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Die Krankheit mit den zwei Gesichtern

Die Krankheit mit den zwei Gesichtern

Neuroblastome sind Tumorzellen, die vor allem bei sehr kleinen Kindern auftreten. In manchen Fällen verschwinden sie vollständig, in anderen führen sie Jahre später zum Tod. Charité-Forscher wollen diese Prozesse verstehen – um besser helfen zu können.

Stirbt ein Kind, ein Jugendlicher, ein junger Erwachsener, kommt zur großen Trauer das Gefühl, dass gerade etwas furchtbar verkehrt läuft in der Welt: Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten stehen am Grab eines Menschen aus der kommenden Generation, Geschwister und Freunde werden zu früh mit dem Tod eines Gleichaltrigen konfrontiert. Bei der Beerdigung einer knapp 18-Jährigen, die sie über viele Jahre begleitet hatte, quälte Angelika Eggert aber noch ein anderer Gedanke: Das Gefühl, versagt zu haben.
 
Die Kinderärztin und Krebsspezialistin, Leiterin der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie der Charité auf dem Campus Virchow-Klinikum, kannte die Verstorbene, seit sie ein Kindergartenkind war, sie hatte in all den Jahren immer wieder um ihr Leben gekämpft. Und gegen den Krebs.

Mit drei Jahren war das Mädchen an einem Neuroblastom erkrankt. Einem Krebsleiden des peripheren (außerhalb des Gehirns liegenden) Nervensystems, das in jedem Jahr in Deutschland bei etwa 150 Kindern diagnostiziert wird. Die bösartigen Strukturen entwickeln sich hier aus unreifen Zellen, sie wachsen häufig im Mark der Nebennieren oder seitlich der Wirbelsäule, können aber auch Absiedlungen im Knochenmark, in den Knochen, in Leber, Gehirn oder entfernten Lymphknoten bilden. Bei einigen Kindern, besonders bei denen, die schon als Babys erkranken, bilden sich die Tumore spontan zurück – einer der Gründe, warum eine Früherkennungsuntersuchung aller Neugeborenen in großen Studien keinen Nutzen zeigte. Andere Kinder brauchen zwar eine Operation, danach aber keine Medikamente, wieder andere werden nach einer Dreifachbehandlung aus Operation, Chemo- und Strahlentherapie gesund. Bei einer großen Gruppe von Kindern, deren Neuroblastom so behandelt wurde, kommt der Krebs aber nach einiger Zeit zurück. Oft nach Jahren. Wie bei Eggerts Patientin, die tapfer dagegen angekämpft hatte und deren Familie schon längst in der Hoffnung lebte, die Krankheit sei überstanden.

Trotz aller Fortschritte: nur einer von zehn Heranwachsenden überlebt einen Rückfall

Nicht einmal einer von zehn Heranwachsenden überlebt einen solchen Rückfall. Insgesamt werden immer noch weniger als die Hälfte der Kinder mit einem Neuroblastom dauerhaft wieder gesund. Und das, obwohl sich die Heilungschancen für Kinder mit Krebs in den letzten Jahrzehnten insgesamt drastisch verbessert haben und heute bei 80 Prozent liegen. Obwohl die Kinderkrebsärzte in Deutschland vorbildlich zusammenarbeiten, ihre kleinen Patienten nur in großen Zentren behandeln und alle Fälle in einem großen, für die Forschung wertvollen Kinderkrebsregister sammeln. Und obwohl es auch bei der Behandlung des Neuroblastoms deutliche Fortschritte gab.


Doch immer ist da auch dieses Gefühl des Versagens, sind da Rückschläge und Todesfälle. „Was uns bei der Forschung anspornt, sind die krebskranken Kinder auf unseren Stationen“, sagt Eggert. Zusammen mit ihrem Kollegen Johannes Schulte hat sie schon zuvor, an der Uniklinik in Essen, zum Neuroblastom geforscht. War als Wissenschaftlerin fasziniert von der Krebskrankheit mit den zwei Gesichtern, bei der sich einerseits bösartige Tumoren bei ganz kleinen Kindern oft von allein zurückbilden, andererseits sich schlimme Verläufe selbst durch aggressive Chemotherapien und Knochenmarkstransplantationen nicht mehr heilen lassen.

„Wir wollen die positive Verlaufsform verstehen, um das Wissen für diejenigen unserer Patienten zu nutzen, die wir bisher nicht heilen können.“ Hat der Tumor in diesen Fällen womöglich gelernt, sich zur Wehr zu setzen? Dieser Frage sind Eggert und Schulte zusammen mit Forschern aus Essen, Köln und dem Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in einer Studie nachgegangen, deren Ergebnisse kürzlich in der Fachzeitschrift „Nature Genetics“ veröffentlicht wurden. Dafür wurde das Genom der Tumoren von 16 Patienten mit molekularbiologischen Methoden untersucht – und zwar jeweils Gewebeproben aus dem ersten und solche aus dem zweiten Tumor. Die Forscher fanden dabei deutliche Unterschiede: Kehrte der Krebs wieder, so waren Verluste an verschiedenen Chromosomen-Orten festzustellen, Gene, von denen man vermutet, dass sie der Bildung bösartiger Zellen einen Riegel vorschieben, waren verändert oder schachmatt gesetzt, Signalwege empfindlich gestört. „Damit haben wir erstmals Anhaltspunkte, an welchen Stellen wir die Widerstandskraft der aggressiven Rückfall- Tumoren mit neuen Medikamenten angreifen können“, sagt Eggert.

Einige Substanzen, die sich eignen könnten, weil sie sich gegen Strukturen auf der Oberfläche der Neuroblastome richten, sind schon verfügbar. Unter dem Dach des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung, zu dem sich Charité und Max-Delbrück- Centrum zusammengeschlossen haben, und mit Unterstützung der Einstein-Stiftung planen Eggert und ihre Arbeitsgruppe verschiedene Studien. Vom Tumor lernen, gezielter therapieren – das sind die beiden Maximen der Forscher. „Wir müssen bei jedem Rückfall eine neue Gewebeprobe entnehmen und die Behandlung danach richten, welche Veränderungen wir auf der Oberfläche der Tumorzellen finden“, erläutert Eggert.

Die Therapie der Neuroblastome wird dadurch individueller werden. Unglücklicherweise steht zu vermuten, dass auch der Krebs lernt und neue Abwehrstrategien entwickelt. Immerhin sind zielgerichtete Therapien, wie sie in der Behandlung verschiedener Krebsformen von Erwachsenen inzwischen einen festen Platz haben, verträglicher als klassische Chemotherapien, die sich unterschiedslos gegen alle schnell wachsenden Körperzellen richten. „Wir könnten Zeit gewinnen“, sagt Eggert. Das eigentliche Ziel der Kinderkrebsspezialistin aber ist ehrgeiziger: Die wandlungsfähigen Neuroblastom-Zellen sollen auf Dauer die Verlierer in diesem Wettlauf bleiben.

Text: Adelheid Müller-Lissner
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Der Artikel ist erstmalig im Tagesspiegel Online vom 30.08.2015 erschienen.