Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Aus Steinen lesen


Von den Ursprüngen der Wissenschaft: Die Historikerin Liba Taub untersucht, wie antike Forscher kommunizierten. Die stellten ihre Ergebnisse manchmal als Gedicht dar.

Es sind nicht immer die offensichtlichen Wege, über die Wissenschaftler sich austauschen. Das hat Liba Taub gerade erst wieder gedacht, als sie in der Zeitung las, wie die Forscher miteinander kommunizierten, die am Montag mit neuen Ergebnissen zur Urknall-Theorie für Aufsehen sorgten. Nicht per E-Mail unterhielten sie sich über ihre Nachweise zur „Inflation“ des Weltalls. Aus Angst, dass vorab etwas durchsickern könnte, händigten sie sich die Dokumente lieber persönlich aus.

Wer mit wem sprach, ist nur in Puzzlestücken nachzuvollziehen

Wenn Wissenschaftler ihre kommunikativen Spuren so bewusst verwischen, wird es eines Tages schwierig sein, ihren Austausch zu rekonstruieren.

Für Liba Taub gehört solche Spurensuche allerdings zum täglichen Geschäft. Sie ist Professorin für Wissenschaftsgeschichte und -philosophie an der Universität Cambridge und erforscht, wie Mathematiker und Philosophen in der Antike ihr Wissen teilten. Nur wenige Briefe aus dieser Zeit sind bekannt, geschweige denn akademische Zeitschriften. Wer mit wem sprach, ist häufig nur in Puzzlestücken nachzuvollziehen.

Taub muss also anderes Material zu Rate ziehen. Häufig sind das Dinge, die man nicht auf Anhieb mit akademischem Diskurs verbindet. Gedichte zum Beispiel, Inschriften und nicht zuletzt die Gegenstände altertümlicher Forschung selbst: Sonnenuhren, steinerne Kalender. Am heutigen Donnerstag wird Liba Taub gemeinsam mit ihrer Berliner Forschungsgruppe solche „sprechenden“ Steine vorstellen und zeigen, wie sich die griechische und römische „Wissenschaftsgemeinde“ damit auf dem Laufenden hielt.

Antike Sonnenuhr, Foto: Topoi

Taub studierte Physik, Chemie, Linguistik, Philosophie

Seit 2010 ist Liba Taub „Visiting Fellow“ der Einstein-Stiftung am Berliner Antiken-Exzellenzcluster „Topoi“. Sie pendelt zwischen Cambridge und Berlin, aber – als Wissenschaftshistorikerin – auch zwischen den Disziplinen. Ursprünglich wollte sie Naturwissenschaftlerin werden, „mit 10 Jahren stand das für mich fest“, erzählt sie. Sie begann ein Studium der Physik, Chemie und Biologie, doch auch die Linguistik und die Philosophie der Antike hatten es ihr angetan.

An der Universität Oklahoma, die in den 1990er Jahren eines der wenigen Institute für Wissenschaftsgeschichte beherbergte, schrieb sie schließlich ihre Doktorarbeit – über das Weltbild des griechischen Mathematikers Claudius Ptolemäus, der im 2. Jahrhundert in Alexandria lebte und mit dem „Almagest“ ein Standardwerk der frühen Astronomie schrieb. Bevor Taub 1995 nach England kam, um Direktorin des Whipple-Museums zu werden, das die Geschichte der Naturwissenschaften seit dem 16. Jahrhundert ausstellt, leitete sie das Planetarium in ihrer amerikanischen Heimatstadt Chicago.

Mit Steinkalendern sagten die Griechen das Wetter voraus

Zu ihrem heutigen Schwerpunkt, der Wissensvermittlung zwischen antiken Forschern, fand sie durch Zufall. Anfang der 2000er Jahre arbeitete sie an ihrem zweiten Buch, einer Studie über antike Meteorologie. Mehrfach reiste sie dafür auch nach Berlin, wo sich in der Antikensammlung das Fragment eines „Parapegmas“ befindet. Das ist ein Steinkalender aus der Stadt Miletus, mit dem die Griechen vermutlich im ersten Jahrhundert versuchten, das Wetter vorauszusagen. Berlin sollte zunehmend wichtiger für sie werden. Gerade hat hier mit dem Berliner Antike-Kolleg ein weites Institut für Altertumsforschung geöffnet.

