Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Der unerklärliche Rest

Der Germanist und Einstein Visiting Fellow Michel Chaouli arbeitet an neuen Formen von Literatur- und Kunstkritik, die sich zur individuellen Erfahrung bekennt und mit akademischen Spielregeln bricht. Literaturforschung bedeutet für ihn, sich auf Unerklärbares einzulassen

Kunstwerke kann man weder zerlegen noch beschreiben wie den Kreislauf der Planeten oder das Wachstum von Zellen. Sie werden ja von unserer Erfahrung mitgeschaffen. Beim Lesen eines Textes entstehen auch dunkle Stellen und Rätsel, und jedes Bild löst Fragen aus. Man kann noch so viele Komponenten eines Kunstwerks beschreiben – es bleibt immer ein unerklärlicher Rest. Dieser Rest ist für mich das, was Kunst und Literatur ausmacht.

 

Im „Philologischen Laboratorium“ an der Freien Universität schreiben wir ein Wörterbuch über die „Unscheinbaren Begriffe der Literaturkritik“. Bekannten Begriffen wollen wir einen neuen Akzent geben, zum Beispiel dem Ton, dem Ethos oder der Stimme eines Textes, und Adverbien wie „beinahe“, „manchmal“, „vielleicht“ oder „oft“ genauer unter die Lupe nehmen. Denn es sind häufig die kleinen, flüchtigen Elemente, die den Charakter eines Textes ausmachen. Dessen Einzelteile lassen sich aber nicht einfach zusammensetzen wie Bausteine, als ergäbe die Summe dieser Teile den Ton oder die Atmosphäre.

 

 

Literaturwissenschaft ist eine existenzielle Angelegenheit. Wenn man schreibt und dabei Gedanken entdeckt, die man vorher nicht hatte, ist das ein großes Glück. Es ist eine irreduzible Grunderfahrung des Menschen, mit einer Welt umgehen zu müssen, die bedeutsam ist. In jeder Beziehung zu den Dingen und Menschen kommt auch die Frage nach Bedeutung vor, die die sogenannten exakten Wissenschaften nicht von sich aus beantworten können. Ein Forscher ist jemand, der etwas sucht, was es im Grunde schon gibt. Ich würde mich selbst eher als Schreiber bezeichnen, als Essayist: jemand, der etwas sucht, von dem er gar nicht weiß, ob es existiert. Es geht mehr um die Denkbewegung als um das Resultat.

»Es lohnt sich offen zu sein für Dinge, die man auf den ersten Blick gar nicht versteht«

Ich bin in Teheran aufgewachsen und auf eine deutsche Schule gegangen. Mein Deutschlehrer hat mich sehr geprägt, ich habe in seiner Theatergruppe gespielt. Durch ihn wurde mir klar, dass man sich ernsthaft mit Ideen, mit der Welt der Gedanken und der Einbildungskraft, beschäftigen kann und dass es sich lohnt offen zu sein für Dinge, die man auf den ersten Blick gar nicht versteht. Erst über das Unverständliche lernt man einen Text wirklich schätzen!

 

Für mich muss jede Lesart, jede Interpretation, eine Erneuerung sein. Vielleicht brauchen wir im Fach selbst sogar eine kleine Revolution. Was die Lehre angeht, bin ich liberal und kein Freund von strengen Richtlinien und Pflichtkursen, die zwar gut gemeint sind, aber meist schlechte Auswirkungen auf die individuelle Entfaltung der Studierenden haben. Wenn ich mich bei der eigenen Arbeit in technischen Details verliere, versuche ich mich wieder auf die Erfahrung zu besinnen, die mich auf diesen Weg gebracht hat.

 

Besonders wichtig ist mir, dass Forschung nicht isoliert stattfindet, sondern im Gespräch mit anderen. Wo ich in meinem akademischen Umfeld keinen Gesprächsort vorgefunden habe, habe ich diesen eben geschaffen. Mein Anspruch an die wissenschaftliche Arbeit lässt sich mit einer Einsicht aus der Psychotherapie umreißen: Man kann das Verhalten der anderen nicht steuern, man kann nur sich selbst ändern. Wenn es einem gelingt, mit seinen Gedanken und Handlungen andere zu inspirieren, ist das großartig.

 

Aufgezeichnet von Eva Murasov

Illustration: Andreas Töpfer