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Podcast

#AskDifferent - der Podcast der Einstein Stiftung

#AskDifferent – der Podcast der Einstein Stiftung
In der Podcast-Reihe #AskDifferent erzählen geförderte und mit der Stiftung verbundene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von den kleinen Schritten und großen Zufällen, die zu einer außergewöhnlichen Laufbahn geführt haben. Wir wollen wissen: Was treibt sie an, anders zu fragen, immer weiter zu fragen und unsere Welt bis ins kleinste Detail zu ergründen?

Wie Wohnungslosigkeit Körper und Psyche belastet – und was hilft

Porträt Stefanie Schreiter

#AskDifferent 46 - Wohnungslosigkeit ist weit mehr als ein soziales Problem – sie ist ein massiver Risikofaktor für die psychische und körperliche Gesundheit. Menschen ohne Wohnung sterben früher, sind häufiger krank und stoßen in unserem Versorgungssystem auf Hürden, die kaum zu überwinden sind. Warum das so ist, welche Rolle Stigmatisierung spielt und wie Versorgungssysteme umgebaut werden müssten, erklärt Dr. Stefanie Schreiter, Psychiaterin und Oberärztin an der Charité. Im Einstein-Zirkel Improving (Mental) Health Care in Homelessness entwickelt sie neue, flexible Modelle der Behandlung. Im Podcast spricht sie mit Moderatorin Marie Röder über strukturelle Hürden, Housing-First-Ansätze und darüber, warum sicherer Wohnraum eine zentrale Voraussetzung für psychische Gesundheit ist.

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Intro: Mensch, wir müssen uns über den Gesundheitszustand dieser Menschen vor allem auch Gedanken machen. Das sind Menschen, die sterben früher, weil sie wohnungslos sind. Also das ist kein reines soziales Problem. Wohnen ist ein gesundheitliches Problem. #AskDifferent, der Podcast der Einstein Stiftung. Warum Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anders fragen.

Marie Röder: Heute mit Marie Röder. Schön, dass Sie zuhören. Wer in Berlin oder anderen Großstädten unterwegs ist, in der Bahn oder im Park, kann es kaum übersehen. Immer mehr Menschen leben in Armut und viele auch ohne Wohnung. Allein in Berlin gibt es schätzungsweise rund 55.000 wohnungslose Menschen. Und die Zahl steigt. Oft merkt man, dass es den Menschen auf der Straße nicht gut geht, körperlich, aber auch psychisch. Tatsächlich leiden laut Studien mehr als zwei Drittel der Wohnungslosen an einer psychischen Erkrankung. Also deutlich mehr als im Durchschnitt der Bevölkerung. Darüber spreche ich heute mit Stephanie Schreiter. Sie ist Psychiaterin und Oberärztin an der Charité in Berlin. Ihr Thema, wie kann man die psychische Gesundheit von wohnungslosen Menschen besser schützen und behandeln. Und darum geht es auch in dem Einstein-Zirkel, an dem sie mitarbeitet. Improving Mental Health Care in Homelessness. Willkommen, Frau Dr. Schreiter.

Stefanie Schreiter: Ja, vielen Dank für die Einladung. 

Röder: Frau Schreiter, Sie leben ja selbst in Berlin. Wann sind Sie denn zuletzt, ganz unabhängig jetzt von Ihrer Arbeit, einer wohnungslosen Person begegnet? Und was ist Ihnen dabei durch den Kopf gegangen? 

Schreiter: Tatsächlich erst heute bin ich einer wohnungslosen Person am Bahnhof begegnet. Ich habe auch beobachtet, dass die Person so vor sich hinsprach und habe mich gefragt, ob die Person wohl eine psychische Erkrankung hat oder eine Psychose. 

Röder: Sie haben ja Ihre wissenschaftliche Karriere wirklich diesem Thema gewidmet, gesundheitliche Ungleichheit, vor allem bei Menschen ohne Wohnung. Warum beschäftigt Sie dieses Thema so sehr? 

