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Unter uns

In der späten Bronzezeit regierte in der Prignitz ein mächtiger Herrscher. Sein Grabhügel bei Seddin war der größte Mitteleuropas, sein Grabschatz inspirierte Legenden. Aber erst neue Forschungen zeigen, wie mächtig dieser König tatsächlich war: Er kontrollierte eine bedeutende paneuropäische Handelsroute.

 

 

 

Für einen Riesenkönig wäre es schnell unbequem geworden hier unten. Auf gerade einmal 3,5 Quadratmeter hätte er vermutlich nicht ausgestreckt liegen können und die Decke hängt mit 1,55 Metern so niedrig, dass selbst normalwüchsige Menschen Gefahr laufen, sich den Kopf zu stoßen. Hier aber soll der Riesenkönig Hinz gelegen haben, in einer kleinen Kammer unter einem Hügel nahe der Ortschaft Seddin nordwestlich von Perleberg in der Prignitz. Jedes Prignitzer Kind kennt die alte Legende. Hinz war bei seinem Volk so beliebt, dass es ihm gleich drei Grabhügel errichtete: einen für seine goldene Wiege, einen für seinen goldenen Fingerring und einen für seine drei ineinander gestapelten Särge aus Kupfer, Silber und Gold.

 

Trotz des warmen Sommertages draußen strahlen die Wände Kühle aus, es riecht nach feuchtem Stein. Langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Die Kammer ist leer, keine Spur von Särgen aus Edelmetall. Dafür liegt auf dem Boden eine gelbe Brotdose aus Plastik. “Ach, die Geocacher waren wieder da“, sagt Jens May, schaut kurz auf den Zettel in der Dose und verschließt sie wieder sorgfältig. “Die verstecken gerne mal einen Cache hier drin.“ Der Gebietsarchäologe für das nordwestliche Brandenburg forscht seit mehr als zehn Jahren am bronzezeitlichen Seddiner Königsgrab - er kennt hier jeden Stein, jeden Bauern und jeden Geocacher. Gemeinsam mit Svend Hansen, dem Direktor der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, und dem Brandenburgischen Landesarchäologen Franz Schopper betreut er die Grabung für den Exzellenzcluster Topoi.

 

So eng und winzig die Grabkammer auch wirken mag, der Hügel über ihr ist eine Sammlung von Superlativen. Draußen im Sonnenschein zeigt May in die Höhe zu der etwa sieben Meter hohen Kuppe: “Wir stehen hier vor dem größten Grabhügel des 9. Jahrhunderts vor Christus in Mitteleuropa“, sagt er stolz. “Bevor im späten 19. Jahrhundert in der Prignitz der Bau von Chausseen in Mode kam und die Pflastersteine dafür aus den Grabhügeln der Region gerissen wurden, maß er wahrscheinlich über zehn Meter.“ Weithin war das Hügelgrab sichtbar, ein komplexes Bauwerk, aufgeschichtet aus übereinanderliegenden Steinpackungen, die durch Sandlagen “wie ein Schichtkuchen“ voneinander getrennt waren.

 

Das Seddiner Königsgrab liegt inmitten einer bronzezeitlichen Gräberlandschaft. Unweit vom Westufer der Stepenitz reiht sich in ein bis zwei Kilometer Abstand Prunkgrab an Prunkgrab. Nirgendwo sonst gab es im 9. Jahrhundert vor Christus so viele Großgräber mit Schwertern als Grabbeigaben, wie in der Gemarkung Seddin. In einem, so heißt es, soll im 19. Jahrhundert ein goldener Armreif gefunden worden sein: der legendäre “Fingerring“ des Riesenkönigs?

 

 

 

Im Königsgrab selbst wurde niemals Gold, dafür aber Bronze gefunden, darunter ein Schwert und eine prächtige Amphore, die menschliche Asche enthielt. Arbeiter waren auf der Suche nach Steinen für den Straßenbau am 16. September 1899 durch das Dach der Kammer gestoßen und hatten ihre Funde noch am selben Tag dem Prignitzer Denkmalpfleger Dr. Friedrich-Wilhelm Heinemann ausgehändigt. Der ließ am Seddiner Hügel einen Polizisten Wache beziehen und marschierte geradewegs zum Telegrafenamt. “Heute in Seddin Hühnengrab, volksthümlich Kaisergrab genannt, aufgedeckt. Sehr inhaltreich an Urnen und Bronzegefäßen. Könnt Ihr morgen kommen. Dr. Heinemann“, telegrafierte er an den Direktor des Märkischen Provinzialmuseums in Berlin, Ernst Friedel.

