Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Neville Morley

Am Exzellenzcluster Topoi, einem altertumswissenschaftlichen Forschungsverbund von Freier Universität und Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit außeruniversitären Einrichtungen, soll in Anbindung an das Berlin Thucydides Center eine Forschergruppe rund um den Althistoriker Neville Morley entstehen, die sich dem Thema Wandel und Bewegung im politischen Kontext des antiken Griechenlands im 5. Jh. v. Chr. widmet. Morley gehört zu den international bedeutenden Experten für den griechischen Historiker Thukydides.

Mein Projekt

“Das Ziel meines Projekts „Kinesis: Bezug als Prinzip“ ist es, Transformation und Veränderung im Griechenland des fünften Jahrhunderts vor Christus zu verstehen. Diese Zeit war nicht nur durch radikale Veränderungen des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens geprägt, sondern ebenso durch das Auftreten neuer, kritischer Denkweisen über Wandel und die menschliche Gesellschaft. Unsere Vorstellung von den alten Griechen ist immer noch ziemlich so, wie sie es im 18. Jahrhundert war: Die Griechen seien ernste, vergeistigte Liebhaber von Kunst und Philosophie gewesen. In der Tat waren sie zu entsetzlicher Gewalt fähig und ihre Gesellschaften lebten auf Messers Schneide. Aber sie reflektierten dies auch und entwickelten intellektuelle Werkzeuge, die bis heute nützlich für uns sind. Mein besonderes Interesse gilt dem athenischen Schriftsteller Thukydides, der sowohl als bahnbrechender kritischer Historiker als auch als Gründer einer politischen Theorie gesehen werden kann, deren Einsichten in die Natur der „menschlichen Sache“ – wie Menschen sind und warum sie sich so verhalten, wie sie es tun – nach wie vor in vollem Umfang relevant sind.“

Einstein-Fragebogen

Was tun Sie morgens als Erstes, wenn Sie an Ihren Arbeitsplatz kommen, und warum?

Sehr prosaisch: Espressomaschine an, Computer an. Das Erste ist essentiell; das Zweite ist häufig eine Ablenkung von der eigentlichen Arbeit, aber gleichzeitig ein unvermeidlicher Bestandteil des akademischen Lebens. Ich bin alt genug, um mich an die Welt vor E-Mail und Internet zu erinnern. Wir haben damals vermutlich viel mehr Arbeit geschafft – aber es fehlte die Möglichkeit zu ausgedehnter Zusammenarbeit mit Forschern aus der ganzen Welt.

Wie sähe Ihr Forschungsprojekt aus, wenn es ein Kunstobjekt wäre?

Wie Max Beckmanns Bild „Die Hölle“. Wie Thukydides’ Arbeit und besonders seine Darstellung des Bürgerkriegs der Stadt Kerkyra, ist es ein gewaltiger, erschreckender und zum Nachdenken anregender Versuch der Darstellung von sozialer Fragmentierung und Gewalt. Beide Männer, Beckmann und Thukydides, waren vom Krieg und seinen Folgen traumatisiert und reagierten mit ruhiger Beobachtung, Analyse und Kunst, um der Welt einen Sinn zu geben.

Tatsächlich habe ich einen verrückten Plan, um aus meiner Forschung Kunst zu machen: Ich will mit passender Musik und Bildern kurze Videoclips rund um Thukydides Texte erstellen. Beckmanns Arbeit ist von zentraler Bedeutung für die Konzeption dieser Clips.

Was sind Ihrer Meinung nach die drei größten Erfindungen der Menschheit?

Die Erste ist einfach: das kritische Denken, die Ablehnung, das Erscheinungsbild der Dinge zu akzeptieren und stattdessen zu versuchen, sie zu verstehen. Alles andere folgt daraus: Geschichte, Wissenschaft, Philosophie. Was die beiden anderen größten Erfindungen angeht, da denke ich an Kaffee (um das Denken zu unterstützen) und an Bier (wenn das Denken zu viel wird).

Welche Eigenschaften unterscheiden einen Forscher Ihrer Meinung nach von anderen Menschen?

Eine Kombination aus Neugier und Skepsis: der Antrieb zu verstehen, Dinge auseinander zu nehmen, um zu sehen, wie sie zusammenpassen – was der Aristotelische Ansatz ist – und/oder das Ganze zu betrachten – wie Platon es tut. Außerdem die Weigerung, einfache Antworten oder komfortable Gewissheiten zu akzeptieren. Ein Student kaufte mir einmal eine Kaffeetasse mit dem Slogan „Die einfache Antwort ist ... wir wissen es einfach nicht“. Ein Satz, den ich vermutlich häufig verwende, und der für mich die Haltung eines Forschers versinnbildlicht.

In welchem Berliner Bezirk fühlen Sie sich wohl und warum?

Friedenau. Ich war mehrere Male in der Gegend und fühle mich dort ganz wie zu Hause. Ich habe meine Lieblingsplätze – das Zig Zag Jazz Café, die Nicolaische Buchhandlung, das S-Bahn-Café – aber es ist auch eine Freude, einfach durch die ruhigen, von Bäumen gesäumten Straßen zu spazieren.

(März 2016)
Foto: privat