Schreiter: Ich bin mit diesem Thema in Berührung gekommen das erste Mal, als ich eigentlich meine Facharztweiterbildung begonnen habe. Das war auch an der Charité, aber in unserer Schwesterklinik im St. Hedwig Krankenhaus in Mitte. Und ich habe dort auf einer der sogenannten geschützten Stationen, also eine akutpsychiatrische Station, angefangen zu arbeiten, meine Assistenzarztweiterbildung zu machen, wo Personen vor allem aus dem Bezirk Wedding, Moabit versorgt werden. Und ich hatte damals auch schon angefangen, wissenschaftlich zu arbeiten. Mit meiner Promotion eher was ganz Grundlagenorientiertes, Anderes. Und habe dann aber schnell in der Versorgungsrealität auf Stationen gemerkt, dass es ganz andere Themen, vor allem soziale Themen sind, die Patient:innen enorm belasten und die die Behandlung natürlich auch enorm beeinflussen. Und ein Riesenthema damals schon, wann habe ich angefangen? 2014, war, dass viele Patient:innen auf der Station wohnungslos waren oder auch während ihres Aufenthaltes ihre Wohnung verloren haben. Und so habe ich mich angefangen, damit zu beschäftigen. Und ich glaube, dass generell natürlich der Einfluss sozialer Faktoren und sozialer Determinanten auf Gesundheit zum Glück in den letzten Jahrzehnten ja auch deutlich an Bedeutung dazu gewonnen hat. Und Wohnen und Housing ist sicherlich ein wichtiger Aspekt davon.

Röder: Sie arbeiten ja seit über zehn Jahren jetzt daran, die psychiatrische Versorgung von wohnungslosen Menschen zu verbessern. Warum sind Menschen ohne Wohnung denn überhaupt so viel öfter psychisch erkrankt? 

Schreiter: Also generell muss man sagen, dass das ja ein sehr komplexes Zusammenspiel von vielen Faktoren ist, wenn eine Person wohnungslos wird. Wir sehen aber, dass oft eben auch zum Beispiel psychische Erkrankungen oder auch Substanzgebrauch eine Rolle spielen. Wir sehen auch, dass Menschen, die später einmal in Wohnungslosigkeit geraten, zum Beispiel auch viel häufiger schon frühkindliche Traumatisierungserfahrungen gemacht haben. Also da gibt es viele Überschneidungen hinsichtlich des Risikos, eine psychische Erkrankung zu entwickeln, aber auch in Zustände extremer sozialer Marginalisierung zu geraten. Konkrete Auslöser für so einen Wohnungsverlust können aber vielfältig sein. Da kann eine psychische Erkrankung eine Rolle spielen. Das können aber auch Trennungen, Verluste sein, sei es ein Verlust einer Person, eines Jobs, Schulden. Und das ist natürlich häufig eher ein komplexer Prozess, wo sich eben auch psychische Symptome oder die Entwicklung psychischer Störungen auch mit sozialen Problemen vermischen. Wir sehen aber auch, dass es leider sehr schlecht untersucht, weil das sehr schwierig ist, über die Zeit zu untersuchen. Wenn man aber Menschen fragt, die wohnungslos geworden sind, zum Beispiel in den USA, ist es häufig so, dass die vorher schon auch eine Diagnose einer psychischen Störung hatten. Also das begünstigt auf jeden Fall noch mal erheblich, auch seine Wohnung zu verlieren, gerade bei Menschen mit Suchterkrankungen und psychotischen Erkrankungen. 

Röder: Das wäre jetzt meine nächste Frage gewesen. Was ist meistens zuerst da? Die psychische Erkrankung oder die Wohnungslosigkeit? Wie bedingt sich das? 

