilhelm Ostwald beschreibt den Katalysator mit der bis heute gelehrten Definition als messbaren chemischen Beschleuniger: „Katalyse ist die Beschleunigung eines langsam verlaufenden chemischen Vorgangs durch die Gegenwart eines fremden Stoffes.”

 

1894 Emil Fischer prägt die Metapher des Schlüssel-Schloss-Prinzips für das Ineinandergreifen von Enzym und Substrat in der katalytischen Biochemie.

 

1895 Schwefelsäure wird nach dem Kontaktverfahren von Rudolf Knietsch bei der BASF in Ludwigshafen zum ersten Produkt der Katalyse in der chemischen Großtechnik.

 

1907 Der Nobelpreis für Chemie geht an Eduard Buchner für den Nachweis der zellfreien und damit katalytisch zu deutenden Gärung.

 

1909 Die erste Ammoniaksynthese gelingt. Fritz Haber, Carl Bosch und Alwin Mittasch schaffen die Voraussetzungen für eine Revolution der Dünge- und Nahrungsmittel-, aber auch der Munitionsproduktion.

 

1909 Der Nobelpreis für Chemie geht an Wilhelm Ostwald für seine grundlegenden, auch industriell relevanten Arbeiten zur Katalyse.

 

1910 Walter Ostwald, Kraftstoffchemiker und Sohn des Nobelpreisträgers, macht in seinem Büchlein „Autler-Chemie” einen Vorschlag zur katalytischen Abgasreinigung. In den 1980er Jahren wird der „Kat” zum Standard der KfZ-Technik.

 

1912   Gründung des Kaiser-Wilhelm- Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem unter Fritz Haber, seit 1953 Fritz- Haber-Institut der Max-Planck- Gesellschaft (MPG).

 

1913 In Oppau geht der erste industrielle „Haber-Bosch-Reaktor” zur Ammoniaksynthese in Betrieb.

 

1914 — 1918 Der Erste Weltkrieg ist auch ein „Krieg der Chemiker”: Giftgas und Munition aus der katalytischen Ammoniak- und Salpeterproduktion führen zu mehr als einer Million Toten.

 

1918 Fritz Haber erhält den Chemie- Nobelpreis für seine Leistungen zur Ammoniaksynthese. Gleichzeitig wird er wegen seiner Mitwirkung am Gaskrieg als Kriegsverbrecher geächtet. Seine Frau Clara erschießt sich aus Protest in Berlin.

 

1924 Die BASF/I.G. Farben entwickelt giftfeste Sulfidkatalysatoren zur Kohleverflüssigung. Im Rückblick beginnt damit das Zeitalter der modernen Petrochemie.

 

1931 Otto Warburg, der am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem forscht, erhält den Nobelpreis für Medizin für seine Arbeiten zur Natur und Funktion des Atmungsferments.

 

1931 Carl Bosch und Friedrich Bergius erhalten den Chemie-Nobelpreis für ihre Arbeiten zur Kohleverflüssigung. Ein Jahr später geht der Preis an Irving Langmuir für seine Forschungen zur Oberflächenchemie fester Katalysatoren.



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1939 — 1945 Im Zweiten Weltkrieg nutzt die NS-Wehrmacht Kohlebenzin, die US Army Air Forces Flugbenzin aus katalytisch gecracktem Erdöl. KZ-Gefangene müssen für die chemische Industrie Zwangsarbeit leisten, in Auschwitz entstehen große Chemiewerke. Das am Kaiser-Wilhelm-Institut zur Schädlingsbekämpfung entwickelte Blausäuregas „Zyklon B” wird zu einem Synonym für den organisierten Massenmord an Jüdinnen und Juden.

 

1947/48 Im I.G.-Farben-Prozess zu den Verbrechen des Chemieunternehmens im Nationalsozialismus fallen die Strafen erstaunlich milde aus, trotz nachgewiesener Zwangsarbeit, Mitwirkung am Massenmord und Produktion von „Zyklon B” bei der I.G.-Farben-Tochter Degesch, der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung. Verurteilte sind bald wieder Aufsichtsräte.

 

1953 Der Chemiker Karl Ziegler forscht am Max-Planck-Institut (MPI) für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr zu Titankatalysatoren zum Polymerisieren von Kohlenwasserstoffen, einem der Grundprinzipien der modernen Kunststoff- und Plastikproduktion.

 

1950er Das Wirtschaftswunder führt zur Beschleunigung zahlreicher soziokultureller und erdsystemischer Parameter wie Bevölkerungswachstum, Erosion und Klimagasproduktion. Erdölprodukte etablieren sich in allen Lebensbereichen.

 

1963 Der Nobelpreis für Chemie geht an Karl Ziegler und Giulio Natta für ihre Arbeiten zur Polymerisation.

 

1972 Der Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums” weist auf die Auswirkungen des wirtschaftlichen Wachstums auf die natürliche Umwelt hin. Das Umweltbewusstsein nimmt zu, doch konkrete Konsequenzen bleiben lange aus. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas werden mehr Ressourcen verbraucht als je zuvor.

 

2001 Der Atmosphärenchemiker, MPI-Direktor und Nobelpreisträger für Chemie von 1995 Paul J. Crutzen prägt auf einer Tagung den Begriff Anthropozän: ein vom Menschen gemachtes Erdzeitalter, das das Holozän abgelöst habe.

 

2007 Der Nobelpreis für Chemie geht an Gerhard Ertl, Direktor am Berliner Fritz-Haber-Institut der MPG, für seine Arbeiten zur Oberflächenchemie.

 

2007 An der Technischen Universität Berlin wird die Graduiertenschule BIG-NSE gegründet, um junge Katalyseforscher*innen aus der ganzen Welt nach Berlin zu holen.

 

2009 Die Anthropocene Working Group wird gegründet. Sie soll klären, ob im geologischen Sinn tatsächlich ein neues Erdzeitalter vorliegt. Das Berliner Haus der Kulturen der Welt begleitet die Arbeit seit 2012.

 

2009 Will Steffen, Johan Rockström und andere prägen den Begriff planetary boundaries. Auf neun Ebenen (Klima, Biodiversität, Süß- wasser etc.) werden konkrete Kipppunkte benannt, ab denen das Erdsystem instabil werden könnte.

 

2010 Das Berliner Exzellenzcluster UniCat entsteht, zahlreiche Berliner Universitäten und Forschungsinstitute bündeln ihre Kompetenzen, um biochemische und anorganische Katalyseforschung zusammenzuführen.

 

2010er Unter dem Begriff der „Energiewende” wird in Deutschland die Abkehr von nuklearer wie fossiler Energie vorangetrieben. Projekte von E-Mobilität bis Wasserstoffstrategie prägen die Debatte.

 

2012 Gründung des MPI für Chemische Energiekonversion in Mülheim an der Ruhr als Zentrum der Katalyseforschung zur Energiewende.

 

2015 196 Staaten verabschieden das Pariser Abkommen zu politisch verbindlichen Klimazielen. Auch Großverbraucher von Energie wie die chemische Industrie stehen in der Pflicht.

 

2015 Mit der Gründung des Einstein Center of Catalysis entsteht in Berlin in Kooperation mit UniCat ein Zentrum für internationale Nachwuchstalente in der Katalyseforschung.

 

2019 UniSysCat (Unifying Systems in Catalysis) wird als Nachfolger von UniCat im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes für weitere sieben Jahre gefördert.

 

Text: Benjamin Steininger


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