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Podcast

#AskDifferent - der Podcast der Einstein Stiftung

#AskDifferent – der Podcast der Einstein Stiftung
In der Podcast-Reihe #AskDifferent erzählen geförderte und mit der Stiftung verbundene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von den kleinen Schritten und großen Zufällen, die zu einer außergewöhnlichen Laufbahn geführt haben. Wir wollen wissen: Was treibt sie an, anders zu fragen, immer weiter zu fragen und unsere Welt bis ins kleinste Detail zu ergründen?

Stress and the City – Wann macht Stadt krank und wann tut sie gut?

Porträt Mazda Adli
Foto: Mazda Adli

#AskDifferent 50 - Stadtleben bedeutet Vielfalt, Möglichkeiten – und manchmal Stress. Unser städtisches Gehirn passt sich der urbanen Dichte an und reagiert sensibler auf soziale Reize und auf Stress. Gut dosiert kann Stress antreiben und motivieren. Wird er jedoch chronisch und überlastet uns, kann er psychisch krank machen. Doch was genau stresst uns in der Stadt? Und wie lassen sich Städte so gestalten, dass sie unsere mentale Gesundheit stärken statt belasten? In dieser Folge spricht #AskDifferent mit Mazda Adli, Stressforscher an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Gründer des Einstein-Zirkels Urban Mental Health Strategy, über Dichte- und Isolationsstress, grüne Stresspuffer, mentale Stresskarten der Stadt und die zentrale Rolle öffentlicher Räume. Eine Folge für alle, die Stadt leben – und besser verstehen wollen, was sie mit uns macht.

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Intro: Wenn wir in der Stadt leben, in der Betriebsamkeit, in der Dichte der Stadt zurechtkommen müssen, dann ist es ja auch richtig so, dass unsere Stressantennen empfindlicher eingestellt sind und dass wir, um mit dieser Umgebung eben auch besser umzugehen. Aber diese empfindlicher eingestellten Stressantennen können gleichzeitig zu Eintrittspforten für psychische Erkrankungen werden, nämlich genau dann, wenn noch weitere Risikofaktoren hinzukommen. #Ask Different, der Podcast der Einstein Stiftung. Warum Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anders fragen.

Marie Röder: Heute mit Marie Röder. Schön, dass Sie zuhören. Die einen lieben das Stadtleben, dazu gehöre zum Beispiel ich, die anderen sind schon nach einem halben Tag komplett durch vom Lärm, von den Menschen und dem ganzen Gewusel. Fakt ist, rund drei Viertel der Menschen in Deutschland leben in Städten und weltweit gibt es auch immer mehr Stadtbewohner:innen. Umso wichtiger ist die Frage, was macht das Stadtleben eigentlich mit unserer Psyche und wie können wir Städte so gestalten, dass sie uns weniger stressen? Mein Gast heute ist Mazda Adli, Psychiater, Professor an der Charite, Mitbegründer der Neurourbanistik und bekennender Stadtliebhaber. Willkommen, Herr Adli. 

Mazda Adli: Hallo und guten Tag. 

Röder: Sie haben ja schon 2017 ein Buch geschrieben mit dem Titel „Stress and the City - Warum Städte uns krank machen und warum sie trotzdem gut für uns sind“. Wie sind Sie eigentlich bei diesem Thema gelandet, also Stadt und Psyche? Gab es da irgendwie einen Moment, wo Sie gesagt haben, das will ich mir mal genauer angucken? 

Adli: Ja, in der Tat liegt es nicht unbedingt auf der Hand, dass man sich als Arzt und Psychiater mit Städten beschäftigt. Ich habe mich mit Stressforschung auseinandergesetzt und mit den Faktoren, die unsere individuelle Stressempfindlichkeit verändern. Und in der Beschäftigung mit diesem Thema stieß ich irgendwann auf den Faktor Stadtleben als etwas, was offenbar, wenn man den Hinweisen folgt, die Stressempfindlichkeit unseres Gehirns verändern kann. Und damit einen Einfluss darauf nehmen kann, wie groß oder wie klein die Wahrscheinlichkeit für bestimmte stressabhängige psychische Erkrankungen ist. 

