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Überflieger

Für den Einstein Visiting Fellow Bernd Sturmfels ist die Welt der Mathematik
viel zu aufregend, um lange bei einem Problem zu verweilen. Wie ein Schmetterling flattere er oft von einem zum nächsten, sagt er. Doch seine Gedanken schreibt er für die Ewigkeit auf.



In der Mathematik ist es so, dass man das meiste nicht versteht. Wenn ich heute in eine Bibliothek gehe und eine mathematische Fachzeitschrift oder ein Buch aufschlage, liegt die Chance bei 99 Prozent, dass ich nichts davon verstehe. Als junger Student hatte ich bei Vorträgen oft das ungute Gefühl, ich sei der Einzige, der vieles nicht begreift. Ich dachte lange, es muss irgendwann auffliegen, dass ich eine Fehlbesetzung bin. Aber bis heute ist das nicht passiert. Mathematik ist nur einfach sehr spezifisch.

In Berkeley sehen mich meine Kollegen als recht angewandt, aber sobald ich nach Berlin komme, denken alle, ich sei der Reinste der Reinen. Ich lebe im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Polen und versuche, interessante Probleme der Außenwelt in die Mathematik hineinzubringen, etwa aus dem Ingenieurbereich. Mein Job ist es, die Mathematik weiterzuentwickeln, inspiriert durch Fragen, die von außen kommen.

Unser Fach hat eine lange Tradition, in sich selbst hineinzuschauen und offene, tief greifende Probleme teils über Hunderte von Jahren zu verfolgen. Wir hüten einen sehr großen Wissensschatz. Für viele Mathematiker gilt es als Tugend, sich in alte Probleme zu verbeißen und mit unendlich viel Geduld zu warten, bis irgendwann die tief liegende Lösung hervortritt. Das ist sehr wichtig, aber mein persönliches Interesse ist komplementär dazu. Es ist meine größte Schwäche und vielleicht auch eine Stärke, dass ich der ungeduldigste Mensch auf der Welt bin. Klar, irgendwann verbeiße ich mich auch mal und das ist ja auch wichtig, um Fortschritte zu machen. Doch meist bleibe ich bei mehreren Themen gleichzeitig stecken und springe vom einen zum anderen – wie ein Schmetterling, der von einer schönen Blume zur anderen fliegt und überall vom Nektar probieren will.

Wenn ich an mathematische Probleme herangehe, rechne ich zuerst ein Beispiel aus und gewinne daraus erst später eine Theorie oder ein Theorem. Ich sehe mich ein bisschen als experimenteller Mathematiker, wie ein Biologe, der mit einem Modellorganismus experimentiert. Eine meiner Stärken liegt darin, Modellorganismen in der Mathematik zu finden, die reichhaltig und einfach zugleich sind. Daraus versuche ich einen Satz zu formulieren, ihn zu beweisen und dann so verständlich wie möglich aufzuschreiben.

Dabei habe ich den Anspruch, für die Ewigkeit zu schreiben. Wenn ich zum Beispiel ein Problem aus der Computer Vision bearbeite, versuche ich es so zu formulieren, dass es für einen Leser in 50 Jahren immer noch Sinn macht – auch wenn es ihm dann um eine Technologie geht, die wir heute noch gar nicht kennen, hinter der aber dieselbe mathematische Frage steckt. Es ist wie in der Philosophie: Mathematik ist eine Vereinheitlichungsmaschine, die über Spezialgebiete und Zeiträume hinweg Verbindungen schafft.

Protokoll: Mirco Lomoth

Bild: Pablo Castagnola