
Städte sind bunt, vielfältig und voller Freiräume. Aber sie sind auch laut, voll, oft anstrengend – und belasten unsere Psyche. Die Neurourbanistik ergründet, wie urbane Räume uns krank machen – und wie Stadtentwicklung zum Wohlbefinden beitragen kann
Interview von Lars Klaaßen
Herr Adli, Sie sind in Köln geboren, haben Ihr Leben in vielen Metropolen verbracht und leben nun in Berlin. Wie empfinden Sie die Stadt als Lebensraum?
Ich bin überzeugter Großstadtbewohner, weil die Stadt für mich viele Vorteile bietet. Aber ich bin auch in der glücklichen Position, diese Vorteile gut nutzen zu können. Grundsätzlich überwiegen die Vorteile der Stadt für die meisten Menschen. Deswegen wachsen die Städte weltweit. Sie bieten bessere Entwicklungs- oder Entfaltungsmöglichkeiten, eine zuverlässigere Gesundheitsversorgung und einen enormen kulturellen Reichtum. Städte sind und bleiben die wissenschaftlichen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Zentren.
Das Stadtleben kann aber auch sehr belastend sein. Werden Stadtbewohner:innen schneller psychisch krank?
Menschen, die in Städten wohnen, haben ein größeres psychisches Erkrankungsrisiko als Landbewohner. Zumindest in Ländern des globalen Nordens. Das ist für bestimmte Erkrankungen nachgewiesen. Dazu gehört zum Beispiel die Depression, die sich anderthalbmal häufiger in der Stadt als außerhalb zeigt. Auch Angsterkrankungen sind häufiger. Für die Schizophrenie ist besonders gut belegt, dass das Stadtleben mit einem größeren Erkrankungsrisiko korreliert. Es gibt sogar ein doppeltes Dosis-Wirkungs-Verhältnis bei der Schizophrenie: für die Anzahl der Jahre und für die Größe der Stadt, in der jemand aufgewachsen ist. Wir haben uns auf den wissenschaftlichen Weg gemacht, die Gründe für diesen Risikounterschied besser zu verstehen.
Weshalb machen uns die Städte denn krank?
Städte sind schnelllebig und ändern sich kontinuierlich. Gerade hier in Berlin haben wir es mit einer Stadt zu tun, die sich extrem schnell wandelt. Das ist erst mal weder schlecht noch gut. Veränderungen können Menschen unter bestimmten Umständen aber unter Stress setzen. Stadtleben geht mit Stress einher. Das leuchtet uns intuitiv ein: Lautstärke, Luftverschmutzung, Betriebsamkeit, Dichte – all das sind typische Stressoren.
Unsere Forschung soll gesundheitsrelevanten Stress ausmachen. Vieles weist darauf hin, dass vor allen Dingen chronischer sozialer Stress krank macht. Dabei haben wir zwei Unterformen von sozialem Stress besonders im Visier: Dichtestress und Isolationsstress. Soziale Dichte, die man als unkontrollierbar empfindet, kann zu sozialem Stress werden. Aber auch soziale Isolation wird zu Stress, zum Beispiel wenn man mit der Anonymität der Großstadt nicht umgehen kann und mitten unter vielen Menschen Einsamkeit erlebt.
Und auch Hitzewellen, die uns durch den Klimawandel in der Stadt immer häufiger während der Sommermonate treffen, machen uns psychisch zu schaffen: Menschen werden reizbarer, zwischenmenschliche Auseinandersetzungen nehmen zu, ebenso Fälle von häuslicher und anderer Gewalt sowie suizidale Handlungen. Selbst im Sport zeigt sich das: Steigen die Temperaturen, werden im Fußball mehr rote Karten verteilt. Besonders problematisch wird es, wenn Dichtestress und Isolationsstress zusammenkommen.
Soziale Dichte und soziale Isolation an einem Ort – das klingt paradox.
Dichtestress tritt auf, wenn man es um sich herum als zu beengt empfindet, keinen Rückzugsraum hat oder sich nicht von der Betriebsamkeit der Stadt zurückziehen kann. Das können zum Beispiel schlecht gebaute Häuser verursachen, wo man durch die Wände die Fernseher der Nachbarn dröhnen hört. Zum Dichtestress kommt Isolationsstress hinzu, wenn man gleichzeitig keinen dieser Nachbarn kennt. Das Gefühl von Einsamkeit ist die subjektive Seite sozialer Isolation und entsteht vor allem dann, wenn man um sich herum zwar Menschen hat, sich jedoch nicht zugehörig fühlt.
Die Neurourbanistik führt Gesundheitsforschung und Stadtforschung zusammen. Sie umfasst Bereiche wie Psychiatrie, Stadtplanung, Psychologie, Neurowissenschaften, Architektur, Soziologie, Philosophie und Geographie. Was ist das Neue an diesem interdisziplinären Ansatz?
