Für die Wissenschaft. Für Berlin.

"Eine andere Sprache finden"

Einstein-Beiratsmitglied Tobias Schulze im Interview über sein Engagement für die Stiftung, Antworten auf die wachsende Stadt Berlin und seine Visionen für den Wissenschaftsstandort.

Warum engagieren Sie sich für die Einstein Stiftung?
Ich begleite die Einstein Stiftung schon von Anfang an. Als die Idee zur Gründung der Stiftung aufkam, habe ich als Referent in der Abgeordnetenhausfraktion gearbeitet. Nachdem ich Abgeordneter geworden war, kam die Frage auf, wie der Stiftungsbeirat zu besetzen sei. Das Abgeordnetenhaus kann Mitglieder stellen und ich wurde aufgrund meiner Funktion als wissenschaftspolitischer Sprecher meiner Partei, der Linken, in den Beirat der Einstein Stiftung entsandt.


Was unterscheidet die Einstein Stiftung von anderen wissenschaftsfördernden Stiftungen?

Die Einstein Stiftung ist eine Berliner Stiftung und das ist das Besondere an ihr. Es gibt keine andere Einrichtung in Deutschland, die in ähnlicher Weise Wissenschaftsförderung auf regionaler Ebene betreibt. Ich bin als Linker kein großer Freund von öffentlich-privater Partnerschaft, fand es aber immer schon wichtig, private Spenden einzuwerben. Die Förderung der Einstein Stiftung halte ich für essentiell wichtig. Im Rahmen der Beiratsarbeit habe ich einige Förderprojekte genauer kennengelernt und gesehen, wie gut es ist, solch eine Stiftung in Berlin zu haben. Besonders bedeutend ist aus meiner Sicht das Programm zur Wissenschaftsfreiheit, das in ihrer Arbeit bedrohten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ein temporäres Zuhause in Berlin gibt.

Was wünschen Sie der Einstein Stiftung?

Ich wünsche ihr, dass sie ein noch breiteres Profil erhält. Darüber sprechen wir im Beirat partnerschaftlich mit der Einstein Stiftung. Die Idee ist, dass sie mehr Aufgaben übernimmt und eine ausreichende Finanzierung bekommt. So könnte die Stadt Berlin mit der Einstein Stiftung ein breites Spektrum an Förderaktivitäten abdecken. Die Stiftung könnte sich auch den forschungsstarken Fachhochschulen zuwenden, verstärkt ein Fenster für die internationalen Wissenschaftscommunities werden und somit die unglaubliche Vielfalt der Wissenschaftslandschaft unserer Stadt nach außen tragen.

Was bedeutet Wissenschaft für Sie?

Wissenschaft findet meiner Meinung nach nicht nur in den Universitäten, sondern in allen Einrichtungen, in denen Wissen erarbeitet wird, statt. Im Rahmen meiner Tätigkeit im Deutschen Bundestag habe ich mich mit Innovationspolitik beschäftigt und dabei das Spektrum wissenschaftlicher Akteure in der Bundesrepublik kennengelernt. Das reicht von Hobbyerfindern über kleine private Institute bis hin zu den großen Helmholtz-Zentren. Für mich ist das alles Wissenschaft. Auch Menschen, die privat eine App kreieren, sind nach meinem Verständnis Wissenschaftler. Deswegen vertrete ich einen sehr breiten und offenen Ansatz von Wissenschaft. In der heutigen Zeit ist es wichtig Wissenschaft nicht in Säulen des Systems verharren zu lassen, sondern diese stärker miteinander zu vernetzen.

Wie kann man Menschen für Wissenschaft begeistern?

Politik und Wissenschaft stehen vor der Herausforderung komplexe Dinge so darzustellen, dass sie für Menschen verständlich werden, die sich nicht täglich mit der Thematik befassen. Es geht immer um Komplexitätsreduktion und den Versuch, eine andere Sprache zu finden. Oft sprechen wir fachliche Sprachen - in der Wissenschaft noch mehr als in der Politik - und davon müssen wir uns wegbewegen. Zudem glaube ich, dass Wissenschaft sich legitimieren muss, da sie der Gesellschaft für die öffentliche Förderung etwas zurückgeben sollte. Das gilt gleichermaßen für uns Politikerinnen und Politiker: wir müssen uns ebenfalls ständig legitimieren. Das heißt nicht, dass Wissenschaft im schlechten Sinne populär werden sollte, zum Beispiel in Form von Event-Wissenschaft, sondern das Wissenschaft am gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen muss.

Welches gesellschaftlich aktuelle Thema sollte die Wissenschaft thematisieren?