Röder: In dem Titel von Ihrem Buch, ich sage ihn jetzt nochmal „Stress and the City - Warum Städte uns krank machen und warum sie trotzdem gut für uns sind“, da hört man ja schon so eine Ambivalenz raus. Also einerseits sind Städte super attraktiv, alles ist fußläufig zu erreichen, der Supermarkt, Ärzt:innen, es gibt ein tolles Kulturangebot. Und andererseits kann Stadtleben auch krank machen, das haben Sie ja gerade schon gesagt. Ist es denn wirklich so, dass Menschen, die in Städten leben, häufiger schwere psychische Erkrankungen haben, wie jetzt zum Beispiel Angststörungen oder Schizophrenie? 

Adli: Das ist so, zumindest in den Ländern des globalen Nordens. Wir haben ein um das Anderthalbfache erhöhte Risiko für Depressionen zum Beispiel. Das Risiko für die Schizophrenie ist sogar doppelt so groß, wenn man in einer Stadt lebt. Und es gibt für die Schizophrenie sogar ein doppeltes Dosis-Wirkungsverhältnis für Stadtleben einerseits und Schizophrenierisiko im Erwachsenenalter andererseits. Nämlich, je größer die Stadt ist, in der man aufgewachsen ist, entscheidend sind hier offenbar die ersten 15 Lebensjahre, und je mehr dieser ersten 15 Lebensjahre man in einer Großstadt verbracht hat, desto größer ist später das Schizophrenierisiko. Und diese Dosis-Wirkungsverhältnisse sprechen schon, weisen schon auf eine gewisse kausale Beziehung zwischen beidem, also Stadtleben und Schizophrenierisiko. Aber wie genau und worüber genau dieses Risiko vermittelt wird, das ist in der Tat Gegenstand von Forschung.

Röder: Wenn ich jetzt so an dieses Wort Stress denke, also es ist natürlich erst mal negativ, aber es gibt auch eine Art von positivem Stress oder normalem Stress. Also wo verläuft denn da so eine Grenze zwischen, sag ich mal, belebendem Stadtstress und dem Punkt, an dem Stress wirklich krank macht? 

Adli: Stress ist zunächst mal etwas, was zu unserem gesunden Leben dazugehört. Ein Leben ohne Stress wäre ehrlich gesagt gar kein schönes Leben, weil uns Stress stimuliert, weil uns Stress auch Motivation verleihen kann, weil Stressspitzen manchmal sogar einen Thrill haben, irgendwie Spaß machen. Manche Menschen suchen ja geradezu sozusagen nach kleinen Stresspunkten. Aber solange es immer nur so begrenzte und kontrollierbare Stressspitzen sind, wie man sie zum Beispiel bei einem Wettkampf oder einem Wettbewerb oder einem Quizspiel meinetwegen erlebt, ist alles gut und macht uns vielleicht auch Freude. Stress wird dann zum Problem und dann gesundheitsrelevant, wenn wir ihn nicht mehr abschalten können, wenn wir das Gefühl haben, wir haben ihn nicht unter Kontrolle. Wenn der Stress also chronisch wird, zum Dauerstress wird und wenn er als unvorhersehbar und unbeeinflussbar erlebt wird. Das sind so die Insignien von toxischem Stress. Der Stress, den wir wiederum in der Stadt in Verdacht haben, toxisch zu sein, das ist chronischer sozialer Stress.

Röder: Sozialer Stress, was genau meinen Sie damit? Geht es da um Enge, um Konflikte, die man vielleicht mit Nachbar:innen hat oder ist es vielleicht auch ein Thema von Einsamkeit in der Stadt? Was meinen Sie mit sozialem Stress? 

