Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Noble Begegnung

Zwei Mal hat der Regisseur und Schauspieler Gerald Uhlig-Romero, dem das Berliner Café Einstein Unter den Linden gehört, den im Mai verunglückten Nobelpreisträger John F. Nash getroffen. Eine Erinnerung an einen Popstar unter den Mathematikern.

Zum ersten Mal traf ich John Forbes Nash 2005 bei einem festlichen Dinner während der Tagung der Nobelpreisträger auf Schloss Mainau in Lindau am Bodensee. Er hatte vor Jahren das Café Einstein Unter den Linden in Berlin besucht und wollte mich gerne kennenlernen. „Sie sind also der Kaffeehaus-Einstein. Ich erinnere mich noch gut an ihren Topfenpalatschinken“, begrüßte er mich und deutete auf einen leeren Stuhl neben ihm. Ich setzte mich.

Aus der Nähe wirkte der Nobelpreisträger sehr zerbrechlich. Er griff meinen Arm und sagte mit ruhiger, leiser Stimme: „Ständig wollen mich alle fotografieren, als sei ich nur auf der Welt, um fotografiert zu werden.“ „Sie sind eben der Popstar unter den Nobelpreisträgern“, antwortete ich. „Hollywood hat Ihr Leben verfilmt, der Film hat vier Oscars bekommen, Sie erholen sich von Ihrer Schizophrenie, verlassen Ihre Frau, heiraten sie ein zweites Mal, bekommen den Wirtschaftsnobelpreis. Das alles berührt die Menschen, die sonst wenig mit den Themen der großen Wissenschaftler zu tun haben.“ Nash entgegnete: „Den Film über mein Leben mag ich überhaupt nicht. Er ist sentimental, unlogisch, nichts für einen Mathematiker wie mich.

Spieltheoretisch möglich

Nach einer längeren Pause fuhr er fort: „Wissen Sie, seit einiger Zeit fotografiere ich sofort zurück, wenn mich einer fotografiert.“ „Das ist ja wunderbar“, sagte ich begeistert. „Dann könnten wir im Einstein ja mal eine Ausstellung mit dem Titel zeigen: ‚John F. Nash fotografiert die Menschen, die gerade John F. Nash fotografieren‘ – was halten Sie davon?“ Schweigen. Längeres Schweigen. Dann antwortete er zögerlich: „Darüber muss ich nachdenken. Spieltheoretisch müsste das möglich sein.“

Vier Jahre später stand John F. Nash tatsächlich mit seiner Ehefrau Alicia und seinem Sohn John im Café Einstein. Wir hatten ihn zu unserer Salon-Reihe „Noble Begegnungen“ eingeladen, bei der wir Nobelpreisträger mit ausgewählten Gesprächsgästen zusammenbringen. Da Nash seine Fotos, auf denen er Menschen fotografiert, die ihn fotografieren, nicht mehr auffinden konnte, hängten wir Porträts von ihm aus unterschiedlichen Lebensphasen auf, eingefärbt in Andy-Warhol-Manier. Es war eine ziemlich bunte Ausstellung. An diesem Tag kamen mehr Menschen als zu anderen „Noblen Begegnungen“. 

Nash war eben ein Weltstar. Er sprach mit einer so leisen Stimme über sein Leben, dass eine absolute Stille im Raum herrschte. Jemand fragte ihn nach seiner zweimaligen Hochzeit mit seiner Frau. „Alicia ist sehr wichtig für mich“, sagte er. „Sie ist meine Stütze, wir leben mit meinem Sohn John in einem Haus bei Princeton. Für gewöhnlich gehe ich auch erst nachmittags in mein Büro.“ Jemand fragte, wann ihm die besten Ideen kämen. „Das kann immer passieren. Ich muss nur wach sein.“ „Angeblich lesen Sie nicht und haben früher auch keine Vorlesungen besucht. Kamen Sie intuitiv zu Ihren Ergebnissen?“ „Es war kein intuitives Denken, nur unabhängiges.“

Ich hatte damals eine Idee entwickelt, die mit Physik zu tun hatte, mit der Ausdehnung des Universums und der Gravitation. Ich dachte, das könnte Einstein interessieren.“

Gefragt nach seiner Krankheit, sagt er: „Es war eine Zeit, in der ich nicht rational denken konnte.“ Plötzlich fischte Nash verschiedenfarbige Stifte und einen Bleistift aus der Brusttasche und zeigte sie der Tischgesellschaft. „Mit diesen Stiften mache ich mir nach meinem eigenen System Notizen. Der Radiergummi ist dabei besonders wichtig.“ Während Nash sprach, saß sein 50-jähriger Sohn John, ebenfalls Mathematiker, in sich versunken mit einem Taschenrechner neben mir am Tisch. Er hatte eine Tasche unter seinem Stuhl, in der etwa 30 kleine Taschenrechner Platz hatten. Immer wenn ich ihm eine Frage stellte, zog er einen der Rechner heraus und begann darauf herumzutippen. Erst fünf Minuten später antwortet er dann irgendetwas, was er scheinbar auf seiner Maschine errechnet hatte.

Nashs Ehefrau Alicia, die perfekt Spanisch spricht, unterhielt sich mit meiner argentinischen Frau Mara. Sie erzählte, dass sie der mathematischen Gespräche ihres Mannes und ihres Sohnes manchmal überdrüssig sei und wie schwierig, aber komisch und interessant das Leben mit den beiden Supergenies sei. Ohne sie, sagte Alicia, hätten sie kein geregeltes Leben, weder Essen auf dem Tisch noch saubere Hemden im Schrank.

Nash blieb noch zwei Tage mit seiner Familie in Berlin. Ständig fotografierte er mit einer Digitalkamera. „Wenn ich das Foto gemacht habe, dann ist es auf meinem Chip. Ansehen brauche ich es dann nicht mehr. Die Sache hat sich für mich erledigt.“ Er wollte unbedingt auch das Einsteinhaus in Caputh besuchen. Auf dem Balkon des Hauses erzählte er mir von seiner Begegnung mit Albert Einstein in Princeton. „Worüber haben Sie mit Einstein in Princeton gesprochen?“, frage ich. „Ich hatte damals eine Idee entwickelt, die mit Physik zu tun hatte, mit der Ausdehnung des Universums und der Gravitation. Ich dachte, das könnte Einstein interessieren.“ „Hat es Mut gekostet, zu ihm zu gehen?“ „Ja, natürlich. Er hatte eine gewisse Offenheit, man konnte auf ihn zugehen, aber er war kein Kindergärtner. Er sagte: ‚Wenn du deine Idee wirklich weiterentwickeln willst, musst du noch viel lernen.‘“

Text: Gerald Uhlig-Romero