Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Zersplitterte Welt

Die Gewissheiten des westlichen Liberalismus sind ins Wanken geraten. Andrew Hurrell analysiert, wie liberale Ideen entstanden, wie sie herausgefordert werden und wohin sie in einer zunehmend zersplitterten Weltordnung führen können

 

 

 

 

Pieter Bruegels Bild vom Turmbau zu Babel hat mich schon immer angezogen. Ich sehe es als ein kraftvolles Sinnbild für das Mühsal der politischen Kommunikation zwischen Staaten und Gesellschaften auf der ganzen Welt. Obwohl wir eine gemeinsame Sprache geschaffen haben, um über globale Probleme zu verhandeln, haben wir doch enorme Schwierigkeiten, stabile Vereinbarungen zu treffen und die wirksamen Institutionen der Zusammenarbeit zu schaffen, die zur Lösung globaler Herausforderungen erforderlich sind. 

 

Die globale Welt, in der wir heute leben, ist aus der Vorherrschaft der europäischen und westlichen Mächte heraus entstanden. Der Imperialismus und die erste Welle der Globalisierung gingen beide von einem Ort aus. Nach dem Ende des Kalten Krieges schien sich die Macht erneut auf den Westen zu konzentrieren. Die liberale Demokratie meinte die Antworten darauf zu haben, wie eine Gesellschaft organisiert sein sollte. Doch diese Gewissheit währte nur einen kurzen Moment. Heute ist die Welt zunehmend zersplittert und von einer sehr viel breiteren Machtverteilung und politischem Handeln geprägt. 

Als ich Anfang der 1980er Jahre mein Studium der internationalen Beziehungen aufnahm, konzentrierte ich mich auf traditionelle Machtverhältnisse – Supermächte, internationales Recht, große internationale Organisationen. Aber ich interessierte mich auch für Lateinamerika, insbesondere Brasilien. Die meiste Zeit meiner Karriere liefen diese beiden Interessenfelder getrennt voneinander. Doch in den frühen 2000er Jahren begannen sie zusammenzuwachsen. Wir sprachen immer öfter über aufstrebende Mächte wie China und Indien und eine Welt, in der die Idee der Vorherrschaft des westlichen Liberalismus in Frage gestellt wurde – durch den Irakkrieg, die globale Finanzkrise, den Krieg gegen den Terrorismus. 

 

Ich beschäftige mich noch immer mit den „traditionellen“ internationalen Beziehungen, aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir die Welt erst verstehen können, wenn wir verstehen, wie sich die globale Gesellschaft und das Verständnis des „Globalen“ in der Welt verändert hat. Wir müssen ein viel breiteres Spektrum von Staaten, Gesellschaften, Perspektiven, Auffassungen von Ordnung und Gerechtigkeit berücksichtigen – also die Verschiebung der Macht genauso wie das, was ich Verschiebung des Rechts nenne.

»Wir wissen, dass wir Ungleichheit global bekämpfen und einen Green Deal entwerfen müssen. Doch mit welchen Formen des Regierens?«

Mein Einstein-Projekt ist Teil einer Zusammenarbeit mit dem Berliner Exzellenzcluster Contestations of the Liberal Script. Es konzentriert sich auf die Rolle der internationalen Beziehungen oder präziser die moderne globale Internationale innerhalb des liberalen Skripts. Ich schreibe hier an meinem neuen Buch „Fractured World? Global International Society in the 21st Century” und meine Einstein-Forschungsgruppe geht den gleichen Fragen mit Blick auf Lateinamerika nach.

 

In der jüngsten Vergangenheit haben Anhänger*innen der Rechten neue Ideen ins Spiel gebracht, wie „Make America Great Again“ und die Rückkehr der Geopolitik beschworen. Internationale Organisationen und viele Formen der Global Governance wurden von ihnen immer wieder angegriffen. Daher müssen wir die Rechte unter Druck setzen und fragen: Was wollt ihr denn stattdessen? Wir müssen auch Druck auf die Linke ausüben, denn dort herrscht oft ein großes Schweigen. Die progressiven Kräfte wissen, dass sie die Ungleichheit global bekämpfen und einen globalen Green Deal entwerfen müssen. Doch welche Formen des Regierens sind dafür nötig? Und welche Arten von Institutionen müssen geschaffen werden? In welcher Welt wollen wir leben?

 

Ich möchte die so genannte „globale liberale Ordnung“ nicht verteidigen, aber ich möchte verstehen, wohin sie in einer zersplitterten Welt führen kann. Ich möchte diese liberalen Ideen der Rechten entgegenhalten, die denken, wir könnten einfach zu einer altmodischen Welt von Nationalstaaten zurückkehren, als auch der Linken, damit sie anfangen, intensiver über alternative Ordnungen nachzudenken, die wir im 21. Jahrhundert dringend benötigen.

 

 

Aufgezeichnet vom Mirco Lomoth