Adli: Sozialer Stress ist diejenige Stressform, die aus der Interaktion von Menschen oder auch dem Zusammenleben von Menschen, vor allen Dingen auf begrenztem Raum, entstehen kann. Wir haben zwei Unterformen von sozialem Stress besonders im Visier in der Neurourbanistik. Das ist einerseits Dichtestress, soziale Dichte, und andererseits Isolationsstress, also Einsamkeit zum Beispiel. Dichtestress entsteht dann, wenn es zum Beispiel an Rückzugsraum fehlt, wenn wir nicht die Möglichkeit haben, uns auch mal von der Betriebsamkeit der Stadt zu entfernen, wenn wir keine Tür haben, die wir auch wirksam hinter uns mal zumachen können, um uns zu regenerieren, wenn man das Gefühl hat, der Masse ausgeliefert zu sein. Dann kann Dichtestress entstehen. Und Isolationsstress entsteht dann zum Beispiel, wenn man mit der Anonymität der Stadt nicht klarkommt, wenn man also Einsamkeit erlebt oder auch wenn man aktive soziale Ausschlusserfahrung macht. Also auch aus dem Mangel von Interaktionen kann sozialer Stress entstehen. 

Röder: Sie haben jetzt gerade schon Neurourbanistik angesprochen. Sie haben dieses Feld mitbegründet und arbeiten ja im Einstein-Zirkel Urban Mental Health Strategy zur mentalen Gesundheit in Städten. Das ist interdisziplinär auch angelegt. Welche Erkenntnis zeigt denn am deutlichsten, wie stark das Stadtleben unser Stresssystem prägt? 

Adli: Es gibt verschiedentlich Hirnbildgebungsbefunde, also neurowissenschaftliche Forschung, die zeigt, dass Stadtleben die Stressempfindlichkeit in stressverarbeitenden Hirnregionen verändern kann. 2011 gab es so eine erste wegweisende Studie aus Mannheim, die zeigte, dass die Aktivität in der Amygdala, dem Mandelkern, also eine wichtige stressverarbeitende Hirnregion, dass die umso größer ist, je größer die Stadt ist, in der eine Versuchsperson lebt. Und die Aktivität in einem anderen stressverarbeitenden Areal, dem vorderen singulären Cortex, wird größer mit der Größe der Stadt, in der jemand aufgewachsen ist. Solche Befunde gibt es, die zeigen, dass offenbar Stadtleben die Empfindlichkeit unserer Stressantennen, wenn man so will, verändert. Also wer in der Stadt lebt oder wer in der Stadt aufgewachsen ist, hat aktivere, responsivere Stressverarbeitung im Gehirn. Und was eben auf empfindliche, eingestellte Stressantennen hinweist und evolutionär gesehen, ist es ja auch total sinnvoll, wenn unser Gehirn schneller, aktiver, stärker reagiert auf soziale Signale. Diese Stressantwort findet man im Übrigen ganz speziell auch innerhalb von sozialen Stresstests, da zeigt sich eben diese höhere Empfindlichkeit. Wenn wir in der Stadt leben, in der Betriebsamkeit, in der Dichte der Stadt zurechtkommen müssen, dann ist es ja auch richtig so, dass unsere Stressantennen empfindlicher eingestellt sind. Und dass wir, um mit dieser Umgebung eben auch besser umzugehen. Aber diese empfindlicher eingestellten Stressantennen können gleichzeitig zu Eintrittspforten für psychische Erkrankungen werden, nämlich genau dann, wenn noch weitere Risikofaktoren hinzukommen, wie zum Beispiel ein genetisches, ein soziales, ein psychologisches. 

Röder: Wie messen Sie denn überhaupt Stadtstress? Also wie kann man belegen, dass, Sie haben jetzt vorhin diesen Dichtestress oder Isolationsstress angesprochen: Wie können Sie messen, dass das unser Stresssystem in der Stadt beeinflusst? 

Adli: Stress misst man üblicherweise, indem man danach fragt. Weil das Gefühl von Gestresstheit natürlich etwas sehr Subjektives ist und es gibt standardisierte Möglichkeiten, danach zu fragen. Und das machen wir genau so auch. Und dann gibt es natürlich die Möglichkeit, stressabhängige Reaktionen im Körper nachzumessen. Ich habe gerade schon bildgebende Verfahren erwähnt. Dafür verwendet man üblicherweise funktionelle Kernspintomographie, bei der man eine Versuchsperson unter Laborbedingungen, also im Scanner, unter Stress setzt – ich kann auch gleich erklären, wie man das macht – und gleichzeitig misst, welche Hirnregionen dabei wie antworten. Das ist sozusagen eine Möglichkeit, die Stressantwort darzustellen. Dann kann man natürlich auch die hormonelle Reaktion des Körpers auf Stress nachmessen. Indem man das Stresshormon Cortisol beispielsweise misst. Das kann man sowohl im Blut als auch im Speichel nachmessen. Das ist ebenfalls in der Forschung ein etabliertes Verfahren. Aber das sind dann eben schon eher Stressreaktionen des Körpers. Und die subjektive Stresserfahrung, die messen wir, indem wir eben danach fragen. 

