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Macht der Moral

Der Moralphilosoph R. Jay Wallace schaut genau auf die Regeln, Normen und Übereinkünfte, die unseren sozialen Beziehungen wie der Gesellschaft als Ganzes zu Grunde liegen. Als Einstein Visiting Fellow hat er Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen zusammengebracht, um unser Verständnis von Moral, seine Geschichte und  evolutionären Wurzeln zu untersuchen

 

 

Die Phänomene, mit denen sich die Moralphilosophen befassen, sind jedem von uns bestens vertraut, und dennoch sind sie schwer zu verstehen. Intuitiv wissen wir, dass es in sozialen Beziehungen Grenzen gibt, die nicht überschritten werden sollten. Aber woher kommen diese Grenzen? Und warum ist es uns ein Anliegen, auf der richtigen Seite von ihnen zu bleiben? Um diese Fragen dreht sich meine Forschung zur zwischenmenschlichen Moral: um all die  Anforderungen, die nötig sind, um Anerkennung oder Respekt füreinander zu zeigen.

 

Angesichts der globalen Erwärmung ist zum Beispiel klar, dass wir unseren moralischen Verpflichtungen gegenüber anderen Individuen aktuell nicht gerecht werden. Greta Thunberg ist eine eindrückliche Figur, denn sie ist die Sprecherin der ersten Generation, deren Leben vom menschengemachten Klimawandel maßgeblich betroffen sein wird. Ihr Zorn zeigt uns sehr deutlich, dass es nicht in Ordnung ist, die Interessen einer ganzen Generation auf diese Art zu missachten. Sie appelliert zu Recht an unsere Verantwortung, und auf ihre implizite moralische Anklage lässt sich im Grunde kein valides Gegenargument finden.

 

 

In den vier Jahren, die ich als Einstein Fellow in Berlin war, organisierte meine Forschungsgruppe gut 15 Workshops und Konferenzen mit jüngeren wie etablierten Wissenschaftler*innen aus der ganzen Welt. Das war äußerst fruchtbar und anregend. Wir brachten wichtige Persönlichkeiten nach Berlin, um zentrale Fragen der Moralphilosophie mit der lokalen Philosophie-Community und Studierenden zu diskutieren. Die Workshops deckten ein breites Spektrum ab: von klassischen Themen wie Verantwortung und moralische Pflicht bis hin zur Moral des Risikos und der Zukunft der Menschheit. Wichtig war die interdisziplinäre Dimension: Auch Juristen und Psychologen bereicherten die Diskussionen, etwa über das Wesen des Privatrechts und die Entwicklung des moralischen Handelns in evolutionärer Perspektive.

»Wer im Bereich der Künstlichen Intelligenz oder der Genom-Editierung arbeitet, sollte auch fachkundig in ethischen Fragen sein«

Was mir an meiner Arbeit am meisten gefällt, ist der Kontakt mit jungen Menschen, die noch nie mit der Philosophie in Berührung gekommen sind und davor einen gewissen Respekt haben. Es ist sehr schön mit ihnen naheliegende große Fragen zu diskutieren und mitzuerleben, wie sie wie darüber langsam in das Thema einsteigen. Ich fühle mich geehrt, meine Begeisterung mit ihnen teilen zu dürfen. Philosophie ist immer noch relevant. In Berkeley zieht die Disziplin immer mehr Studenten an. Viele Studierenden der Informatik und verwandter Fächer wissen zu schätzen, Philosophiekurse als Teil ihres Lehrplans zu haben. Die Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz und in der Genom-Editierung stellen uns heute vor existenzielle Fragen. Es ist äußerst wichtig, dass diejenigen, die in diesen Bereichen arbeiten, auf sich auf fachkundige Weise mit den ethischen Fragen auseinandersetzen, denen sie in ihrer Arbeit begegnen.

 

Wir leben in einer Zeit, die massive technische und wissenschaftliche Umwälzungen prägen. Ich denke, die Philosophie ist eine wichtige Partnerin im Dialog darüber, wo in diesen Bereichen jene entscheidenden zwischenmenschlichen Linien verlaufen, die es zu respektieren gilt.

 

Aufgezeichnet von Eva Murasov

Illustration: Andreas Töpfer