 

Drei Tage ließ Friedel sich Zeit, dann erreichte ihn ein weiteres Telegramm von Heinemann: “Dr. Brunner, Königl. Museen theilt mit, er fahre heute nach Seddin, wie soll ich mich verhalten. Heinemann“. Offenbar hatte die Kunde vom Grab des Riesenkönigs in Berlin schnell die Runde gemacht und Begehrlichkeiten auch bei anderen Museen geweckt.

 

Jetzt endlich reagierte Friedel. Er schickte Mitarbeiter, die das letzte Stück über die holprigen Sandwege der Prignitz mit der Kutsche zurücklegten. Bevor Brunner ihm die Funde wegschnappen konnte, bot Friedel dafür 120 Reichsmark und gab Order, die Grabkammer in einer Hauruck-Aktion sofort komplett ausräumen zu lassen. Der Techniker W. Pütz malte noch schnell ein paar Aquarelle der Kammer, der Architekt Dr. Jung zeichnete eine flüchtige Skizze, eine sorgfältige Dokumentation blieb jedoch aus. Am Ende des Tages posierten die Männer für die Kamera noch stolz vor dem Grab. Die 41 Fundstücke - ein großes Bronzegefäß, Trinkschalen, Ringe und ein Schwert - verpackten sie in Kisten und schickten diese ins Märkische Provinzialmuseum nach Berlin.

 

 

 

Als neun Jahre später der große Neubau des Märkischen Museum an der Spree eröffnete, standen die Funde im Mittelpunkt des Bronzezeit-Saales - bis 1939. Wie viele Berliner Kulturschätze wurden auch die Seddiner Bronzen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in den Keller der Reichsbank ausgelagert. Ein Großteil verschwand in den Kriegswirren. Nur vorher angefertigten Kopien für die Museen in Havelberg und Perleberg ist es zu verdanken, dass der Schatz heute wieder vollständig im Märkischen Museum zu sehen ist - wenn auch nicht mehr im Original.

 

Die wertvollsten Stücke aus dem Seddiner Königsgrab sind allerdings weder die prächtige Amphore noch das seltene Schwert - sondern zwei unscheinbare Nadeln. Denn sie bestehen nicht wie die anderen Kostbarkeiten aus Bronze, sondern aus einem damals neuen Material: Eisen. Die Handwerker hatten eben erst gelernt, wie man es gewinnt, später fertigten sie daraus viel bessere und härtere Waffen und Werkzeuge als aus Bronze. Als um das Jahr 830 vor Christus der Hügel errichtet wurde, dämmerte in Mitteleuropa gerade die Eisenzeit herauf. Es war der Beginn einer neuen Epoche und der Herrscher von Seddin war so bedeutend, dass er ihre ersten Vorboten mit ins Grab gelegt bekam.

 

Wer war dieser Mann, dessen Asche und Knochen in der großen Amphore aus getriebener Bronze unter dem Riesenhügel lagen? Seine sterblichen Reste, ebenso wie die zweier Frauen, deren Asche ebenfalls mit in der Kammer lag, sind leider auch aus dem Keller der Berliner Reichsbank verschwunden. War er ein Krieger, wie das Schwert und eine Miniaturausführung von Schild und Lanze andeuten? Oder war er - dem Tüllenbeil, dem Tüllenmeißel und dem Bronzekamm zufolge - doch eher ein Metallarbeiter? Vielleicht verehrten ihn die Leute auch als religiösen Anführer, wie verzierte Messer und eine Nippzange vermuten lassen?

 

 

 

Letzteres wird bei genauerer Betrachtung der Urne immer wahrscheinlicher. Auf der oberen Hälfte des Gefäßes verlaufen waagerechte Reihen kleiner Buckel, exakt 354 Stück. “Jeder Buckel entspricht einem Tag - das ergibt genau ein Mondjahr“, erklärt May. Zählt man aber die Buckel auf der unteren Gefäßhälfte mit und lässt nur die zwölf Buckel auf den Henkelverbreiterungen aus, laufen genau 532 Buckel um den Amphorenkörper. “Was ziemlich genau 18 Mondmonaten, das heißt 18-mal der Phase von Neumond zu Neumond oder von Vollmond zu Vollmond entspricht“, sagt der Archäologe.