Schreiter: Es gibt leider nicht so viele gute Untersuchungen dazu. Also aus Deutschland gibt es nicht so viele. Es gibt eine große Studie aus München von 2012. Da hat man Menschen in der Wohnungslosenhilfe befragt. Und da war es schon so, dass über 70 Prozent auch schon Kontakt hatten zum psychiatrischen Versorgungssystem, bevor sie in die Wohnungslosenhilfe gegangen sind. Es gibt eine große Erhebung aus den USA. Da hat man über 900 Personen gefragt, die wohnungslos waren. Da war es zum Beispiel so, dass Frauen mit einer Schizophrenie, da waren es 100 Prozent, die vorher schon die Erkrankungen hatten. Also das ist bei über 50 Prozent eigentlich der Fall. Aber es sind eben zum Beispiel nur diese beiden Studien, die man gut nennen kann und kleinere andere. Es ist tatsächlich auch schwer zu untersuchen. Und es gibt natürlich auch andere Fälle.

Röder: Und welche psychischen Erkrankungen sind besonders häufig bei Menschen, die wohnungslos sind? Sie haben jetzt gerade schon Suchtproblematik und Schizophrenie angesprochen. Was gibt es da noch? Gibt es da Auffälligkeiten, welche Erkrankungen besonders häufig vorkommen? 

Schreiter: Die Gebrauchsstörungen von Alkohol, die sind am häufigsten. Die machen über ein Drittel aus. Es unterscheidet sich auch ein bisschen zwischen den Ländern. Je nachdem, wie zugänglich auch Substanzen sind. 20 Prozent haben dann nochmal Probleme mit anderen Substanzen neben Alkohol. Und man sieht, dass schwere affektive Störungen, also schwere Depressionen, als auch eben psychotische Erkrankungen wie Schizophrenien um die zwölf Prozent ausmachen. Also es ist auch nochmal deutlich höher als in der allgemeinen Bevölkerung bei den Schizophrenien, fast das Zehnfache. Das sind so die häufigsten Störungsbilder von Erkrankungen, die wirklich auch eigentlich gut zu behandeln sind.

Röder: Wenn die Personen, die Sie jetzt behandeln, wenn die zu Ihnen kommen, können Sie mir mal ein bisschen beschreiben, in welchen Situationen befinden sich diese Personen? Wie sieht quasi das typische Leben dieser Person aus? 

Schreiter: Das muss man, glaube ich, auch differenzieren, weil ja eine wohnungslose Person sich in ganz unterschiedlichen Lebenslagen befinden kann. Das ist sehr breit. Also es gibt Menschen, das sind auch häufig eher jüngere Menschen, die zum Beispiel dann bei Freunden und Bekannten so Couchsurfen. Es gibt aber auch Menschen, die wirklich auf der Straße leben oder dann immer wieder wirklich nur so kurze Unterbringungsmöglichkeiten nutzen. Das sind vor allem so Notübernachtungen, also wo man abends hinkommt, morgens wieder geht und gucken muss, dass man nächste Nacht wieder einen Platz bekommt. Also ganz instabile Wohnverhältnisse, wo natürlich auch Gewalt, Substanzgebrauch und so weiter eine große Rolle spielen. Und wo natürlich aber auch ein großes System der Wohnungslosenhilfe versucht, diese Menschen auch gut zu unterstützen, aber eben auch häufig überfordert sind mit psychischen Erkrankungen. Es gibt dann aber auch noch einen sehr großen Sektor der Unterbringung in Wohnungslosenunterkünften, sogenannten ASOK-Unterkünften. Das ist das allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz, das das regelt sozusagen, weil eigentlich der Staat die Verpflichtung hat, jedem Menschen ohne Wohnung auch ein Dach über dem Kopf zu gewähren. Und das löst der Staat aber aktuell vor allem durch solche Unterbringungen in Wohnungslosenunterkünften. Das sind so alte Hotels oder sowas manchmal. Und das ist eben kein dauerhafter, privater, sicherer Wohnraum. Aber es gibt auch viele Personen, die sehr lange auch in diesen Einrichtungen dann leben. 

Röder: Und sagen Ihre Forschungsergebnisse auch etwas darüber aus, wer besonders häufig von Wohnungslosigkeit betroffen ist? Also sind es zum Beispiel häufiger Männer oder Frauen? Und wie alt? Und was macht das Leben dieser Person typischerweise aus, wenn man das überhaupt so sagen kann? 

