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Einstein-Fragebogen

Channing Der

Channing Der gilt als ausgewiesener Experte für sogenannte RAS-Gene, die eine wichtige Rolle bei der Kontrolle des Zellwachstums bei Krebserkrankungen spielen. Der Onkologe von der UNC Chapel Hill wird seine Forschung in einer Arbeitsgruppe am Institut für Pathologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin fortführen. Ziel ist es, eine bessere und effektivere, personalisierte Therapie von Tumorpatienten zu ermöglichen.

 

Bitte schließen Sie kurz die Augen und denken Sie an die Arbeit an Ihrem Forschungsprojekt. Was sehen Sie als Erstes?

Ich sehe die Gesichter von Menschen, die durch Bauchspeicheldrüsenkrebs einen Familienangehörigen verloren haben. Ich sehe ihre Sorgen und Ängste, dass ein weiterer Angehöriger vielleicht schon bald dieselbe Krebsdiagnose erhalten könnte. Als tödlichste aller Krebsarten, mit einer 5-Jahres-Überlebensrate von nur 8 %, kommt diese Diagnose der Todesstrafe gleich. Aber ich sehe auch ihre Hoffnung und ihren Willen, den Kampf um die geliebten Menschen nicht aufzugeben und ihr Vertrauen darauf, dass die Forschung Durchbrüche in der Behandlung des Bauchspeicheldrüsenkrebses erzielen wird. Dieses Bild ist für mich eine wichtige Motivation bei unserer Forschung.


Wie erklären Sie Ihr Forschungsprojekt einem Kind?

Ich würde die Forschung mit dem Lösen eines Rätsels vergleichen: Das Rätsel handelt davon, wie unser Körper funktioniert, oder warum er eben manchmal nicht so gut funktioniert, und wir müssen einen Weg finden, ihn wieder zu heilen. Dann würde ich noch erwähnen, dass ich sehr glücklich darüber bin, einen Beruf zu haben, in dem ich gerne arbeite und dass ich diese Arbeit nicht nur für meinen Lebensunterhalt mache. Außerdem würde ich erwähnen, dass die Arbeit in der Forschung sehr bereichernd ist und Menschen helfen kann.


Was überrascht Menschen am meisten, wenn Sie von Ihrer Forschung erzählen?

Dass mir die Erforschung einer derart tödlichen Erkrankung, und das bei den geringen Erfolgsaussichten, Freude macht. Die Tatsache, dass sich schon die klügsten Forscher an diesem Krebs die Zähne ausgebissen haben, schreckt mich nicht ab. Im Gegenteil: Das spornt mich sogar noch mehr an. 


Mit wem würden Sie gerne für einen Tag Ihren Arbeitsplatz tauschen und was würden Sie dann tun?

Mit Roger Federer auf dem Center Court im Finale von Wimbledon. Mal abgesehen davon, dass er der größte Tennisspieler aller Zeiten ist, bewundere ich ihn für seine Ausstrahlung und Bescheidenheit und seine unglaubliche Beharrlichkeit. Bei diesem Sport auch im Alter von 37 Jahren noch an der Spitze mitzuspielen, ist bemerkenswert – und ein Beleg für kontinuierliche Höchstleistung. Ich könnte also viel besser Tennis spielen, als ich es tatsächlich tue. Tennis auf höchstem Niveau, von dem die meisten von uns nur träumen können.


Haben Sie irgendwelche ungewöhnlichen Hobbys oder Talente, die Sie uns verraten möchten?

Ich habe eigentlich nur ganz normale Hobbys, nichts Ungewöhnliches. Angeregt durch meinen Beruf habe ich begonnen, mich mit der Fotografie zu beschäftigen. In der Forschung hat man die Möglichkeit, zu vielen aufregenden Orten zu reisen. Zu wissenschaftlichen Kongressen nehme ich also immer verschiedene Kameras und Objektive mit. Mittlerweile habe ich 49 der 50 US-Bundesstaaten und insgesamt 48 Länder bereist. Ich habe faszinierende Landschaften, Menschen und Kulturen gesehen, die ich mit meiner Kamera festgehalten habe, um mich an diese wunderbaren Abenteuer und Erfahrungen erinnern zu können.


Was haben Sie erst durch Ihre Forschung über das Leben gelernt?

In der Forschung scheitert man häufiger als man Erfolg hat. Aber wenn es so einfach wäre, wenn immer alles klappen würde, dann wäre es nicht derart erfüllend für mich. Übertragen auf mein Leben außerhalb des Labors hat das dazu geführt, dass ich auch Richtungen einschlage, bei denen ich möglicherweise scheitere. Sich auf die weniger ausgetretenen Pfade zu wagen, Risiken einzugehen, all das habe ich aus den Herausforderungen in der Forschung gelernt.


Was wären Sie heute, wenn Sie nicht Wissenschaftler geworden wären?

Ich bewundere Spitzenköche, wie sie es schaffen, Speisen zu kreieren, die nicht nur das Auge ansprechen, sondern auch wunderbar riechen und schmecken. Ich wäre also gerne ein Koch wie Christina Tosi, die sichtlich Spaß daran hat, neue Gaumenfreuden zu kreieren. 


Gibt es einen außergewöhnlichen Gegenstand, der Sie in Ihrem Arbeitsleben oder im Alltag begleitet?

Ja, einen Basketball. Basketball ist mein Lieblingssport. Während meiner akademischen Ausbildung hat es mich immer wieder an Orte mit hervorragenden Basketballmannschaften verschlagen. In den USA gibt es eine jährliche landesweite College-Basketballmeisterschaft. Während meiner Zeit an der University of California, Los Angeles (UCLA) und der University of North Carolina at Chapel Hill (UNC) habe ich sieben Landesmeister im College-Basketball erlebt.


In welchem Berliner Bezirk, an welchem Ort, fühlen Sie sich besonders wohl und warum?

Ich jogge gerne an der Spree entlang. Dabei sehe ich die Stadt und ihre Einwohner aus einem ganz anderen Blickwinkel als beim Auto- oder Bahnfahren, ja selbst als beim Spaziergehen.


Womit hätten Sie in Berlin gar nicht gerechnet?

Ich habe nicht damit gerechnet, so freundlich aufgenommen und so schnell in die Forschungsgemeinschaft integriert zu werden.

 

Und was vermissen Sie?

Reisen sind immer aufregend, aber nach einer Weile vermisse ich doch die Routine und die „Eintönigkeit“ meines Alltags in Chapel Hill, North Carolina.

 

Was macht Berlin einzigartig für Ihre Forschung?

Obwohl die Forschung heute mehrheitlich internationalisiert ist und keinen geografischen Grenzen folgt, ist sie in Berlin und Deutschland nochmal speziell, was ich sehr erfrischend finde.

 

Juni 2019