Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Liba Taub

Die Sterne, der Vulkan Ätna, das Wetter - sie alle brachten antike Wissenschaftler zum Nachdenken über die Natur. Nicht nur worüber, sondern auch wie wissenschaftliche Diskurse in der Antike geführt wurden, interessiert Liba Taub. Die Professorin für Geschichte und Wissenschaftstheorie an der University of Cambridge, war von 2010 bis 2014  Einstein Visiting Fellow am Berliner Exzellenzcluster TOPOI. Dort sichtete und analysierte sie antike Wissenschaftstexte. Das Ergebnis hat die antike Wissensvermittlung in ein neues Licht gerückt. 

 

 

»Wie dachten antike Wissenschaftler?«

Können wir von Wissenschaftlern aus der Vergangenheit etwas lernen?
In unserer Zeit hat die Wissenschaft enorme Macht. Selbst wenn man ein Shampoo verkaufen will, beruft man sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Doch haben sie immer schon mehr gegolten als andere Wissensformen? Die Antwort darauf lautet vermutlich nein. Für Newton, Ptolemäus oder Aristoteles stand noch fest, dass es verschiedene Formen der Erkenntnis gab und diese miteinander verwoben sind.
Der Blick in die Wissenschaftsgeschichte bietet uns die Gelegenheit, unsere heutige Kultur und Gesellschaft ein wenig besser zu verstehen. Er lässt uns zweifeln an Aussagen wie: “Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass ...“. Ptolemäus hielt die Erde noch für den Mittelpunkt des Universums. Heute erscheint uns allein der Gedanke, es könne im Universum einen Mittelpunkt geben, geradezu abwegig. Das Studium der Wissenschaftsgeschichte erinnert uns daran, dass Wissen veränderlich ist.

Womit genau befassen Sie sich in Ihrer Forschung gerade?
In den letzten Jahren habe ich mich vor allem mit den verschiedenen Gattungen befasst, in denen wissenschaftlicher Austausch stattfand. Wissenschaftliche Ideen wurden etwa in Gedichte gefasst oder in Listen aufgezeichnet. In der “Anthologia Graeca“ sind 40 kurze Gedichte über mathematische Probleme enthalten, die vermutlich auf Gastmählern vorgetragen wurden, bei denen Männer zum intellektuellen Wettstreit zusammenkamen. Ich untersuche aber auch Gegenstände der altertümlichen Forschung. Im Neuen Museum in Berlin steht das Fragment eines astronomischen Globus, dessen wissenschaftlicher Zweck vermutlich darin bestand, ein astronomisches Lehrgedicht des Aratos nachzustellen. Interessant an diesem Globus ist aber schon seine schiere Existenz. Sie ist der Beweis dafür, dass das Wissen über die Erde als Kugel viel älter ist, als wir gemeinhin denken.

Versuchen Sie sich in die Denker der Antike hineinzuversetzen?
Das ist leider unmöglich. Dennoch stellt sich manchmal das beglückende Gefühl ein, etwas verstanden zu haben, was für den Verfasser zentral war. So ist es mir etwa ergangen, als ich mich eingehend mit der schwierigen Einleitung des “Almagest“ von Ptolemäus befasst habe, die in der Forschung meist beiläufig übergangen wird. Für Ptolemäus selbst war sie meiner Ansicht nach aber alles andere als nebensächlich. Ich hatte das Gefühl, ihm dadurch sehr nahe zu sein. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass Ptolemäus, träte er zur Tür herein, aller Wahrscheinlichkeit nach einwenden würde: “Moment mal, das siehst du alles komplett falsch!“ Diesen Gedanken behalte ich immer im Hinterkopf.

Video: Mirco Lomoth