Schreiter: Genau, das muss man, glaube ich, immer mit diesen Einschränkungen dazu sagen. Deutschland hat ja seit wenigen Jahren jetzt erst angefangen, auch diese Zahlen zu erheben. Also zumindest, wer ist untergebracht in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe? Da haben ja auch immer Zahlen gefehlt überhaupt zu, wie viele Menschen sind das? Und auch wenn man sich jetzt Gruppen anschaut im Krankenhaus, also in der Psychiatrie, die dort wohnungslos sind, sieht man schon, dass es überwiegend mehr Männer sind. Man hat aber schon gesehen, dass es in den letzten Jahren in Deutschland zum Beispiel auch einen Anstieg gab von Familien und Frauen auf der Straße. Und natürlich gibt es da ganz viele Überschneidungen mit anderen Faktoren, die auch zum Teil mit sozialer Ausgrenzung zu tun haben, sei es jetzt Sprachbarrieren, Migrationshintergrund, viele Menschen auch mit nicht-deutscher Staatsbürgerschaft, Menschen, die aber auch aus anderen Communities kommen, LGBTQI. Also da gibt es ganz vielfältige Gruppen, die auch von Wohnungslosigkeit betroffen sind und wo sich so verschiedene Faktoren überlappen. 

Röder: Wenn diese Personen jetzt zu Ihnen kommen, wie können sie konkret helfen? Also was kann überhaupt eine psychiatrische Behandlung leisten, wenn jemand, ich stelle mir das jetzt unheimlich schwierig vor, man hat gar keine Adresse, vielleicht auch keine Krankenkassenkarte, solche Dinge. Wie helfen Sie diesen Menschen? 

Schreiter: Ja, also ich denke, da gäbe es einige Weichen, die verändert werden müssten in den jetzigen Versorgungssystemen, die dazu beitragen, dass die Versorgung aktuell oft eher eine Akut- und Notfallversorgung leider ist. Also wir sehen sehr viele Menschen, ich arbeite ja eben in einer Klinik, wir sind auch eine Versorgungsklinik, also wir haben einen Auftrag für einen Bezirk und eine Rettungsstelle, die immer auch mit einem Psychiater oder einer Psychiaterin rund um die Uhr besetzt ist und wo wir sehr, sehr viele Menschen, die wohnungslos sind, sehen, die wir auch aufnehmen, dann auf unsere Stationen und dort behandeln. Aber das ist eben ein Problem, was mit vielen Schnittstellen verbunden ist. Und wir sind dann zum Beispiel als psychiatrische Klinik eben von vielen anderen Akteuren mit abhängig, also vor allem natürlich Wohnraum zu finden und zwar Wohnraum, der auch wirklich adäquat ist und sicher und auch zur wirklichen Genesung und Gesundung beiträgt. Und da gibt es zwar auch therapeutische Wohneinrichtungen in Berlin, die sind aber sehr wenig, es sind sehr hohe Barrieren, da auch reinzukommen und so brechen natürlich Menschen dann auch Behandlung ab. Und gerade die ambulante Versorgung, das ist eben sehr schwer, da eine kontinuierliche Versorgung zu etablieren. Das sind eher auch manchmal Menschen, wenn sie eben auch noch sehr krank sind oder sehr stark im Substanzkonsum drin sind, die eben sich nicht so gut an Komm-Strukturen, Termine, Barrieren wie Versicherungsstatus und so weiter halten können. Wir haben eine Kooperation mit der Clearingstelle. Es gibt eine Clearingstelle, die versucht, auch Kosten zu übernehmen für unversicherte Menschen oder Menschen auch wieder in Versicherungsschutz zu bekommen. Viele haben ja sogar Anspruch eigentlich und haben das verloren aufgrund sozialer Schwierigkeiten. So versuchen wir zum Beispiel auch nicht-versicherte Menschen zu behandeln und mit den Trägern der medizinischen Versorgungsstrukturen in der Wohnungslosenhilfe, die es ja auch gibt, so ganz niedrigschwellige, zusammenzuarbeiten. Aber an sich bräuchten wir andere Versorgungskonzepte, womit wir ganz anders versorgen könnten aus der Klinik heraus, also vielmehr aufsuchend, vielmehr flexibel, vielmehr kontinuierlicher. Das ist aktuell sehr in diesen Sektoren, Grenzen, ambulant, stationär, den Schnittstellenproblemen mit den vielen anderen Stellen, die dann damit mitwirken. Soziale Wohnhilfe, das Sozialamt, der Sozialpsychiatrische Dienst und so weiter. Es ist einfach sehr, sehr kompliziert. Und das sind die Hürden, mit denen diese Menschen zu tun haben und an denen dann eben auch oft scheitern.

