Für die Wissenschaft. Für Berlin.

„Unparteilichkeit ist nicht selbstverständlich“

"Unparteilichkeit ist nicht selbstverständlich"

Anita Traninger wird als Einstein Junior Fellow von der Einstein Stiftung Berlin gefördert.

Einstein Junior Fellow Anita Traninger hat am 13. November Journalisten und Medienwissenschaftler zu einem Gespräch über Debatten in Zeiten des Internets eingeladen

Wie verändern sich öffentliche Debatten in Zeiten des Internets? Bieten die sozialen Netzwerke Bürgern tatsächlich mehr Möglichkeiten zur Teilhabe oder erschöpfen sich Internetdebatten in substanzlosen Beiträgen, von Nutzern aus dem Bauch heraus in die Tasten gehämmert? Anita Traninger, habilitierte Romanistin, erforscht in ihrem von der Einstein Stiftung Berlin geförderten Forschungsprojekt die Entstehung des Begriffs der „Unparteilichkeit“ im 17. Jahrhundert, interessiert sich aber zugleich für dessen Wandlungen bis in die Gegenwart. Am 13. November diskutiert sie im Rahmen eines „Runden Tisches“ mit dem Journalisten Markus Hesselmann, dem Linguisten Horst Simon, dem Soziologen Dominique Cardon und dem Medienwissenschaftler Antonio A. Casilli, inwiefern Facebook-Likes, Internet-Trolle und die Krise der etablierten Medien auch das Konzept der „Unparteilichkeit“ verändern.

Frau Traninger, warum interessiert Sie der Begriff der Unparteilichkeit?

Ich erforsche, wie der Begriff entstanden ist und sich über die Jahrhunderte gewandelt hat. Wir meinen heute, Unparteilichkeit sei eine Selbstverständlichkeit. Tatsächlich taucht das Wort aber erst im 17. Jahrhundert in den Volkssprachen auf und wurde zu einem Ideal öffentlicher Debatten.

Gehört zu einer Debatte nicht gerade, Partei zu ergreifen?

Ja, aber Unparteilichkeit bedeutet nicht zwangsläufig Urteilsenthaltung. Im 17. und 18. Jahrhundert verstand man unter Unparteilichkeit, den Pro- und Kontra-Argumenten zu einem Thema mit Unparteilichkeit zu begegnen, das heißt, sich von den eigenen Vorurteilen und Vorüberzeugungen zu distanzieren und sich dann ein Urteil zu bilden. Unparteilichkeit bedeutete nicht, keine Partei zu ergreifen. In der Diskussion wollen wir uns auch mit dieser Frage beschäftigen: Wo hat dieses Abwägen unterschiedlicher Positionen für die eigene Urteilsbildung in den heutigen Debatten seinen Platz?

Worüber werden Sie und Ihre Gäste noch sprechen?

Wir wollen das Internet nicht als technisches, sondern als gesellschaftliches Phänomen betrachten: Welche Funktionen hat es in gesellschaftlichen Debatten? Was bedeutet heute „Öffentlichkeit“? Wir beobachten zum Beispiel, dass durch das Internet Debatten vielstimmiger geworden sind – aber löst sich auf diese Weise tatsächlich ein Ideal von Demokratie ein, das einer offenen Debatte? Was bedeutet es, wenn Informationen auch ohne journalistische „Gatekeeper“ ausgetauscht werden, gleichsam ungefiltert im Netz stehen? Uns interessiert der größere Kontext, nicht die alltägliche Klage über den Niveauverlust durch die Möglichkeiten des Web 2.0.

Sie haben sich in Ihrer Habilitation mit Gelehrten in der Renaissance beschäftigt, viele Ihrer Forschungsvorhaben beschäftigten sich mit der Zeit vom 15. bis zum 19. Jahrhundert. Dass Sie sich nun mit Journalisten und Social-Media-Experten an einen Tisch setzen, überrascht…

Rhetorik ist einer meiner Forschungsschwerpunkte und mich interessiert, wie sich Diskussionskulturen – zum Beispiel durch Medienwandel – verändern. Die historischen Geisteswissenschaften sind ja auch kein Selbstzweck. Es geht immer darum zu fragen, welche langen Traditionen – welche Wandlungsprozesse oder historischen Brüche – stehen hinter unseren aktuellen Selbstverständlichkeiten. Für mich ist historische Forschung dann interessant, wenn sie zu einem besseren Verständnis der Gegenwart beiträgt.

Die Fragen stellte Dr. Nina Diezemann

Quelle: campus.leben, Online-Magazin der Freien Universität Berlin
Foto: ESB / E. Contini