 

Kultische Bedeutung hatten wahrscheinlich auch die etwa 150 mit verbrannten Steinen gefüllten Gruben, die auf einer 290 Meter langen Linie gleich nördlich des Königsgrabes liegen. Wahrscheinlich wurden sie im Zuge von Bestattungsritualen über eine längere Zeit hinweg angelegt. Die Datierungen von Holzkohleresten zeigen, dass sie älter sind als das Königsgrab, das erst gebaut wurde, als (oder kurz nachdem) die letzten Gruben mit Steinen und Asche verfüllt wurden. May hat noch mehr herausgefunden: “Die Verbindungslinien in der Landschaft zwischen dem Grabhügel und markanten Punkten in der Grubenreihe besitzen ebenfalls astronomische Bezüge“, sagt er. “Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Grabkammer des Königsgrabs ganz bewusst an einer Stelle errichtet wurde, von der aus man in der Bronzezeit die Große Mondwende im Norden besonders gut beobachten konnte.“

 

In den Wickbold'schen Tannen, einem Wäldchen rund einen Kilometer nördlich Königsgrabs, herrscht reges Treiben auf einem zweiten Hügel in der Gräberlandschaft. Studenten schaben mit Maurerkellen vorsichtig dünne Erdschichten ab, andere sind mit dem Zeichnen einer Steinformation beschäftigt, die Archäologen im letzten Jahr entdeckt haben. Möglicherweise ist es ein Steinkreis, der nun näher erforscht werden soll. Auch Leichenbrand, der vor einigen Jahren in diesem Hügel gefunden wurde, beschäftigt die Ausgräber. Wer lag hier begraben? Und in welchem Verhältnis standen die Toten zu dem Herrscher im Seddiner Königsgrab?

 

 

 

Eine der grabenden Studentinnen ist Elisabeth Wegner. Zu Hause in Berlin steht die 28-Jährige kurz vor Abschluss ihrer Masterarbeit - in Ägyptologie. Doch Grabungspraxis sammelt sie in der Prignitz. Sie wischt sich die erdigen Hände an der Hose ab. Vor vier Jahren entdeckte sie am schwarzen Brett der Freien Universität einen Aushang: Studentische Grabungshelfer für die Semesterferien gesucht. Seit dem kommt sie jedes Jahr nach Seddin. “Das hier ist meine Grabung“, beteuert sie. “Ich kann mir für meine Ausbildung keine bessere wünschen. Hier gibt es alles: große Fragestellungen, spannende Funde - und ein tolles Team.“

 

Mittlerweile zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die Herren von Seddin wahrscheinlich eine bedeutende Rolle bei der Kontrolle spätbronzezeitlicher Handelswege spielten. Seddin liegt im südlichen Bereich des Nordischen Kreises der Bronzezeit - dicht an der Urnenfelderkultur im Süden und der Lausitzer Kultur im Osten und Südosten. Jeder, der von Süd nach Nord und von Nord nach Süd wollte, musste an Seddin vorbei, Bernstein und Salz, Vieh und Sklaven wurden auf den Handelswegen transportiert. Bronzebeile aus der Prignitz gelangten von hier zum Mittelelbe-Saale Gebiet im Süden und bis ins nördliche Dithmarschen.

 

So schön die Schätze aus dem Königsgrab von Seddin auch sein mögen - sind sind nur eine Momentaufnahme, ein Einzelbild aus einem großen Puzzle. Erst im Zusammenhang mit vielen weiteren Fundplätzen in der näheren und ferneren Umgebung wird langsam deutlicher, wie die Menschen in der bronzezeitlichen Prignitz lebten. Eins ist schon jetzt klar: Es war ein quirliger Umschlagsplatz für Waren an der südlichen Grenze zum Nordischen Kreis: “Sowohl die Gräber als auch die Siedlungsreste der Region sprechen dafür, dass die Prignitz in der späten Bronzezeit ebenso dicht besiedelt war wie heute“, fasst May zusammen. Das restliche Europa war wesentlich menschenleerer - im Vergleich dazu tobte hier also das Leben.

 

Text: Angelika Franz

Fotos: Heinrich Holtgreve