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Dietmar Schmitz

Wie funktionieren Lernen und Erinnern im Gehirn? Diese Frage treibt die Forschung von Dietmar Schmitz an. Der Einstein-Professor für Neurowissenschaften an der Charité - Universitätsmedizin Berlin ist unter anderem Sprecher des Exzellenzclusters NeuroCure. Dietmar Schmitz kam bereits während seines Medizinstudiums nach Berlin, 2005 wurde er Professor für Neurowissenschaften an der Charité. Doch nur mit Unterstützung der Einstein Stiftung konnte der international umworbene Forscher auch ab 2011 weiterhin in Berlin gehalten werden.

»Wie die Arbeit eines Detektivs«

Je tiefer man in die Hirnforschung einsteigt, umso mehr spürt man eine gewisse Ehrfurcht. Wenn ich im Experiment sitze und Hirnzellen ihre Rhythmen generieren sehe, frage ich mich oft: Wie kann das sein? Wie entsteht so etwas? An manchen Tagen denke ich, das werde ich nie verstehen. Aber das dominiert bei mir nicht. Mir ist klar, dass wir nicht alle Details ergründen können, aber kleine Fortschritte motivieren mich sehr in der täglichen Arbeit. Es sind viele kleine Beobachtungen in vielen Laboren, die die Hirnforschung in den großen Fragen voranbringen.

Am Gehirn fasziniert mich die hohe Komplexität und die Plastizität. Es ist nicht statisch, sondern ständige Veränderungen der Synapsen führen dazu, dass man immer wieder neue Informationen speichern kann. Einerseits können kleine Veränderungen zu großen Erkrankungen führen, andererseits kann das Gehirn große Verletzungen gut kompensieren. Wie das möglich ist, hat man im Detail noch gar nicht verstanden. Es ist eine von vielen Fragen, die das Gehirn aufwirft.

Unsere Arbeitsgruppe erforscht, wie Hirnzellen miteinander kommunizieren und wie Lernen und Gedächtnisbildung funktionieren. Bei neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen sind diese Prozesse oft gestört – zum Beispiel bei Epilepsie, Alzheimer, Autismus oder Schizophrenie. Wir versuchen die zellulären und molekularen Mechanismen dahinter zu verstehen, um bessere Diagnostik und Therapien zu entwickeln. Bei der Epilepsie haben wir vor einigen Jahren erkannt, wie Nervenzellen gestört sind, und Ideen entwickelt, um diese Störung zurückzunehmen.

Ich habe mich sehr lange vornehmlich auf die Grundlagenforschung konzentriert, auch weil es mich frustriert hat, dass es bei der klinischen Anwendung im neuropsychiatrischen Bereich wenige Fortschritte gab. Jetzt denke ich, dass wir viel erreichen können. Die Technologie hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt und große Forscherverbünde, wie unser Exzellenzcluster NeuroCure oder das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, ermöglichen eine intensive Grundlagenforschung mit enger Verzahnung zur klinischen Anwendung.

Unsere Forschung erinnert mich oftmals an die Arbeit eines Detektivs. Wir lesen viel und stellen Hypothesen auf, die wir dann in Experimenten testen und analysieren. Aber das Gehirn ist oftmals zu komplex für unsere Hypothesen. Daher ist es sehr wichtig, im Experiment genau zu beobachten und für unerwartete Ergebnisse offen zu sein. So sind mir oft schon interessante Phänomene aufgefallen, die dann ganz neue Einblicke in die Hirnfunktionen gegeben haben.

Video: Mirko Lomoth