Röder: Sie fragen ja auch danach mittels einer sogenannten Citizen-Studie. Es gibt da eine App, die habe ich mir mal diese Woche runtergeladen, die nennt sich Urban Mind. Und da können Stadtbewohner:innen quasi selbst zu Stressforscher:innen werden. Sie beantworten quasi Fragen mehrmals täglich, wie hoch das Stressempfinden ist. Was zeigen denn die bisherigen Ergebnisse? 

Adli: Das ist eine Citizen-Science-Studie, also eine bürgerwissenschaftliche Studie, bei der wir alle Menschen, die hier in Berlin entweder leben oder sich eine Weile aufhalten, einladen, eben selber zu Forschenden zu werden. Und dabei messen wir Stress, indem wir danach fragen. Aber auch andere Emotionen, natürlich auch positive Emotionen. Wir fragen aber auch nach Einsamkeit und so weiter, um daraus so etwas wie eine Emotionskarte Berlins zu entwickeln. Wenn wir über Stress nachdenken, dann geht es zum Beispiel dann natürlich um eine Stresskarte Berlins. Die Studie läuft noch. Sie wird von der Berlin University Alliance gefördert im Rahmen der Grand-Challenges-Initiative, sodass wir bisher vor allen Dingen vorläufige Ergebnisse haben. Wir starten jetzt in diesen Wochen gerade eine neue Version unserer Forschungs-App, die es noch ein bisschen attraktiver macht, die noch ein bisschen mehr Spaß macht. Weil das Ganze ja auch Spaß machen soll und motivieren soll, daran teilzunehmen. Und was wir bisher so darstellen können, sind sozusagen die Anfänge einer Stresskarte. Man sieht zum Beispiel, wie sich bestimmte Stress-Hotspots über der Stadt, zum Beispiel der Alexanderplatz, über den Tag auch verändern. Also wir haben morgens eine richtig schwere Stresswolke über dem Alexanderplatz hängen, um dieses Beispiel mal zu nennen. Und über Mittag lichtet sich das schon. Und abends merkt man, ist es, zumindest was Stress angeht, dann sehr viel ruhiger und offenbar irgendwie relaxter an diesem Ort. Das sieht so wirklich aus wie so eine Wetterkarte, die sich eben über den Tag verändert. Dann haben wir auch allerdings Faktoren, die eher mit niedrigeren Stresswerten typischerweise einhergehen, die möglicherweise also dem Stress entgegenwirken. Wie das jetzt kausal zusammenhängt, kann man noch nicht sagen. Aber Menschen, die den Ort, an dem sie sind, als schön empfinden, geben eher niedrigere Stresswerte an. Warum auch immer dieser Ort als schön empfunden wird, das können wir gar nicht sagen. Danach fragen wir auch nicht. Aber das Gefühl von Schönheit geht mit niedrigeren Stresswerten einher. Aber auch, wenn man die Umgebung, in der man sich befindet, als interessant empfindet, auch das geht mit niedrigen Stresswerten einher. Den Ort als interessant zu empfinden, das heißt so viel wie, man hat Lust, sich näher auf diesen Ort einzulassen, sich umzugucken. Es gibt irgendwie eine Stimulation, sich dort auch eher aufzuhalten. All das ist möglicherweise ein Stresspuffer. Ja, und dann ist wenig überraschend das Gefühl von Sicherheit auch mit niedrigeren Stresswerten verbunden. Auch das finden wir in unseren Befunden. Und das sind schon mal erste Hinweise, die zeigen, dass wir so mit unseren Annahmen zum sozialen Stress nicht ganz falsch gelegen haben.