Röder: Was wünschen Sie sich denn von der Politik, von unseren Behörden, um die Versorgung zu verbessern? 

Schreiter: Ich würde mir wünschen, dass wir anfangen, Modelle so umzusetzen, wie wir international schon wissen, dass sie auch gut funktionieren. Und ich habe das Gefühl, dass wir da stückchenweise uns anpirschen mit eben zum Beispiel Housing-First-Modellprojekten, die auch ganz wichtig und gut sind. 

Röder: Können Sie mal erklären, was heißt Housing-First-Modelle? 

Schreiter: Das kommt ja eigentlich aus New York und damals war genau so eine ähnliche Situation, dass man gesehen hat, viele Menschen in der Wohnungslosenhilfe sind psychisch krank, haben Probleme mit Substanzen, haben keine Wohnung. Und da ist dieses Konzept entstanden, was vor allem darauf basiert, Menschen Wohnraum zu geben. Und zwar Wohnraum, der unabhängig ist, der ihnen auch erstmal gehört, dauerhaft ist. Also sehr auf Autonomie sozusagen abzielt und gleichzeitig aber auch flexible Versorgungsangebote, zum Beispiel durch so multiprofessionelle aufsuchende Teams, die sich aus verschiedenen Berufsgruppen, Psychiater, Pflege, Peer-Worker, Sozialarbeit zusammensetzen und die Menschen flexibel versorgen. Und jetzt ist es so, dass die Housing-First-Modellprojekte in Berlin aber häufig nicht diese, die haben zwar auch Teams dran, das sind häufig auch Menschen aus der sozialen Arbeit oder auch zum Teil Psychologie, aber diese genauen Kriterien, was ist der Case-Load, also wie ist das Team zusammengesetzt und wie ist wirklich diese Hilfe um das Housing-First herum und wie schnell und unabhängig wird wirklich auch der Wohnraum auch für Menschen, die dann schwer psychisch erkrankt sind, zur Verfügung gestellt. Das ist leider, finde ich, noch sehr hochschwellig. Das Angebot ist sehr klein, es fehlt an diesen flexiblen Teams. Genau, es bräuchte eben eigentlich vor allem den Wohnraum. Dann könnten wir auch mit Modellprojekten oder Forschungsförderungen versuchen, diese Teams, die es eben zusätzlich braucht, auch aus unserer Versorgung herauszustellen. Aber ohne den Wohnraum ist es eben für uns als Klinik auch schwierig.

Röder: Ich würde gerne nochmal auf Ihren gesellschaftlichen Blick zu sprechen kommen. Wir alle begegnen ja wohnungslosen Menschen im Alltag und ich beobachte es manchmal, dass es dann Leute gibt, die zum Beispiel, wenn es jetzt in der U-Bahn ist, dass sie dann den Waggon wechseln oder weghucken. Es gibt natürlich auch Menschen, die dann Geld geben. Aus Ihrer Erfahrung, welche Rolle spielen denn so alltägliche Stigmatisierungen für wohnungslose Menschen? Was hören Sie da von diesen wohnungslosen Menschen, wie mit ihnen umgegangen wird? 