Neu ist die Zusammenführung all dieser Kompetenzen mit einer konkreten Zielrichtung. Am Anfang stand die Suche nach gesundheitsrelevanten Stressoren in der Stadt und die Frage, wie wir Städte so gestalten können, dass sie uns psychisch nicht schaden, sondern zuträglich sind. Ich selbst bin Arzt, aber es war klar, dass wir diese Fragen nicht allein aus der Medizin heraus beantworten können. Das geht nur im Schulterschluss mit anderen Fachrichtungen. Dazu gehören stadtforschende und sozialwissenschaftliche Disziplinen. Gleichzeitig ist der Austausch mit Politik und Stadtbewohnern wichtig. Deswegen habe ich vor etwas mehr als zehn Jahren das Interdisziplinäre Forum Neurourbanistk ins Leben gerufen. Wir haben dieses Forschungsfeld entwickelt, definiert, Hypothesen aufgestellt und unter dem Begriff Neurourbanistik zusammengefasst.
Wie läuft Ihre Forschungsarbeit in der Neurourbanistik konkret ab?
Wir verwenden unterschiedliche Forschungsmethoden. Dazu gehört zum Beispiel die App-basierte Echtzeitmessung von Emotionen, das sogenannte Ecological Momentary Assessment, kurz EMA. Eine Reihe von wichtigen Erkenntnissen erbrachte die funktionelle Magnetresonanztomografie (MRT). Wir haben zum Beispiel untersucht, wie bestimmte städtische Umwelteinflüsse die Stressantwort des Gehirns beeinflussen. Dabei zeigte sich, dass mit steigendem Anteil an Grünflächen im eigenen Wohnumfeld die Aktivität in stressregulierenden Hirnarealen größer wird, und zwar noch in 1,5 Kilometern Entfernung. Gleichzeitig haben wir festgestellt, dass mit steigender Feinstaubbelastung am Wohnort die Aktivität von stress- und emotionsregulierenden Arealen schwächer wird.
Emotionen sind als Symptome psychischer Belastung im urbanen Raum ein wichtiges Forschungsfeld der Neurourbanistik. Wie lassen sie sich empirisch erfassen?
Wir generieren gerade eine Emotionskarte Berlins, also eine Art emotionale Wetterkarte der Stadt. Jeder kann sich unsere Forschungs-App kostenlos herunterladen und eine Woche lang emotionale Erfahrungen mit uns teilen. Dazu wird man dreimal am Tag von der App eingeladen, die eigenen Emotionen zu bewerten und einzugeben. Ein GPS-Signal zeigt uns, wo sich die Teilnehmenden gerade befinden. Daraus entsteht eine Emotionsstadtkarte. Wir wollen verstehen, unter welchen stadträumlichen Bedingungen Stress und auch unterschiedliche Emotionen entstehen – von Einsamkeit über Sicherheitsgefühl bis zur Zugehörigkeit.
Die Neurourbanistik setzt auf vielfältige Technologien, um an Daten zu kommen …
Was wir heute erheben, wäre vor 20 Jahren in dieser Form nicht möglich gewesen. Mithilfe der genannten App können wir zum Beispiel einen Citizen-Science-Ansatz verfolgen und die Menschen, für die wir ja die Forschung machen, auf eine besonders intensive Art beteiligen. Die Bewohner Berlins werden selbst zu Stressforschern. Das ermöglicht die heutige Technologie.
Was haben Sie mit der Emotionsforschung per App bereits herausgefunden?
Es ist ein laufendes Projekt, die Daten daher vorläufig. Was man aber jetzt zum Beispiel schon sieht: Die angegebenen Stresswerte nehmen über den Tag hinweg ab. Zu Beginn des Tages werden im Durchschnitt höhere Stresswerte abgegeben als zum Ende hin. In eher zentrumsnahen Regionen der Stadt zeigen sich ebenfalls höhere Stresswerte. Wir erkennen auch erste Hinweise auf Stresstreiber. Dazu gehört zum Beispiel ein mangelndes Zugehörigkeitsgefühl, wenn man sich von der Nachbarschaft oder von anderen Menschen in der Umgebung nicht angenommen fühlt. Ein weiterer Stresstreiber ist Verkehrslärm. Es gibt auch Faktoren, die eher mit niedrigen Stresswerten einhergehen. Dazu zählen ästhetische Aspekte oder die Frage, ob man den Ort, an dem man sich aufhält, gerade interessant findet. Je interessanter oder schöner ein Ort empfunden wird, desto niedriger sind die angegebenen Stresswerte.
Sind Menschen denn auch unterschiedlich anfällig für Stress?