Bei ihrer Recherche stellte Taub fest, dass die Texte, die sich mit dem Bau eines Parapegmas beschäftigten, höchst unterschiedlich waren. Einige, wie die Schriften des Naturphilosophen Aristoteles, waren klassische Wissenschaftsprosa. Andere jedoch kamen in Form von Lyrik daher. Der griechische Autor Aratos etwa beschrieb im dritten Jahrhundert vor Christus ein Parapegma in seinem Gedicht „Phaenomena“. Taub, die in Textanalyse geschult war, fragte sich fortan, welche Rolle die Form einer Schrift für die antike Forschung spielte.

Wissenschaftler stellten ihre Erkenntnisse in der Form eines Gedichts vor

Sie vermutet zum Beispiel, dass Gedichte wie das von Aratos als intellektuelle Unterhaltung bei Symposien vorgetragen wurden. Auf solchen Versammlungen stellten Forscher ihre Ergebnisse vor, speisten und diskutierten gemeinsam. Eine ähnliche Atmosphäre ist auch für den heutigen Abend geplant. Taub wird keinen langen Vortrag halten. Stattdessen wollen sie und ihre Kollegen an verstreuten Tischen sitzen und einzelne Aspekte ihres Projekts vorstellen.

Astronomischer Globus, Foto: bpk / Antikensammlung, SMB / Ingrid Geske

Neben dem Parapegma erklären sie einen „astronomischen Globus“, mit dem man Sternbilder nachstellen konnte. Außerdem haben sie 130 antike Sonnenuhren untersucht, ihre Genauigkeit gemessen und überlegt, wie sie produziert wurden. Gab es eine Anleitung? Oder musste jeder, der eine Sonnenuhr herstellte, von vorne anfangen? Wie wurden die Regeln überliefert?
„Wie man solche Messinstrumente baute, war kein Geheimnis“, sagt Taub. „Auch wenn wir bei antiken Gelehrten meist an Einzelpersönlichkeiten denken, waren das keine Eigenbrödler. Ihre Arbeiten waren für andere bestimmt.“ Sie selbst wird an ihrem Tisch Texte zeigen, mit denen Forscher kommunizierten. Es gibt zum Beispiel Beschreibungen römischer Architektur, in denen Sonnenuhren vorkommen, die den erhaltenen Uhren ähneln. Auch in fiktionalen Texten finden sich Hinweise, etwa wer bei einem mathematischen Symposium zugegen war. Vieles bleibt dennoch lückenhaft: „Wir wissen nicht genau, wie Studenten unterrichtet wurden“, sagt Taub. „Aber man arbeitet damit, was man hat.“

Mathematik, Kunst - in der Antike wurde das nicht getrennt
Mathematik, Kunst, Kommunikation – im Altertum hat man diese Bereiche nicht getrennt. Liba Taub will die Symbiose mit ihrer eigenen Forschung wiederherstellen. Ihr Einstein-Stipendium erlaubt eine für die Geisteswissenschaften seltene Form der Teamarbeit. Einerseits kann die Gruppe teure moderne Technologie wie 3-D-Drucker für die Rekonstruktion antiker Artefakte nutzen. Noch wichtiger ist für Taub jedoch, dass sie in kurzer Zeit ein internationales Forschungsteam mobilisieren konnte. Der Austausch über verschiedene Sprachen, Disziplinen und räumliche Distanzen hinweg ist auch heute entscheidend dafür, wie Wissenschaftlerinnen die Welt erklären.

Text: Sarah Schaschek // Foto: Moritz Vennemann
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Der Artikel ist erstmalig am 19.03.2014 im Tagesspiegel erschienen.