Röder: Ich habe noch von einem anderen Faktor gelesen in der Vorbereitung auf diese Folge. Und zwar beschreiben Sie auch, dass Migration einen Einfluss auf das Stresserleben von Personen haben kann. Können Sie das mal erläutern? 

Adli: Migration ist ja, und eine Migrationsgeschichte kann einen Risikofaktor für soziale Ausschlusserfahrung haben. Dann, wenn man zum Beispiel sprachliche oder kulturelle Hürden zu überwinden hat, um am Stadtleben teilzuhaben. Und damit das soziale Isolationsrisiko vergrößern. Dass wir in unserer laufenden bürgerwissenschaftlichen Studie fehlende Zugehörigkeit als einen Faktor finden, der mit hohen Stresswerten korreliert, spricht schon für die Relevanz des Faktors Zugehörigkeit. Und der kann natürlich bei Menschen mit Migrationshintergrund niedriger sein aus nachvollziehbaren Gründen als bei deutschstämmigen Personen. Und es gibt eine mittlerweile zehn Jahre alte Studie aus unserem Kreise, aus der Klinik für Psychiatrie am Campus Mitte der Charité, die sich die psychische Verfassung mal in den beiden klassischen Arbeiterbezirken Wedding und Moabit angeschaut hat. Und dort separat für türkeistämmige und vermeintlich deutschstämmige Personen getrennt und findet gerade bei den türkeistämmigen Menschen, dass die Armut in der Nachbarschaft besonders stark korreliert mit hohen Stresswerten. Übrigens noch viel deutlicher als die eigene Armut, die kaum ein messbares Signal produzierte. Aber die Armut in der Nachbarschaft korrelierte also sehr stark mit hohen Stresswerten. Und diesen Zusammenhang hat man bei deutschstämmigen nicht so deutlich und zumindest nicht in signifikanter Form finden können. Also der Faktor Migration macht uns unter bestimmten Bedingungen stressanfälliger. Und dazu passend gibt es auch mittlerweile eine ganze Reihe von Studien, die ein erhöhtes psychisches Erkrankungsrisiko bei Menschen mit Migrationshintergrund in Städten zeigen. Das ist zum Beispiel gerade in London besonders gründlich untersucht worden. Sie fragen ja nach anderen Faktoren, die noch auf die Stressempfindlichkeit unseres Gehirns einzahlen. Und da finden wir in der Tat auch aus Vorgängeruntersuchungen verschiedene Umweltfaktoren, über die ich jetzt auch noch erzählen kann, wenn Sie das möchten. 

Röder: Sehr gerne. 

Adli: Wir haben vor einigen Jahren eine Gruppe von Berliner Versuchspersonen, gesunden Versuchspersonen im Scanner mit funktioneller Kernspintomographie untersucht und sie dort künstlich unter sozialen Stress gesetzt, so ähnlich wie das diese Mannheimer Studie gemacht hat, die ich vorhin erwähnte. Und haben uns dann angeschaut, welche Rolle verschiedene Umweltfaktoren am Wohnort dieser Menschen spielen. Ich kann Ihnen an der Stelle mal erzählen, wie man das eigentlich macht, Stress auslösen im Scanner. Das ist ja gar nicht so einfach, während man in so einer Röhre liegt. Wir geben den Menschen manipulierte Kopfrechenaufgaben zu lösen, die aber so manipuliert sind, dass sie kaum lösbar sind. Das wissen die Versuchspersonen aber nicht. Und dazu gibt es dann auch noch kontinuierlich negatives Feedback durch die Versuchsleitung. Das heißt, man schüttelt den Kopf sichtbar. Die Versuchspersonen können uns auch sehen durch so eine Art Spiegelvorrichtung in der Röhre. Man schüttelt den Kopf, die Versuchsleiter vergraben das Gesicht in den Händen und drücken also irgendwie negative Beurteilungen aus. Oder man gibt Hinweise, zum Beispiel derart, können Sie sich bitte ein bisschen beeilen, können Sie versuchen, genauer und richtiger zu rechnen, diese Versuchsanordnung. 

Röder: Man spürt den Stress schon hier gerade, wenn Sie das nur erzählen. 