Das erste Thema ist die wachsende Stadt in Berlin. Die Koalition hat ein Förderprogramm verabschiedet, das ab 2020 die Forschungsbedarfe der wachsenden Stadt fördert. Zum einen möchten wir diese Bedarfe gemeinsam mit gesellschaftlichen Akteuren wie beispielsweise Wohnungsbaugesellschaften, Krankenhausträgern, aber auch der Wirtschaft, der öffentlichen Verwaltung und zivilgesellschaftlichen Institutionen identifizieren. Zum anderen arbeiten wir mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen, die zu den Bedarfen der Stadt forschen. Das Interesse seitens der Wissenschaft an der Thematik ist groß. In den derzeitigen Förder- und Universitätsstrukturen ist die Forschung zur wachsenden Stadt - bis auf wenige Fachbereiche - jedoch fast nicht möglich.

Das zweite Thema behandelt die Frage nach Integration und Migration. Berlin ist kürzlich Standort des Deutschen Instituts für Migrations- und Integrationsforschung geworden. Ich glaube, dass die Frage, wie Gesellschaften Zusammenhalt erzeugen, obwohl Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zusammenleben, zur Überlebensfrage der Demokratie werden wird und darum sollte sich Wissenschaft damit auseinandersetzen.

Sie sind gelernter Buchhändler und haben Politik-, Kommunikations- und Literaturwissenschaft studiert. Was war ausschlaggebend für Ihre Entscheidung, politisch aktiv zu werden?
Ursprünglich habe ich sogar ein Studium der Betriebswirtschaftslehre angefangen, um die familiäre Buchhandlung zu übernehmen, die schon seit Generationen in Familienbesitz ist. Während dieses Vorhabens bin ich an dem einseitig neoklassisch ausgerichteten BWL-Studium verzweifelt und habe begonnen, mich in der Hochschulpolitik zu engagieren. Die Politik hat mich so sehr in den Bann gezogen, dass ich nach drei Semestern Betriebswirtschaftslehre entschieden habe, das Fach zu wechseln. Am Ende meines Studiums bin ich Referent in der Bundestagsfraktion geworden und war fortan immer mit dem Thema Wissenschaft assoziiert.

Was geben Sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit auf den Weg?
Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben es heute leider nicht leicht. An den Berliner Hochschulen arbeiten ca. 90 Prozent der Menschen, die keine Professur inne haben, als wissenschaftliche Mitarbeiterin oder Mitarbeiter mit einem befristeten Vertrag  viele in Teilzeit. Wenn man promoviert oder sogar schon promoviert ist, zählt man meiner Meinung nach nicht mehr zum wissenschaftlichen Nachwuchs. Leider werden junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber häufig wie Lehrlinge oder Berufseinsteiger behandelt. Deshalb rate ich jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sich zusammenzuschließen  sei es in einer Gewerkschaft oder anderen Organisationen  um gemeinsam für ihre Interessen einzutreten. Denn sie sind die eigentlichen Leistungsträger im wissenschaftlichen System und es ist sehr wichtig, dass sie in dieser Debatte selbstbewusst auftreten.

Mit welchem Thema haben Sie sich zu Studienzeiten beschäftigt?
Im Zuge meiner Magisterarbeit habe ich mich mit Bertolt Brecht in der Weimarer Republik auseinandergesetzt. Meine Forschungsobjekte waren Kunstobjekte, denn ich habe mich mit Filmen, Theaterstücken und Romanen Brechts befasst. In meiner Arbeit habe ich die verschiedenen Kunstformen miteinander verglichen. Das war ein spannendes Forschungsobjekt, daran hätte ich gerne noch weiter geforscht.

Wem würden Sie gerne mal einen Tag lang über die Schulter schauen?
Der Berliner Wissenschaftspreis ist kürzlich an die Erfinderin der CRISPR/Cas-Schere, Emmanuelle Charpentier, vergeben worden. Sie hat bei der Preisverleihung so spannende Dinge erzählt, dass ich ihr gerne mal bei der Arbeit über die Schulter schauen würde.

Gibt es einen ungewöhnlichen Gegenstand, der Sie im Alltag immer begleitet?
Meine Armbanduhr ist für mich ein ungewöhnlicher Gegenstand, weil ich sie fast 15 Jahre nicht getragen habe. Zeitweise habe ich nur noch mein Smartphone benutzt, aber mittlerweile habe ich mir bei der Benutzung von digitalen Geräten angewöhnt auf Hygiene zu achten und schaue deswegen wieder auf eine ganz altmodische Armbanduhr, wenn ich die Zeit wissen möchte.

