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Der Elefant im Raum

Der Onkologe und Einstein BIH Visiting Fellow Channing Der hat das krebsverursachende RAS-Gen mitentdeckt. Seit fast 40 Jahren erforscht er das rätselhafte Protein bereits – und hat viele Enttäuschungen erlebt. 2021 wurde die erste Krebstherapie, die auf seiner hartnäckigen Forschung basiert, zur Behandlung von Lungenkrebs zugelassen.

 

Ich bin in die Krebsforschung gegangen, weil mich der intellektuelle Prozess des Entdeckens fasziniert hat. Doch im Laufe der Zeit habe ich so viele Familien getroffen, die Angehörige durch Bauchspeicheldrüsenkrebs verloren haben, dass die Angst in den Menschen zur stärksten Motivation meiner Forschung geworden ist.

 

Ich studiere RAS-Onkogene, die Varianten HRAS, KRAS und NRAS, nun schon seit fast vier Jahrzehnten. RAS-Mutationen sind bei den tödlichsten Krebsarten die häufigsten Mutationen: Bei Lungenkrebs machen sie 25 Prozent aller Fälle aus, bei Darmkrebs 40 Prozent und bei Bauchspeicheldrüsenkrebs, der tödlichsten aller Krebsarten, sogar 95 Prozent. Es ist einfache Mathematik: Wenn wir das RAS-Dilemma lösen, können wir bei unseren tödlichsten Krebsarten einen großen Schritt vorankommen. 

 

Ich war an der Entdeckung des RAS-Gens im Jahr 1982 beteiligt. Als Postdoktorand an der medizinischen Fakultät von Harvard hatte man mir ein scheinbar aussichtsloses Projekt übertragen. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit entdeckte ich RAS in den Krebszellen, mit denen ich arbeitete. Das war wirklich ein Schock: Es bedeutete die Identifikation der ersten krebsverursachenden Gene in menschlichen Krebszellen. Ich weiß noch genau, wie ich meinem Professor die Ergebnisse zeigte. Minutenlang sprach er gar nicht. Dann sagte er: „Das könnte eine der bedeutendsten Entdeckungen in der Krebsbiologie seit Jahrzehnten sein.“

 

 

Ich bezeichne die RAS-Gene gerne als einen „Elefanten im Raum“, weil sie so schwer zu übersehen und zugleich so frustrierend zu ergründen sind. Wenn ich zurückblicke, blicke ich auf eine Enttäuschung nach der anderen. Es gab Phasen der Hoffnung und Aufregung, auf die immer wieder Rückschläge folgten. Viele Forscher*innen gaben auf. Ein leitender Forscher sagte zu mir: „Lass‘ es sein, RAS zu untersuchen, das ist zu schwierig.“ Aber ich blieb hartnäckig, wohl auch, weil ich an der Entdeckung beteiligt war und beenden wollte, was ich begonnen habe. Für mich blieb RAS immer eines der faszinierendsten Proteine in der Krebsforschung.

»Eine neue Therapie, die unter anderem auf unserer Forschung basiert, wird jetzt erstmals in klinischen Studien getestet«

In den Jahren 2006 und 2007, in der Ära der Sequenzierung des Krebsgenoms, hofften viele Menschen, neue Angriffspunkte für Therapien zu finden. Es stellte sich jedoch heraus, dass RAS das am stärksten mutierte Onkogen ist. Also beschloss die Forschungsgemeinschaft, nicht mehr länger davonzulaufen. Seither ist das Engagement und die Aufregung riesig – und mit der Zulassung eines Inhibitors für eine bestimmte KRAS-Mutation sehen wir endlich Licht am Ende des Tunnels: die KRAS-G12C-Mutation in der Lunge, die mit dem Rauchen in Verbindung steht. Präklinische Studien konnten zeigen, dass diese KRAS-G12C-Inhibitoren auch das Ansprechen des Tumors auf eine Immuntherapie verbessern könnten. Angesichts von mehr als 200 verschiedenen KRAS-Mutationen, die wir bei Krebs kennen, eröffnet sich damit ein neues Kapitel in der Entwicklung von RAS-Medikamenten.

 

Für Patient*innen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs allerdings können wir zum jetzigen Zeitpunkt  noch so gut wie gar nichts tun. Aber eine Therapie, die auf unserer Forschung und der vieler anderer basiert, wird jetzt erstmals in klinischen Studien getestet; wie auch  weitere für Lungenkrebs. Es scheint, dass wir endlich genügend wissen, um einige Erfolge zu erzielen. Doch sind noch lange nicht am Ziel, wir stehen noch ganz am Anfang.

 

 Deshalb ist die Verbindung nach Berlin so wichtig für mich. Die Charité-Gruppe, mit der wir zusammenarbeiten, verfügt über Techniken und Expertise, die wir nicht haben. Wir können jetzt aus Gewebe einzelner Krebspatient*innen Organoide herstellen. Anhand dieser Tumorstrukturen können wir beobachten, was passiert, wenn wir sie mit neuen Therapien behandeln. So können wir effektivere und personalisierte Therapien entwickeln. Häufig, wenn ich zu Treffen von Patient*innen oder deren Angehörigen gehe, kommen die Leute weinend zu mir und sagen: „Bitte machen Sie weiter mit dem, was Sie tun, wir zählen auf Sie.“ Ich werde sie nicht im Stich lassen.

 

Aufgezeichnet von Mirco Lomoth

Illustration: Andreas Töpfer