Schreiter: Ich denke, das spielt eine große Rolle. Das betrifft aber auch nicht nur die Gesellschaft, sozusagen im Gewusel am Bahnhof zum Beispiel auch, aber das betrifft auch die Institutionen, mit denen diese Menschen Kontakt haben. Und was ich vorhin schon angedeutet habe, es kommt sehr ungünstig zusammen, dass sowohl Wohnungslosigkeit an sich einer starken Stigmatisierung unterliegt, als auch bei einigen zumindest einhergehende Erkrankungen, wie vor allem Suchterkrankungen und Psychosen. Und was das ja in Menschen auslöst, ist erstmal eine Verbindung mit zum Beispiel Gefährlichkeit oder Ekel oder so etwas. Und was dann wiederum zu dem Wunsch nach sozialer Distanz führt. Das ist ja letztendlich Stigmatisierung. Ich glaube, das kennen wir alle und das ist auch etwas, was uns alle betrifft, wo wir eben gucken müssen, wie reflektiv wir damit umgehen und wie gut wir das immer wieder auch reflektieren. Wir sehen das auch in der Forschung, dass das durchaus das Hilfesuchverhalten, wie man das so technisch nennt, von Menschen natürlich stark beeinflusst. Und viele Menschen, die wohnungslos sind, sehr negative Erfahrungen gemacht haben von Ausgrenzungen, die wie gesagt auch schon häufig frühkindliche Traumatisierungserfahrungen gemacht haben. Später dann wieder Ausgrenzungserfahrungen machen, vielleicht weil sie auch schon Schwierigkeiten haben, sich ihre Beziehungen aufzubauen, Vertrauen zu fassen. Und dann zum Beispiel auch in Behörden, auch Krankenhäusern, Rettungsstellen, auch negative Erfahrungen machen. Und das wäre ganz wichtig, da Interventionen zu schaffen. Und wir sehen in der Gesellschaft, dass diese negativen Einstellungen, die ich gerade geschildert habe, bei Suchterkrankungen und Psychosen eher angestiegen sind. Wohingegen sie eben bei anderen Erkrankungen wie Depressionen zum Beispiel eher abgebaut werden konnten. Also ich glaube da auch die Medien, wenn wir immer wieder Gefährlichkeit und Psychose zusammenbringen, die Vorstellung von Suchterkrankungen als Willensschwäche, das sind alles so ganz alte Vorstellungen, mit denen wir aufräumen müssen. Wo die Psychiatrie einen Auftrag hat, wo die Medien einen Auftrag haben, wo viele andere Institutionen, die daran beteiligt sind, einen Auftrag haben, aber auch jeder Einzelne von uns. Und das kann schon einen Unterschied machen, wie ich jemanden angucke, ob ich jemandem zulächle, wie ich auf jemanden zugehe, auch wenn er wohnungslos ist. 

Röder: Gibt es Momente, die Ihnen jetzt in Ihrer Arbeit mit wohnungslosen und psychisch erkrankten Menschen besonders im Gedächtnis geblieben sind? Also haben Sie da irgendwie eine Geschichte, an die Sie oft zurückdenken, die Sie besonders berührt hat? 

Schreiter: Komplexe Frage, weil ich wirklich sehr, sehr vielen Menschen leider, die auch in sehr prekären Lebenslagen waren, schon begegnet bin. Ich habe ja vorhin schon auf dieses erste Jahr meiner Assistenzarztzeit davon kurz berichtet, dass ich damit ja auch so in Kontakt bekommen bin. Da hat mich das sicherlich auch am stärksten geprägt. Und was ich da so tragisch fand, war vor allem, wenn Menschen, zum Beispiel ein junger Mensch mit einer Schizophrenie in den Zwanzigern, der aufgrund der Erkrankung ohnehin Studium und so weiter große Schwierigkeiten hat und der dann zu uns in die Klinik kommt und dort seine Wohnung verliert, weil es zum Beispiel Schwierigkeiten gab in der Psychose mit den Nachbarn, mit dem Vermieter oder weil Schulden aufgelaufen sind. Und auch immer wieder Menschen, die dann auch ihre therapeutischen Wohnplätze verloren haben, was oft an so bürokratischen Dingen liegt, wie dass man nur so und so viele Tage im Krankenhaus sein darf, wenn man in so einer therapeutischen Wohngemeinschaft lebt, sonst verliert man da seinen Platz. Also es ist so eine Unsicherheit. Und das ist etwas Strukturelles, was wir da in diesem System einflechten und was Menschen dann plötzlich, die eh schon aus einer psychotischen Krise kommen, die gerade stabilisiert sind und die vielleicht eher gucken wollen, wie kann ich jetzt wieder mein Studium aufnehmen, plötzlich mit so existenziellen Fragen konfrontiert sind und wie hilflos wir damit auch sind. Also das hat mich da sehr geprägt, dass man das, was man ja eigentlich machen will, diese psychiatrische, psychotherapeutische Unterstützung, das ohne Wohnraum, ohne Perspektive, das für alle eine sehr ohnmächtige Situation ist. 

