Für die Wissenschaft. Für Berlin.

"Ein Meilenstein für die Wissenschaftsstadt Berlin"

Professor Peter Frensch ist Mitglied des Berlin Boards der Einstein Stiftung. Im Interview spricht der Vizepräsident für Forschung der Humboldt-Universität zu Berlin über sein Engagement für die Stiftung und den Verbundantrag der Berliner Universitäten. 

Warum engagieren Sie sich für die Einstein Stiftung?

Zum einen aufgrund meiner Funktion als Vizepräsident der Humboldt-Universität zu Berlin, denn das Beratungsgremium des Vorstands wird u. a. mit den Vizepräsidenten und -präsidentinnen für Forschung der Berliner Universitäten besetzt. Darüber hinaus liegt es in meinem persönlichen Interesse, dass die wissenschaftlichen Institutionen in Berlin kooperieren, um das Potenzial der Wissenschaftsstadt Berlin voll auszuschöpfen. Im Augenblick ist die Einstein Stiftung einer der wenigen Player in Berlin, die für die integrative Zusammenarbeit der Universitäten sorgt. Für mich ist es selbstverständlich, das Stiftungsvorhaben zu unterstützen.

Was unterscheidet die Einstein Stiftung von anderen wissenschaftsfördernden Stiftungen?
Die Einstein Stiftung steht für Berlin und trägt in ihrer Funktion als wissenschaftsfördernde Stiftung maßgeblich zum Erfolg der Wissenschaftsstandortes Berlin bei. Im Gegensatz zu anderen Stiftungen fördert die Einstein Stiftung nicht punktuell, sondern umfassend und hat dabei die Integration der Berliner Wissenschaftsinstitutionen im Blick.

Was wünschen Sie der Einstein Stiftung?
Ich wünsche der Einstein Stiftung eine funktionierende Beziehung zum Universitätsverbund  vorausgesetzt, dass dieser realisiert wird  die von beiderseitigem Interesse getragen wird. Außerdem wünsche ich mir, dass die Einstein Stiftung als Türöffner für den potenziellen Verbund agiert und den Berliner Universitäten weiterhin exzellente Förderprogramme ermöglicht. Ich bin gespannt auf die Zusammenarbeit.

Was ist die große Herausforderung beim Verbundantrag der Berliner Universitäten?
Momentan gestaltet sich die integrative Zusammenarbeit zwischen den Berliner Universitäten noch schwierig. Um große Forschungsvorhaben, wie sie im Verbundantrag vorgesehen sind, realisieren zu können, benötigen wir die Unterstützung der Einstein Stiftung. Diese Förderung existiert bereits auf dem Papier durch die Unterschrift des Regierenden Bürgermeisters, aber sie muss eben auch gelebt werden. Wie das konkret aussehen soll, ist bislang noch nicht ganz klar. Wir brauchen Förderlinien, die in ihrer monetären Substanz groß genug und sinnvoll unterteilt sind. Es wird sicher einige Jahre dauern bis die neuen Strukturen etabliert sind, aber wenn wir das geschafft haben, bedeutet dies ein Meilenstein für die Wissenschaftsstadt Berlin.

Was bedeutet Wissenschaft für Sie?
Das erste Bild, was ich vor Augen habe, wenn ich an Wissenschaft denke, sind die Gesprächsrunden mit den Postdocs und Doktorandinnen und Doktoranden in meinem Büro. Wir diskutieren über Daten, analysieren Forschungsergebnisse, stellen Hypothesen auf, verwerfen sie wieder und stellen neue Hypothesen auf. Die Kommunikation mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs macht mir viel Spaß.

Wie kann man Menschen für Wissenschaft begeistern?
Dazu muss man die Wissenschaft in einer Sprache und Logik darstellen, die man versteht und nachvollziehen kann. Wenn man das schafft, werden sich Menschen für Wissenschaft interessieren und begeistern können. Leider gibt es nicht allzu viele Leute in der Lehre, die Wissenschaft auf diese Art und Weise kommunizieren können.

Was geben Sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit auf den Weg?
Das Allerwichtigste ist zu wissen, was man will und daran mit Elan zu arbeiten. Dabei sollte man sich nicht von Hindernissen abschrecken lassen, denen man unvermeidlich begegnet, zum Beispiel, wenn man im Doktorandendasein nicht das bevorzugte Thema bearbeiten kann. Ich denke, dass man das generelle Ziel nicht aus den Augen verlieren sollte. Wenn man seine Aufgabe mit Herzblut macht, kann man viel schaffen.

Sie haben zunächst Elektrotechnik an der Technischen Universität Darmstadt studiert. Was war ausschlaggebend für Ihre Entscheidung zur Psychologie zu wechseln?
Ich stand bereits kurz vor dem Abschluss meines Elektrotechnikstudiums, mir fehlte nur noch die Diplomarbeit, als ich eines Morgens zu einem Seminar ging, mich umschaute und dachte “Ne, das isses nicht! Du willst nicht als Ingenieur arbeiten“. Daraufhin kehrte ich um, verließ den Raum und schaute nie wieder zurück. Auf einmal war mir klar geworden, dass das Studium der Elektrotechnik nicht der richtige Weg für mich war. Daraufhin habe ich ernsthaft nachgedacht und mich mit vielen Fächern beschäftigt, die mich interessierten. Durch Verwandte und Freunde, die Psychologie studierten oder bereits als Psychologen arbeiteten hatte ich schon immer einen Draht zum Fach und als ich anfing mich intensiv mit Psychologie auseinanderzusetzen, war ich fasziniert und entschied mich für ein Studium. Später habe ich erstaunt festgestellt, dass die Psychologie und die Elektrotechnik viele Gemeinsamkeiten haben. Modelle und Theorien, die in der kognitiven Psychologie Anwendung finden ähneln in ihrer Denkweise der Nachrichtentechnik, auf die ich mich in der Elektrotechnik spezialisiert hatte.

