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Einstein-Fragebogen

John Chodera

In der Krebstherapie zählen die sogenannten Kinasehemmer (engl. TKI, targeted kinase inhibitors) zu den bislang wirksamsten Arzneimitteln. Unerwünschte Nebeneffekte sind das gleichzeitige Blockieren gesunder Proteinkinasen sowie das Auftreten von Resistenzen. Hier setzt das Forschungsvorhaben des renommierten Biophysikers und Chemikers John Chodera an, dessen Ziel es ist, die Arzneimitteltherapie für Krebserkranke mit seiner Arbeitsgruppe am Berliner Institut für Gesundheitsforschung weiterzuentwickeln. Chodera, der zuvor an der University of California, Berkeley, und der Stanford University tätig war, lehrt Physiologie, Biophysik und Systembiologie am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York.

 

Machen Sie bitte kurz die Augen zu und denken Sie an die Arbeit in Ihrem Forschungsprojekt. Was sehen Sie als Erstes?
Hochdimensionale Landschaften sind überall: Energielandschaften von Biomolekülen, Parameterlandschaften in Modellen für maschinelles Lernen. Die Natur hat gelernt, mit den zufälligen Schwankungen in diesen Landschaften umzugehen, um robuste Lebenssysteme zu schaffen. Wir müssen dasselbe tun, um robuste Vorhersagemodelle zu schaffen. Und die statistische Mechanik ist der Schlüssel zu diesem Verständnis.

 

Wie erklären Sie Ihr Forschungsprojekt einem Kind?
Der Körper des Menschen ist aus vielen sehr kleinen Maschinen aufgebaut – so klein, dass sie weder mit dem bloßen Auge noch dem Mikroskop zu sehen sind. Aber genau wie große Maschinen, beispielsweise ein Auto, können auch diese kleinen Maschinen kaputt gehen. Wir arbeiten an Werkzeugen, die nur einige Atome groß sind und helfen sollen, diese winzigen Maschinen zu reparieren, sodass wir Kranke heilen können.


Was überrascht Menschen am meisten, wenn Sie von Ihrer Forschung erzählen?
Obwohl es ungemein spannend klingt, mit Supercomputern, Distributed Computing und Robotern an der Entwicklung neuer Krebstherapien zu arbeiten, ist die Arbeit größtenteils ganz unspektakulär: Softwarefehler beheben, Luftkompressoren reparieren oder Geräte wieder zum Laufen bringen. Daher bin ich wirklich sehr froh über die wunderbaren Wissenschaftler in meinem Labor! Sie sorgen dafür, dass alles reibungslos funktioniert und gleichzeitig die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis unermüdlich erweitert werden.

 

Mit wem würden Sie gerne für einen Tag Ihren Arbeitsplatz tauschen und was würden Sie dann tun?

Es gibt so viele andere Felder und Disziplinen, über die ich gerne mehr erfahren würde. Ich würde zum Beispiel liebend gerne einmal einen Tag im Leben eines anderen Wissenschaftlers verbringen.


Haben Sie irgendwelche ungewöhnlichen Hobbys oder Talente, die Sie uns verraten möchten?

Musik war immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich habe eine kleine Sammlung an Musikinstrumenten – einfaches Rohrblatt, doppeltes Rohrblatt, Blech – und eine Sammlung an Barockinstrumenten, darunter eine komplette Blockflötenfamilie, ein Zink und ein Klavichord.

 

Was haben Sie erst durch Ihre Forschung über das Leben gelernt?
Es ist ähnlich wie mit der Musik: Forschung, die auf Teamarbeit basiert, kann äußerst bereichernd sein. Durch das Zusammenspiel in einem Ensemble, in dem alle perfekt harmonieren, kann etwas viel Größeres als nur die Summe aller Teile entstehen.


Was wären Sie heute, wenn Sie nicht Wissenschaftler geworden wären? 
Ich war immer von der Raumfahrt und der Erforschung unbekannter Welten fasziniert. Als Student am Caltech war ich von den Ingenieuren des Strahlenantriebslabors JPL der NASA in Pasadena fasziniert, die an der Erforschung unseres Sonnensystems und neuer Planeten durch Roboter arbeiteten. Wenn ich nicht Biologie studiert hätte, wäre ich gerne Ingenieur bei einem dieser Projekte geworden, mit denen unser Sonnensystem und unser Platz im Universum erforscht werden sollen.


Gibt es einen außergewöhnlichen Gegenstand, der Sie in Ihrem Arbeitsleben oder im Alltag begleitet?
Computer sind bei unserer Arbeit allgegenwärtig: Sie steuern während der Experimente die Roboter; sie helfen uns, wahre mathematische Meisterleistungen zu vollbringen, um vorauszusagen, welche Moleküle möglicherweise ein gutes Therapeutikum wären; weltweit tragen Hunderttausende von ihnen mit ihrer Rechenleistung zu Folding@home bei, um die molekularen Mechanismen von Krankheiten zu erforschen. Sie ermöglichen uns die Durchführung all unserer Forschungsarbeiten. Manchmal so unauffällig, dass wir fast vergessen, dass sie da sind.

 

In welchem Berliner Bezirk, an welchem Ort, fühlen Sie sich besonders wohl und warum?

Mustafas Gemüse Kebap hat es mir angetan! Nachdem ich schon viele Döner überall auf der Welt probiert habe, muss ich wirklich sagen, dass das ein kulinarisches Meisterwerk von Berlin ist.

 

Womit hätten Sie in Berlin gar nicht gerechnet und was vermissen Sie? Was macht Berlin einzigartig für Ihre Forschung?
Ich komme seit mehr als zehn Jahren nach Berlin, angezogen von der regen Zusammenarbeit mit den wunderbaren Kollegen der vielen Berliner Forschungseinrichtungen, wie etwa der Freien Universität Berlin, dem Zuse-Institut Berlin und der Charité. Anfangs war mir nicht bewusst, wie stark die Forschungseinrichtungen in Berlin – und in Deutschland insgesamt – davon überzeugt sind, einen wichtigen Beitrag zur Biologie und Gesundheit des Menschen leisten zu können. Diese Investition in die transformative Kraft der Mathematik, um wissenschaftliche Fortschritte in der Biologie zu erzielen, ist wirklich einzigartig und insbesondere für die aktuellen interdisziplinären Fragestellungen der Biologie und Krankheitslehre unverzichtbar.

 

Juni 2019