Adli: Genau. Diese Experimente sind alle sehr teuer. Und wenn Sie nicht ein bisschen besser rechnen, können wir es gar nicht auswerten. So löst man künstlich sozialen Stress aus. Diese Experimente sind übrigens alle von der Ethikkommission abgenommen und die Versuchspersonen werden natürlich anschließend auch gründlich debrieft. Also keine Sorge. Aber es ist ein sehr valides Mittel, um sozialen Stress auszulösen und gleichzeitig zu gucken, wie das Gehirn dabei reagiert. Nun haben wir uns dafür interessiert, wie viele Grün, also Grünflächen, unsere Versuchspersonen um ihre eigene Wohnadresse hatten. Und wir finden, dass sich relevante, stressverarbeitende Hirnareale im präfrontalen Cortex, also in der Hirnrindenregion, in der Emotionen und Stress reguliert werden, also wenn man so will, auch abgepuffert werden, dass die Aktivität hier besser war, stärker war, größer war, je mehr Grünfläche die Versuchspersonen um sich herum hatten. Und zwar noch in anderthalb Kilometer – und teils darüber hinaus – Entfernung um die eigene Wohnadresse. Da sind Grünflächen dabei, von denen weiß man gar nichts. Und die aber trotzdem offenbar sich auswirken. Wir sehen eine sehr lineare Korrelation zwischen dem prozentualen Anteil von Grünfläche in diesem Radius um die eigene Adresse und der Aktivität in den genannten stressverarbeitenden Hirnregionen. Und genau das umgekehrte Verhältnis finden wir mit der Feinstaubbelastung am Wohnort. Je größer die Belastung mit Feinstaub ist, und das gilt vor allen Dingen für den ganz kleinkörnigen Feinstaub PM2,5, desto weniger aktiv sind stressverarbeitende Hirnregionen. Man könnte also vielleicht das so interpretieren, dass da die Stresspufferfunktion eher runtergefahren ist. Also das ist eine mögliche Interpretation dieser Daten. 

Röder: Jetzt haben wir quasi sehr viel auf die Probleme geschaut oder die Faktoren, die Stress auslösen. Ich will ein bisschen mit Ihnen zu einem Lösungsansatz kommen. Also wie könnten eigentlich unsere Städte so aussehen, dass Menschen, die darin wohnen, weniger gestresst sind? Sie hatten gerade schon Grünflächen angesprochen. Und es geht auch sehr viel um ein Gefühl von Zugehörigkeit. Wie könnten denn Städte dieses Problem besser angehen? 

Adli: Ich will nochmal klarstellen, es geht vor allen Dingen darum, chronischen Stress, also Dauerstress möglichst zu minimieren. Also der Stress, den man sich nicht erwehren kann, den man irgendwie nicht abschalten kann, den man nicht gut unter Kontrolle hat. Und der vor allen Dingen eben in die Kategorie sozialer Stress gehört. Wenn unsere Annahmen zum sozialen Stress als gesundheitsrelevanter Faktor in der Stadt zutreffen, und dafür spricht im Moment eine ganze Menge, dann muss es uns darum gehen, das Gefühl von unkontrollierbarer sozialer Dichte herunterzufahren. Einerseits. Und andererseits das Risiko für soziale Isolation, gerade in denjenigen Gruppen, die dafür ein größeres Risiko haben, zu reduzieren. Und dazu kann man sagen, gibt es natürlich einerseits Konsequenzen, zum Beispiel für den Wohnungsbau, weil ich dafür sorgen muss, dass Gebäude, dass Wohnungen einfach so auf einem qualitativen Niveau errichtet werden, dass zum Beispiel Fenster, Türen, Wände ausreichenden Schutz bieten vor Lärm, vor Geräuschen und anderen Einflüssen, dass Menschen ausreichend Wohnraum haben, dass möglichst jede Person irgendwie auch einen eigenen Schutzraum, einen eigenen Rückzugsraum vorfindet. Und es gibt natürlich eine ganze Reihe von Konsequenzen für die Stadtplanung, die aus der Sozialstresshypothese erwachsen. Ich muss zum Beispiel für ausreichend guten öffentlichen Raum sorgen, der dazu stimuliert, vor die eigene Haustüre zu treten, der dafür sorgt, dass Menschen miteinander in Kontakt kommen und damit sozialer Isolation entgegengewirkt wird. Öffentlicher Raum ist sozialer Raum und sorgt dafür, dass Menschen miteinander kooperieren, dass sowas wie soziale Kohäsion entstehen kann. Dazu gehören aber auch eben Grünflächen, die zusätzlich eben noch diesen Grüneffekt mit sich bringen. Und ja, öffentlicher Raum ist ein Antidot, also ein Gegengift gegen sozialen Stress in der Stadt. Und dafür muss ich sorgen. 