Wie hätte Ihr Forschungsobjekt ausgesehen, wenn es ein Kunstobjekt gewesen wäre?
Die klassische Darstellung, die man in meinem Fach immer wieder findet, ist die Figur des Denkers von Auguste Rodin. Sie ist ein Sinnbild der kognitiven Psychologie. Von allen Forschungsgebieten hat mich das Entstehen von Bewusstheit immer am meisten interessiert. Wichtig ist, dass es nicht um das Bewusstsein per se geht, sondern das Entstehen von Bewusstheit. Es gibt Situationen, in denen sich Menschen bewusst sind. Dann wissen sie, dass das was sie wahrnehmen, die Farbe Grün hat. Dieses Wissen ist Bewusstheit und entsteht relativ selten, weil man gewöhnlich einfach seiner Wege geht ohne bewusst die Farbe Grün wahrzunehmen. Am ehesten bringe ich das Entstehen von Bewusstheit mit impressionistischer Malerei in Verbindung. Wenn man ganz nah vor einem impressionistischen Gemälde steht, erkennt man in der Regel nichts. Doch sobald man etwas mehr Abstand nimmt, erkennt man das Ganze. Diese Art von Umschwung führt zu Bewusstheit.

Wem würden Sie gerne mal einen Tag lang über die Schulter schauen?
Das ist eine gute Frage. Wenn ich nicht Psychologie studiert hätte, wäre ich wahrscheinlich Informatiker geworden. Ich bin in das Cluster Science of Intelligence der Technischen Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin involviert und schaue den Forschenden dort bei ihrer Arbeit über die Schulter. Die Herstellung von Robotern hat mich schon immer sehr interessiert.

Gibt es einen ungewöhnlichen Gegenstand, der Sie im Alltag immer begleitet?
Egal wo ich gehe und stehe, mein Rucksack ist immer dabei. Ungewöhnlich ist er wohl nicht (lacht). Ein Notizbuch oder ähnliches benutze ich nicht. Ich habe tatsächlich noch nie etwas mit- oder aufgeschrieben. Wenn ich einmal verstanden habe worum es geht, merke ich mir die Dinge einfach.

Die drei größten Erfindungen der Menschheit?
...hängen von dem Zeitalter ab, in dem man lebt. Meiner Meinung nach ist der Buchdruck eine der relevantesten Erfindungen der Menschheit. Dem folgt das Internet. Allerdings wird sich das noch zeigen müssen, denn das Internet ist ja noch relativ jung. Die dritte große Erfindung ist Kommunikation und Bewegung im Allgemeinen, bspw. die Erfindung des Telefons oder von Fortbewegungsmitteln, wie dem Auto.

In welchem Berliner Bezirk fühlen Sie sich wohl?
Ich wohne schon ziemlich lange in Brandenburg, weil ich kein Großstadtmensch bin. Gebürtig komme ich aus einem ganz kleinen Ort im Hunsrück mit 250 Einwohnern, wo ich auch meine Jugend verbracht habe. Am nächsten zu meinem Wohnort liegt der Berliner Bezirk Zehlendorf. Den finde ich ganz gut, weil es nicht so überlaufen ist und es eine Mischung von Stadt und Land gibt, die ich einigermaßen erträglich finde. Wenn es geht, wohne ich lieber weiter draußen auf dem Land.

Gibt es einen konkreten Ort in Berlin, den Sie aus wissenschaftlicher Sicht besonders interessant finden?

Das Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin ist wirklich beeindruckend, vor allem wenn man sich vor Augen hält, welche Personen an dieser Stelle gewirkt haben. Ich glaube nicht, dass es eine andere Wirkungsstätte in Berlin gibt, die ähnliche Prominenz aufweisen kann.

Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie Berlin in 10 Jahren? 
Ich glaube, dass sich Berlin in seiner wissenschaftlichen Aufstellung dramatisch verändern wird, wenn der Verbund der Berliner Universitäten so realisiert wird, wie er sich gerade im schriftlichen Antrag darstellt. Noch herrscht kein Bewusstsein darüber, welche substanziellen Konsequenzen der Verbundantrag haben wird.

Welche Konsequenzen werden dies Ihrer Meinung nach sein?
Heutzutage kooperieren die Berliner Universitäten bereits in Sonderforschungsbereichen und Clustern miteinander. Mit dem Verbundantrag wollen wir noch viel weiter gehen: Wir werden zum Beispiel die gesamte Ausbildung des Nachwuchses gemeinsam gestalten und grundsätzlich alle Ressourcen miteinander teilen. Das gilt nicht nur für kleinere oder größere Maschinen, die gemeinsam genutzt werden, sondern wirklich für alle Ressourcen. Ich glaube, dass sich heute noch keiner vorstellen kann, wo das hinführen wird. Voraussetzung ist natürlich, dass der Verbund richtig gelebt wird. In jedem Fall wird sich die Berliner Wissenschaft zukünftig grundlegend verändern.

Interview: Melissa Koch