Lassen sich mentale Krankheiten durch Prävention vermeiden?

Antwort von Malek Bajbouj
Mentale Erkrankungen zählen heute zu den häufigsten Volkskrankheiten: Allein von Depressionen und Angststörungen ist jeder siebte beziehungsweise jeder fünfte Mensch betroffen. Deshalb gibt es einen riesigen Bedarf, diese Erkrankungen nicht nur zu behandeln, sondern sie möglichst zu verhindern. Studien zeigen, dass dies bei bis zu einem Drittel der Fälle gelingen könnte.
Natürlich lassen sich nicht alle psychischen Erkrankungen gleichermaßen vorbeugen; eine Psyochose beispielsweise bedarf ganz individueller Maßnahmen. Doch gibt es „unmedizinische“ Grundpfeiler, die fast immer helfen: Bewegung, soziale Kontakte, gesunde Ernährung, Zeit in der Natur. Auch Stress gilt es frühzeitig zu erkennen und ernst zu nehmen. Jeder Mensch hat dabei eigene Warnzeichen, etwa Schlafstörungen, Bauchschmerzen oder unreine Haut. Im besten Fall funktioniert Prävention wie in der Zahnmedizin: So wie Fluoridprophylaxe Karies vorbeugt, sollten auch der Umgang mit Stress und Wissen über mentale Gesundheit bereits in der Schule vermittelt und im Alltag umgesetzt werden – lange bevor erste Symptome auftreten.
In Sachen Prävention können wir viel aus dem Ausland lernen: In Skandinavien gibt es niedrigschwellige psychosoziale Beratungsstellen, in Ländern wie der Ukraine kommen ganz selbstverständlich Apps oder Onlineprogramme zum Einsatz. Auch hierzulande steckt viel Potenzial in digitalen Angeboten, weil sie Menschen erreichen können, die keinen Zugang zu persönlicher therapeutischer Hilfe haben oder mit langen Wartelisten konfrontiert sind. In den nächsten Jahren wird es wahrscheinlich noch mehr digitale und KI-gestützte Angebote geben, die Menschen dabei unterstützen, psychisch gesund zu bleiben – zum Beispiel Programme, die Stresssymptome regelmäßig erfassen, über Symptome informieren oder maßgeschneiderte psychotherapeutische Übungen digital anleiten.
Experte
Malek Bajbouj ist Einstein-Professor für Psychiatrie und Affektive Neurowissenschaften an der Charité – Universitätsmedizin und Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte. Er trägt mit seiner Arbeit wesentlich zu Fortschritten in den Bereichen Präzisionspsychiatrie, Gesundheitsversorgungsmodelle und globale psychische Gesundheit bei.
März 2026

