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Vera Beyer

Sahen andere Kulturen anders? Einstein Junior Fellow Vera Beyer (FU Berlin) erforscht wie verschiedene Kulturen ihre Vorstellungen vom Sehen darstellen. In ihrer Studie „Sehen im Vergleich“ vergleicht sie die mittelalterliche Buchmalerei aus Persien und Europa. Die Kunsthistorikerin konzentriert sich dabei auf Motive, die auf gemeinsame Traditionen zurückgreifen – zum Beispiel die Schau Gottes, träumende Autoren oder begehrliche Blicke auf materielle Götzen. Vera Beyer hat internationale Forschungserfahrung in Paris, New York, Basel und im Iran gesammelt.

 

 

»Ein Artefakt in seinem Kontext verstehen«

Ich beschäftige mich mit dem ureigensten Instrument der Kunstgeschichte: mit dem Sehen. Wir schauen natürlich immer mit unseren eigenen, heutigen Augen. Aber ich glaube, dass Bilder einen Eindruck davon vermitteln können, wie man früher und anderenorts gesehen hat – und wie sich die Modi entwickelt haben, wie wir heute sehen.

Hierfür betrachte ich Bilder, in denen Momente des Sehens dargestellt werden. Zum Beispiel eine Szene der Josephsgeschichte, die im Alten Testament auftaucht: Hier wirft die Frau des Potiphar – im persischen Kontext heißt sie Zulaikha – einen Blick auf Joseph. Diese Szene wird im Koran aufgegriffen, aber auch in der persischen mystischen Dichtung und in protestantischen Katechismen – sie wurde immer wieder umgedacht oder umgedichtet. Dadurch kann man transkulturell vergleichend beobachten, wie unterschiedlich dieser Blick auf Joseph dargestellt und bewertet wird.

Rembrandt etwa stellt die Szene sehr körperlich dar. Doch körperliche Schönheit bleibt im europäischen Kontext meist ambivalent: Sie wird gezeigt, aber man soll sie nicht begehren. Und die Frau, die dieses Begehren weckt, wird negativ bewertet. Im persischen Kontext hingegen verlieren sich diese negativen Beurteilungen: Zulaikha erkennt, dass die körperliche Schönheit Josephs eigentlich der Abglanz göttlicher Schönheit ist. Daraufhin nimmt die Geschichte eine für den westlichen Betrachter überraschende Wendung: Nachdem Zulaikha verstanden hat, dass Josephs Schönheit nicht als körperliche, sondern als geistige anzusehen ist, willigt er ein, sie zu heiraten.

Seit ich zu Bezügen zwischen europäischen und nah-östlichen Bildkulturen forsche, bin ich mit Klischees konfrontiert, die grundlegende Unterschiede unterstellen: Dass die nahöstlichen Kulturen im Unterschied zu den europäischen bilderfeindlich seien, ist nur eines dieser Stereotype. Dagegen versuchen mein Team und ich, die engen Verflechtungen zwischen diesen Bildkulturen in den Blick zu rücken – gemeinsame Bezüge auf die Antike beispielsweise oder Objekte, die zwischen Europa und dem Nahen Osten zirkulierten, sodass man Teppiche mit arabischer Schrift in west- europäischen Kirchen findet und deutsche Heiligenbilder in den Alben der Mogulherrscher. Vor diesem Hintergrund werden auch Abgrenzungen in einer gemeinsamen Geschichte verständlich. Das heißt freilich nicht, dass Kunst eine universell verständliche Sprache wäre – vielmehr gilt es ein Artefakt in seinem Kontext zu verstehen, um Klischees entgegenzuwirken.

Foto: Pablo Castagnola