Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Die einzige perfekte Methode

Vor gut 100 Jahren, im März 1914, stieg Albert Einstein in Berlin aus dem Zug, um seine neue Stelle an der Preußischen Akademie der Wissenschaften anzutreten. Er blieb fast 20 Jahre, vollendete hier seine wichtigste Theorie und wurde weltberühmt. Dennoch motzte kaum einer so schön über Berlin wie Einstein. Maria Rossbauer befragte den Physiker über seine Berliner Zeit, die Qualen der Mathematik und die Kehrseite des Ruhms – und fand die Antworten in überlieferten Zitaten.  

Herr Einstein, Ihrer späteren Ehefrau Elsa schrieben Sie einmal in einem Brief, die Berliner hätten einen Mangel an Gediegenheit. Was meinen Sie damit?

Wenn diese Leute mit Franzosen und Engländern zusammen sind, welcher Unterschied! Wie roh und primitiv sind sie. Eitelkeit ohne echtes Selbstgefühl. Schön geputzte Zähne, elegante Krawatte, geschniegelter Schnauz, tadelloser Anzug – aber keine persönliche Kultur.

Und was ist mit Berlin als Weltstadt? Partys, Kino, Musik, viele Menschen – gefiel Ihnen das nicht?

Geschäftigkeit, Oberflächlichkeit und Ablenkung großstädtischen Lebens sind der Tiefe wissenschaftlichen Denkens abträglich.

Trotzdem lebten Sie gut 20 Jahre in Berlin. Konnten Sie sich in der Zeit wenigstens etwas mit den Berlinern anfreunden?

Ich verstehe jetzt die Selbstzufriedenheit des Berliners. Man erlebt so viel von außen, dass man die eigene Hohlheit nicht so schroff zu fühlen bekommt wie auf einem stilleren Plätzchen.

Haben Sie die Stadt in Ihrer Zeit in Princeton nicht auch vermisst?

Berlin ist die Stätte, mit der ich durch menschliche und wissenschaftliche Beziehungen am meisten verwachsen bin.

Sie hatten hier mit Max Planck, Walther Nernst und Fritz Haber das ideale Umfeld, um sich wissenschaftlich auszutauschen. Und in Berlin haben Sie Ihre wichtigste Theorie vollendet, die allgemeine Relativitätstheorie ...

Dies Ziel erreicht zu haben, ist die höchste Befriedung meines Lebens.

Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen?


Ich saß auf meinem Stuhl im Patentamt in Bern. Plötzlich hatte ich einen Einfall: Wenn sich eine Person im freien Fall befindet, wird sie ihr eigenes Gewicht nicht spüren. Mir ging ein Licht auf. Dieser einfache Gedanke beeindruckte mich nachhaltig. Die Begeisterung, die ich da empfand, trieb mich dann zur Gravitationstheorie.

Um die allgemeine Relativitätstheorie zu formulieren, mussten Sie sich viel höhere Mathematik beibringen. Hatten Sie dieses Fach nicht zuvor als „überflüssige Gelehrsamkeit“ bezeichnet?


Mathematik ist die einzige perfekte Methode, sich selber an der Nase herumzuführen.

Bekamen Sie nicht auch Unterstützung von Mathematikern?

Seit Mathematiker sich der Relativitätstheorie bemächtigten, verstehe ich sie selbst nicht mehr.

Das können sicher viele Menschen nachvollziehen, ich war in Mathe auch nie eine Leuchte.

Mach dir keine Sorgen wegen deiner Schwierigkeiten mit der Mathematik; ich kann dir versichern, dass meine noch größer sind.

Dann war die Zeit bestimmt kein Spaß für Sie.

Das eine ist sicher, dass ich mich im Leben noch nicht annähernd so geplagt habe und dass ich große Hochachtung für die Mathematik eingeflößt bekommen habe, die ich bis jetzt in ihren subtilen Teilen in meiner Einfalt für puren Luxus sah.

Die Qual, sich in Mathematik einzuarbeiten, hat sich aber gelohnt: Mit der allgemeinen Relativitätstheorie wurden Sie weltberühmt. Genossen Sie den Ruhm?

Ich musste mich herumzeigen lassen wie ein prämierter Ochse, unzählige Male in großen und kleinen Versammlungen reden.

Was ist denn so schlimm daran?

Ich werde mit der Berühmtheit immer dümmer, was ja eine ganz gewöhnliche Erscheinung ist.

Zudem fragen Reporter Sie ständig nach Ihrer Meinung ...

Wie bei dem Mann im Märchen alles zu Gold wurde, was er berührte, so wird bei mir alles zum Zeitungsgeschrei.

Dadurch sind auch heute noch Unmengen an Zitaten, Sätzen und Weisheiten von Ihnen überall zu finden. Nervt das?

Früher dachte ich nicht daran, dass jedes spontan geäußerte Wort aufgegriffen und fixiert werden könne. Sonst hätte ich mich mehr ins Schneckenhaus verkrochen.


Fragen und Zitat-Recherche: Maria Rossbauer