Röder: Hat sich aber in den letzten Jahren da was verbessert, verändert an dieser Situation? Haben Sie vielleicht auch Hoffnung, dass es besser werden könnte? 

Schreiter: Natürlich habe ich Hoffnung. Aber ja, ich hätte mir schon gewünscht, dass sich noch mehr ins Positive verändert hat. Wir sehen ja eher, wie Sie es ja eingangs zitiert haben, auch steigende Zahlen. Und das ist etwas, was wir natürlich auch in den psychiatrischen Kliniken spüren, wo wir auch gesehen haben, dass das über die letzten Jahre enorm angestiegen ist. Was sich, finde ich, subjektiv in der ganzen Debatte, zumindest in Berlin und auch auf anderer Ebene, verändert hat, ist, dass wir offener über psychische Erkrankungen auch in der Gruppe sprechen können. Wie gesagt, habe ich schon gesagt, es ist dieses Problem auch der multiplen Stigmatisierung, wo ich vor zehn Jahren noch Schwierigkeiten hatte zu sagen, Mensch, wir müssen uns über den Gesundheitszustand dieser Menschen vor allem auch Gedanken machen. Das sind Menschen, die sterben früher, weil sie wohnungslos sind. Also das ist kein reines soziales Problem. Wohnen ist ein gesundheitliches Problem mit. Und diese Debatte stärker zumindest mit Gesundheit, Gesundheitsversorgung zu denken und zu verbinden, das ist passiert. Ich hatte schon die Housing-First-Modellprojekte angesprochen. Da sind wir auch im Gespräch, wie wir Kooperationen mit den Kliniken aufbauen können. Aber ich habe auch gelernt, dass diese Veränderungsprozesse, gerade wenn es strukturelle Faktoren betrifft, Sozialgesetzbücher und so weiter, die Mühlen leider sehr langsam mahlen. Und ich glaube, vielleicht noch ein Gedanke dazu, der klingt immer so weit weg, das Digitale. Ich denke, wir sind ja auch in einer totalen Umbruchsphase mit KI, Digitalisierung. Das verändert natürlich auch die Medizin und die Versorgungssysteme. Und ich finde es ganz wichtig, da Gruppen wie wohnungslose Menschen mitzudenken, weil es sonst ein Risiko gibt, sie noch weiter auszuschließen und noch mehr Barrieren einzuziehen. Oder jetzt das zu nutzen, um auch clevere Zugangswege, wie ich es vorhin schon angedeutet hatte, ein anonymer Raum, wo man auch Kontakt aufnehmen kann, zu schaffen. Und es gibt ganz interessante Erhebungen, die zeigen, wie wichtig so ein Smartphone für den Menschen in Wohnungslosigkeit ist, wie zentral, nicht nur so zum Navigieren, auch als Coping mit der Gesellschaft verbunden zu bleiben. Und das sind natürlich vielleicht auch Möglichkeiten, die wir zumindest mitdenken sollten, auch um Ressourcen im System besser zu verteilen. Wer braucht was? Und wer braucht wirklich eine intensive, aufsuchende, multiprofessionelle Behandlung? Für wen reicht auch vielleicht erstmal eine App auf Rezept? Wer braucht den Psychotherapeuten? Und dass wir da auch Ressourcen besser zuweisen und verteilen und da sich das Digitale auch nochmal als eine Möglichkeit. 