Wer Zugang zu den vielen Vorteilen der Stadt hat, kann negative Stressoren besser ausgleichen. Ein Problem entsteht erst, wenn es am Zugang zu den positiven Ressourcen der Stadt mangelt – etwa durch kulturelle Hürden oder Sprachbarrieren. Studien zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund unter einem besonderen Risiko stehen. Vor allem Menschen mit sichtbarer Migrationsgeschichte haben in der Stadt schlechtere psychische Gesundheitskennwerte. Zusätzlich ist Migrationshintergrund per se ein Risikofaktor für Ausschlusserfahrung und damit Isolationsstress. Ältere Menschen haben ebenfalls ein höheres soziales Isolationsrisiko, weil sich ihr Aktionsradius aus gesundheitlichen Gründen verkleinert und die Einsamkeit damit zunimmt. Auch junge Erwachsene sind von Einsamkeit stark betroffen. Unsere besondere Aufmerksamkeit richtet sich auf diese Risikogruppen.
Sie wollen im Einstein-Zirkel Maßnahmen entwickeln, die das Thema psychische Gesundheit in alle Bereiche der Stadtpolitik trägt. Was steht da an?
Wir haben den Zirkel ins Leben gerufen, um innerhalb von drei Jahren Empfehlungen für eine Mental-Health-Strategie Berlins zu erarbeiten. Wir tauschen uns mit den Politikschaffenden aus sowie mit den Bürgerinnen und Bürgern, die schließlich zum Sammeln dieser Daten beigetragen haben. Und wir beteiligen zivilgesellschaftliche Einrichtungen. Nur in solch einem Austausch lässt sich verstehen, welche Fragen am drängendsten sind und welche praktischen Empfehlungen sich daraus ergeben könnten.
Wie können Städte als Lebensraum besser werden?
Wenn chronischer sozialer Stress in Form von Dichtestress und Isolationsstress unsere psychische Gesundheit belastet, folgt daraus, die Erfahrung von als unkontrollierbar empfundener sozialer Dichte zu minimieren. Es geht dabei wirklich nur um die unkontrollierbare Dichte. Denn gleichzeitig gilt: Die Kompaktheit der Stadt gehört zu ihren Vorteilen, wenn die Bedürfnisse des täglichen Lebens fußläufig zu erledigen sind. Dazu gehört, dass man Wohnungen vernünftig baut, dass Wände und Fenster den Lärm draußen halten. Jeder Mensch sollte zumindest eine Tür hinter sich schließen können.
Dem Isolationsstress wirkt man wiederum durch sozialen Raum entgegen. Wir brauchen Begegnungs-, Interaktions- und Kooperationsflächen – Verweilzonen, in denen Menschen miteinander in Kontakt treten können. Öffentlicher Raum ist daher gesundheitsrelevant. Dazu gehören Grünflächen und kulturelle Räume wie Konzertsäle, Theater, Kulturzentren und Museen. Solche Orte fördern soziale Kontakte. Zeit vor der eigenen Haustüre ist vor allen Dingen soziale Zeit und wirkt damit sozialer Isolation entgegen. Wir müssen verhindern, dass soziale Räume und öffentliche Plätze schwinden, und uns um kulturelle Räume kümmern. Das gilt nicht zuletzt auch für Berlin, wo die Kulturförderung stark gekürzt wurde. Wir brauchen solche Orte für unsere psychische Gesundheit. Jedes Theater hat einen Gesundheitsauftrag.
Kann die Neurourbanistik direkt handlungsleitend wirken?
Das hängt nicht nur von uns Neurourbanisten ab. Die gesamte Wertschöpfungskette des Wissens muss funktionieren. Damit dieses Wissen auch tatsächlich in der Praxis ankommt, sind Offenheit und politischer Umsetzungswille die Voraussetzung. Ich bin da erst mal optimistisch. Wir stoßen auf schnell wachsendes Interesse an der Stadtentwicklung. Der Deutsche Städtetag ist einer unserer langjährigen Partner, aber es gibt auch noch Luft nach oben. Eine Mission, der ich mich verschrieben habe: Den Menschen – die in der Stadt leben und jenen, die Stadt gestalten – klarzumachen, dass unsere Zukunft zu 100 Prozent eine urbane sein wird. Wir müssen uns jetzt darum kümmern, Städte so zu gestalten, dass sie gesunde Lebensräume werden – auch für unsere Psyche. Da haben wir noch eine ganze Menge zu tun.
Ziehen Sie beizeiten trotzdem aufs Land?
Ich bin überzeugter Stadtbewohner und habe auch nicht vor, rauszuziehen. Aber gelegentlich fahre ich sehr gerne übers Wochenende aufs Land und genieße Ruhe, Licht und Natur. Aber ich freue mich auch jedes Mal wieder in die Stadt zurückzukehren.
Experte
Prof. Dr. Mazda Adli ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und leitet an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Campus Charité Mitte, den Forschungsbereich „Affektive Erkrankungen“. Außerdem ist er Sprecher des Einstein-Zirkel "Urban Mental Health Strategy".