Röder: Wir haben ja vorhin schon ganz kurz angesprochen, Sie sind im interdisziplinären Einstein-Zirkel Urban Mental Health Strategy. Woran genau arbeitet dieser Zirkel? 

Adli: Aufgabe ist es, bis 2027 eine Strategie vorzulegen, die der Stadtplanung, die Stadtpolitik, die Akteuren, die die Stadt gestalten, aber auch Bürgerinnen und Bürgern Empfehlungen an die Hand gibt zur Gestaltung, aber auch zur Belebung der Stadt, die auf Erkenntnissen der Neurourbanistik aufbauen. Dabei gilt es eben, eine Strategie zu haben, die für psychische Gesundheit der Stadtbevölkerung sorgt. Wichtig dabei ist, dass diese Empfehlungen transdisziplinär entstehen. Das heißt also, im Schulterschluss der verschiedenen Disziplinen, die unter dem Dach der Neurourbanistik vereint sind. Das ist neben der Medizin, zu der ich gehöre, und der Psychologie, den Neurowissenschaften, sind es die stadtforschenden Disziplinen, Sozialwissenschaften, bis hin zu Biologie, Geografie, Philosophie. Und damit wollen wir eben dafür sorgen, dass wir in unseren wachsenden Städten, die ja offenkundig ein höheres Risiko für bestimmte psychische Erkrankungen haben, eben auch eine Strategie haben, um dem entgegenzuwirken, zum Schutz der urbanen Bevölkerung. Damit am Ende der Segen des Stadtlebens, das Urban Advantage, möglichst allen Stadtbewohnerinnen und -bewohnern zuteil wird. 

Röder: Wir müssen leider schon zum Ende kommen. Ich würde Sie aber gerne zum Schluss noch fragen, was ist denn Ihr Lieblingsort in Berlin, wenn Sie selbst Stress abbauen wollen? 

Adli: Also es gibt eine Reihe von Theatern in der Stadt, die ich für mein psychisches Wohlbefinden brauche. Ich bin jemand, der dem kulturellen Reichtum der Stadt sehr viel abgewinnen kann. Ich finde übrigens, gerade Kulturräume sind übrigens soziale Räume, die dafür sorgen, dass Menschen vor die eigene Haustüre treten, dass sie zum Beispiel auch gemeinsame emotionale Erfahrungen machen, auch mit Menschen, die sie gar nicht kennen. Aber das ist etwas, was soziale Kohäsion und Zugehörigkeit spendet und ebenfalls aus meiner Sicht zu den Antidots gegen sozialen Stress gehört. Für mich sind die Theater dieser Stadt, und ich habe das Glück, nicht so weit weg zu wohnen von einigen, ganz, ganz, ganz relevant. Und ich versuche da auch ein regelmäßiger Besucher zu sein. Aber es gibt zum Beispiel auch einen schönen Park in der Nähe meiner Wohnung. Der ist gar nicht so vielen Menschen bekannt. Ein kleines Paradies inmitten des innerstädtischen Gewusels. Auch das ist so ein kleiner Lieblingsort. 

Röder: Vielen Dank dafür und danke für den Einblick in Ihre Forschung. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen, stressfreien Tag, Herr Adli.

Adli: Vielen Dank, Ihnen auch. 

Röder: Wenn Ihnen dieser Podcast gefällt, bewerten und teilen Sie ihn gerne. Mein Name ist Marie Röder und ich freue mich auf das nächste Mal bei #AskDifferent.