Röder: Ich wollte Ihnen noch als letzte Frage stellen und das haben Sie, glaube ich, gerade eigentlich schon auch beantwortet, aber vielleicht kommen wir doch nochmal auf ein paar andere Themen zu sprechen. Ich wollte Sie fragen, wenn wir jetzt wirklich etwas verändern wollen als Gesellschaft, wir wollen die Lage von wohnungslosen Menschen verbessern, wo müssen wir da ansetzen? Was steht am Anfang? 

Schreiter: Ja, da muss ich nochmal kurz nachdenken, weil ich finde immer als Gesellschaft, wer ist die Gesellschaft? Ich sehe einen Auftrag an das Versorgungssystem, sich zu verändern, flexibler zu werden, Hürden abzubauen. Wir reden immer so viel über Personalisierung der Medizin, das wirklich auch für diese Gruppen zu denken. In welchen Sprachen mache ich Angebote? Bringe ich die Angebote zu den Menschen oder müssen sie zu mir kommen? Wie trete ich Menschen gegenüber? Wie reflektiere ich Stereotype? Das ist der Auftrag an das Gesundheitssystem und uns. Ich sehe eben einen großen Auftrag an die Politik, was das Thema Wohnraum angeht. Zum einen Wohnraum generell, wie ich sagte, Healthy Housing sozusagen auch als soziale Determinante von Gesundheit zu fördern, wenn wir auch Gesundheitsprävention betreiben wollen. Wir sehen die steigenden Kosten im Gesundheitssystem. Da sehe ich einen Auftrag aber auch für besonders vulnerable Gruppen wie Menschen, die in psychischen Krisen Wohnungen verlieren, wirklich sicheren Wohnraum flexibel zur Verfügung zu stellen und für die gesamte Gesellschaft als Auftrag, dieses Thema überhaupt präsent zu haben. Wohnungslose Menschen wählen häufig zum Beispiel auch nicht. Die haben auch keine gute politische Repräsentation. Immerhin hatte sich in der letzten Legislaturperiode auch das Bundesministerium für Bauen, Wohnen und Stadtentwicklung mit einem Strategieprozess zur Beendigung von Wohnungslosigkeit bis 2030 beschäftigt. Ein sehr hehres Ziel, aber ich finde es wichtig, da auch Visionen zu haben. Da sind wir natürlich alle auch gefragt, wie wir den politischen Diskurs über Menschen mit psychischen Erkrankungen gestalten und wie wir damit umgehen, wie wir diese Diskurse führen. Das würde ich vielleicht für uns alle als Auftrag sehen. Ja, und was ich noch als Auftrag eben für die Wissenschaft sehen würde, ich bin ja sowohl wissenschaftlich als auch klinisch tätig, ist eben, dass wir, wenn wir zum Beispiel neue Modelle jetzt etablieren und wenn wir Strukturen verändern, dass wir das auch evidenzbasiert tun, dass wir schauen, was funktioniert im Ausland, dass wir aber auch Studien machen, um solche Interventionen zu begleiten, um das zu beforschen. Und da ist es ganz wichtig, auch Förderung für Forschung zu bekommen, weil es häufig viel aufwendiger ist, Studien zu machen, die solche komplexen betroffenen Gruppen oder auch Interventionen beforschen, wofür man eben auch ausreichend Zeit und Ressourcen braucht. Und das würde ich noch als Auftrag an die Wissenschaft sehen.

Röder: Vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben, mit mir über dieses wichtige Thema zu sprechen und von Ihren Erfahrungen und Ihrer Forschung zu berichten. 

Schreiter: Ja, vielen Dank. 

Röder: Und danke an Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Wenn es Ihnen gefallen hat, bewerten und teilen Sie unseren Podcast gerne. Mein Name ist Marie Röder und ich freue mich auf das nächste Mal bei AskDifferent. 

#AskDifferent, der Podcast der Einstein Stiftung. Weil Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anders fragen.