Die drei größten Erfindungen der Menschheit?
Das ist zum einen das Rad. Ich fahre selbst viel Rad und ich bin begeistert von allem was Räder hat. Die zweite große Erfindung ist für mich die bemannte Raumfahrt. Ich finde die Vorstellung den Planeten zu verlassen und von außen auf die Erde zu schauen, faszinierend. Allerdings können wir die großen Gesellschaftsprobleme von heute, wie zum Beispiel den Klimawandel, nicht vom Mond aus lösen, weswegen ich hohe Investitionen in die bemannte Raumfahrt nicht unterstütze. Die dritte große Erfindung stellt meiner Meinung nach das Internet dar. Das Internet verändert einfach alles und hier befinden wir uns mit unserem Wissen noch ganz am Anfang. Die Gesellschaft muss sich über einen angemessenen Umgang noch verständigen. Mit Hinblick auf miteinander kommunizierenden Maschinen, voll vernetzte Wohnräume und Städte sind noch viele rechtliche und ethische Debatten offen. Grundsätzlich bin ich ein Optimist und kein Pessimist: Ich lehne die technologische Entwicklung nicht ab, aber ich möchte sie mitgestalten und nicht dem Selbstlauf überlassen.

Sie pflegen einen aktiven Twitter-Account. Funktioniert politische Kommunikation heutzutage nicht mehr ohne soziale Netzwerke?
Das soziale Netzwerk hat sich zu einem unverzichtbaren Medium in der Politik entwickelt. Die ursprüngliche Intention von Twitter war vermutlich eine andere, aber mittlerweile ist die Szene von Journalistinnen und Journalisten und Politikerinnen und Politikern, die bei Twitter aktiv sind, stark gewachsen. Das hat Politik zum Guten und zum Schlechten verändert.

Inwiefern zum Guten und zum Schlechten?
Zum Guten, weil Bürgerinnen und Bürger mit Twitter direkt nachvollziehen können, was Leute schreiben und sich ein eigenes Bild machen können. Ich glaube, dass das ein großer Vorteil ist. Für mich persönlich bedeutet Twitter, dass ich schnell und einfach mit anderen Menschen in Austausch treten kann. Negativ ist hingegen, dass dieses Instrument nicht immer mit Bedacht genutzt wird. Wer schon mal einen Shitstorm erlebt hat, weiß, dass das nichts mit einer rationalen Debatte zu tun hat.

In welchem Berliner Bezirk fühlen Sie sich besonders wohl?
Es gibt zwei Kieze, in denen ich mich besonders wohl fühle. Der erste ist der Wedding, in dem auch mein Wahlkreis liegt. Dort mag ich es sehr. Der Wedding ist für viele Menschen eine erste Anlaufstelle, wenn sie neu nach Berlin kommen. Auf der anderen Seite sind viele Menschen schon seit 50 oder 60 Jahren im Wedding beheimatet. Es ist genau diese Mischung von Bewohnern, die den Bezirk spannend macht. Und der zweite Bezirk, in dem ich sehr wohl fühle, ist Treptow-Köpenick, denn dort wohne ich.

Gibt es im Wedding einen Ort, an dem Sie sich gerne aufhalten?
Ich bin gerne im Café Simit Evi am Leopoldplatz. Das Café wird von einer türkischen Betreiberin geleitet und häufig von türkischen Frauen und Familien besucht. Dort herrscht eine angenehme Atmosphäre. Man sollte das Café all denjenigen Berlin-Besuchern empfehlen, die die Stadt als unsicher, schwierig, nicht zu durchschauen oder kriminell darstellen, damit sie sich vor Ort ein Bild von der Normalität multikulturellen Lebens in Berlin machen können. Ich glaube, dass die meisten nach einem Besuch im Café Simit Evi von ihren Vorurteilen geheilt wären.

Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie Berlin in 10 Jahren?
Das ist eine spannende Frage, mit der wir uns politisch auch immer wieder beschäftigen. Ich glaube, dass die Entwicklung Berlins hinsichtlich des steigenden Bevölkerungswachstums und der anhaltenden Wirtschaftskraft so rasant weiter fortschreiten wird wie bisher. Es wird eine Herausforderung werden dieses Wachstum zu gestalten, denn bis vor fünf, sechs Jahren war in Berlin vor allem von Schrumpfung die Rede und im Zuge dessen wurden sogar noch Wohnungen abgerissen. Jetzt müssen wir eine Kehrtwende hinlegen und das Wohnungsproblem lösen.

Für die Zukunft Berlins wünsche ich mir, dass die soziale Mischung der Stadt erhalten bleibt, denn sie ist das, was Berlin spannend macht. Die Menschen kommen aufgrund der Freiräume und des Miteinanders in die Hauptstadt. Ich wünsche mir auch, dass wir die Fragen der Integration noch besser als bisher bewältigen. Es sollte völlig normal sein, dass Menschen verschiedener Herkunft, Sprache und Religion ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln, denn nur so funktioniert Gesellschaft. Die Frage des Zusammenhalts ist in Berlin ein bisschen verloren gegangen und ich glaube, dass Politik hier aktiv werden sollte. Es wäre ein Erfolg, wenn alle in Berlin Lebenden sich ungeachtet ihrer Herkunft und Hautfarbe zuallererst als Berlinerinnen und Berliner identifizieren und stolz auf ihre Stadt sind.


(Dezember 2018)


Interview: Melissa Koch
Foto: Ben Gross