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Der Restaurator

Restaurator Stefan Geismeier vom Vorderasiatischen Museum in Berlin kämpft gegen den Zahn der Zeit - und gegen menschliche Zerstörungswut.

Beinahe zärtlich streicht Stefan Geismeier mit der Hand über einen schweren Torso aus Basalt. Sanft gleiten seine Finger über Rippenbögen, eine Brustwarze, einen Mantelsaum. Er will Salzeinlagerungen erspüren. “Bereits bei leicht erhöhter Luftfeuchtigkeit saugt sich Salz mit Wasser voll“, erklärt er. Und für Kunstwerke aus Stein könne das fatale Folgen haben. “Die Salzadern brauchen dann mehr Platz - und es kommt schnell zu Rissen im Gestein.“ Daher reduziert er solche Einlagerungen mit Kompressen aus Cellulose, die das Salz durch Diffusion absaugen.

 

Geismeier, ein großer, breitschultriger Mann, 52, ist seit den neunziger Jahren Steinrestaurator am Vorderasiatischen Museum in Berlin. Viele Kunstwerke hat er vor dem Zerfall bewahrt. Doch das ist nicht alles. Er kann auch Auferstehung. Den Torso aus Basalt etwa, hat er in 300 Stunden Arbeit aus Trümmern rekonstruiert. Wie Bruchstücke zusammengehören, erkenne er oft intuitiv, wie ein geübter Puzzle-Leger, sagt er. Trümmer mit polierter Oberfläche seien dabei immer eine große Hilfe. “Sie sind wie Randstücke beim Puzzle“, erklärt er. “Ihre korrekte Position lässt sich am leichtesten finden. Daher beginne ich meist mit ihnen.

Oft ist Stefan Geismeier schon um sechs Uhr früh bei der Arbeit. Er genießt dann die Ruhe, bevor die Kollegen eintreffen, die Wissenschaftler und die Museumsbesucher. In diesen Tagen widmet er sich in seinem Atelier mit den hohen Fenstern, in einem Seitenflügel des Museums, jahrtausendealten Herrscherfiguren aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet. Auch der Torso aus Basalt gehört dazu. 

 

An eine Wand hat er Fotos solcher Herrscherfiguren gepinnt: Gesichter mit hohen Wangenknochen, schmalen, länglichen Augen, kleinem rundem Kinn und langen Bärten, die an Biberschwänze erinnern. In Nahen Osten schmückten sie vor rund 3.000 Jahren viele Paläste. Herrscher aus späterer Zeit aber ließen Bildnisse, die an ihre Vorgänger erinnern sollten, oft zerstören. “Diese Art der Vergangenheitsbewältigung hat nicht erst Stalin in den 1930er Jahren in Russland erfunden“, sagt Geismeier.

 

 

Geismeier, der in Ost-Berlin aufgewachsen ist, lernte ursprünglich Stuckateur. In der DDR konnte nur Restaurator werden, wer zuvor ein Handwerk gelernt hatte, erzählt er. “Heute dagegen reicht in Deutschland ein gutes Abi für dieses Studium.“ Dabei benötige man neben einem guten Auge vor allem manuelles Geschick. Auch wenn viele Artefakte tonnenschwer seien, müsse man mit Dampfstrahler, Hammer oder Meißel immer ganz behutsam vorgehen. Und alles, was Steinrestauratoren zusammenfügen, müsse reversibel sein. Daher werden zum Beispiel ein Klebemittel verwendet, das sich durch Erwärmung wieder lösen lässt. Denn bei aller Hingabe zur Kunst, irren könne man sich immer. 

  

Heroisch stemmt sich der Steinrestaurator mit seiner Arbeit gegen den Zahn der Zeit und die menschliche Zerstörungskraft. Dennoch ist er ein bescheidener Mann. “Mein Beruf lehrt vor allem Demut“, sagt er. Man gewinne einen anderen Blick auf die Menschheitsgeschichte. “Mir wird immer wieder deutlich, wie jede Kultur auf den Leistungen vorangegangener Epochen aufbaut.“ 

 

 

Geismeier greift einen zerlesenen Museumskatalog aus dem Regal: “Die geretteten Götter“ steht darauf. An dieses Projekt des Vorderasiatischen Museums, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde, denkt er gerne zurück. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler aus dem Altertum zu neuem Leben erweckt werden konnte: die 3.000 Jahre alten, bis zu drei Meter hohen und vier Tonnen schweren steinernen Gottheiten vom Siedlungshügel Tell Halaf aus Nordost-Syrien, die man bereits verloren glaubte. Löwenmähnen zieren ihre Häupter, Vogelschnäbel oder Hörnerkronen. 

 

Ihr Entdecker, der deutsche Archäologe Max von Oppenheim, hatte die Monumentalplastiken 1930 nach Berlin verschifft. Doch während des Zweiten Weltkriegs, am 23. November 1943, wurden sie bei einem Bombenangriff der Alliierten zerschmettert. Die Detonation und der daraus folgende Museumsbrand zersprengte die Götter in 27.000 Bruchstücke - von zentnerschweren Brocken bis hin zu hauchdünnen Splittern. 

 

 

2001 - fast 60 Jahre nach der Zerstörung - begannen Geismeier und weitere Restauratoren sowie Mineralogen und EDV-Experten die Trümmer zu analysieren. Zehn Jahre beschäftigten die steinernen Gottheiten sie. Durch Fachwissen und beinahe übermenschliche Geduld gelang es ihnen schließlich, sie unter Zuhilfenahme historischer Fotos wieder zusammenzuflicken. “Darauf bin ich bis heute ein bisschen stolz“, sagt der Steinrestaurator. 

 

Zumal er und seine Mitstreiter auch einen historischen Irrtum korrigieren konnten: Max von Oppenheim selbst, der die steinernen Götter am Tell Halaf entdeckt hatte, ließ Restauratoren in den 1920er Jahren bei einem der Bildnisse die unteren Extremitäten ergänzen, die abgebrochen waren. Als Geismeier und seine Kollegen viele Jahrzehnte später in Berlin die Trümmer zusammenflickten und alte Fotos studierten, stellten sie fest, dass die Beine in Wirklichkeit zu einer anderen Gottheit gehören.

 

Der Restaurator wendet sich wieder den Herrscherstatuen aus Syrien zu, die zur Sammlung des Museums gehören. Als er mit dem Dampfstrahler eine Plinte (eine Art Sockel, der zur Plastik gehört) reinigt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Er hat eine unsymmetrische Stelle am Original entdeckt: Die Plinte ist rechts und links unterschiedlich hoch. “Wahrscheinlich haben im Altertum zwei Bildhauer dran gearbeitet und sich schlecht abgesprochen“, sagt er. In solchen Fällen muss er seinen Perfektionismus zügeln - und darf nichts ausbessern. 

 

Um 16 Uhr löscht Stefan Geismeier im Atelier das Licht. Zu Beginn seiner Karriere habe er sich in der Freizeit als Bildhauer versucht, erzählt er. Doch das habe er aufgegeben. “Etwa Eigenes zu schaffen ist nicht so meine Stärke“, sagt der renommierte Restaurator und lacht. “Dafür kann ich sehr gut reparieren und nachmachen.“

 

Text: Till Hein

Fotos: Pablo Castagnola