Für die Wissenschaft. Für Berlin.

Leuchtfeuer

Große Städte regen den Forschungsgeist an. In ihnen steigern sich wissenschaftliche, industrielle und kulturelle Funktionen wechselseitig. Ein Essay über die Stadt als Erkenntnisraum.

Die große Stadt ist eine frühe und dauerhafte Errungenschaft der gesellschaftlichen Evolution. Es gibt sie seit mehr als fünftausend Jahren. In Mesopotamien entstanden die ersten Siedlungen, die man Städte nennen kann. Nicht nur, weil sie sich, anders als Dörfer, aus einem Hinterland versorgten, weil also der Siedlungsraum nicht in erster Linie der Ernährung diente. Vielmehr veränderte sich die Gesellschaft durch Städte, weil sie Ressourcenknappheit nicht durch Abwanderung der Hungrigen, sondern durch technologischen Fortschritt und Ausdehnung ihres Gebiets kompensierten. In der großen Stadt wird gewissermaßen das ökologische Problem des Bevölkerungswachstums selbst zur Lösung. Die soziale Verdichtung kulturell heterogener Gruppen erlaubte Arbeitsteilung, Rollentrennung, Organisation und Handel. Auf die Entstehung der Stadt folgten die Erfindung der Schrift, des systematisierten Rechts, der Staatlichkeit und des epischen Erzählens sowie des Biers.

 

Gegenwärtig nimmt die urbane Weltbevölkerung pro Woche um etwa eine Million Menschen zu. Die entsprechenden Probleme, was ihren Energiebedarf, ihre Kriminalität, ihre Müllproduktion oder ihren Schadstoffausstoß und die Gesundheit ihrer Einwohner angeht, sind bekannt. Von den Schwierigkeiten ihrer Verwaltung ganz zu schweigen. Das alles aber mindert die Attraktionskraft der großen Stadt nicht, und wenn der neue Flughafen noch so lange auf sich warten lässt.

 

Das Besondere an Städten ist nämlich, dass sie nicht nur Fragen aufwerfen, sondern dass die Antworten darauf, wenn überhaupt, vermutlich ebenfalls nur in Städten gefunden werden können. 

Städte sind seit jeher Problemlösungsmaschinen. Sie erzeugen in einem fort Bedürfnisse, Ärgernisse, Konflikte und neue Möglichkeiten, die ergriffen werden.

Und sie erzeugen in einem fort experimentelle Umgangsweisen mit dieser Unruhe, von denen einige sich durchsetzen und verbreiten.

Woher kommt das? Städte sind Räume, deren Bewohner einander nicht alle kennen können, ja nicht einmal wissen, wer alles dazugehört und was genau „dazugehören“ heißt. Denn gehören die Pendler nicht auch zu den Städten? Die Stadt hat, seitdem es Stadtbürgerschaft nicht mehr gibt, Einwohner und Benutzer, aber keine Mitglieder. Es kennt in Städten nicht einmal jeder eine Person, von der jede beliebige andere erreicht werden kann. Städte bewirtschaften also Unbekanntheit, die persönlichen Netzwerke in ihnen haben viele Löcher und viele schwache Bindungen. Schwache Bindungen aber („weak ties“) sind Voraussetzungen für einen hohen Informationsfluss, weil nur dann nicht immer Freunde Freunden erzählen, was sie von Freunden gehört haben, sondern Kommunikation Leute erreicht, die ursprünglich gar nicht als ihre Adressaten gemeint waren.

Die große Stadt führt also Fremde, Sprachgemeinschaften, kulturelle und ökonomische Unterschiede zusammen. Das war schon vor fünftausend Jahren so, und es hat den Stil des städtischen Lebens stets geprägt. Denn einander nicht zu kennen, zwingt die Bewohner von Städten seit jeher dazu, andere Vertrauensgrundlagen für ihre soziale Existenz zu finden als solche verwandtschaftlicher Natur oder der Zugehörigkeit zu einem Haushalt. In Städten fühlt sich heute wohl oder findet jedenfalls Gründe, in ihnen zu wohnen, wer damit leben kann, dass die meisten Beziehungen dort flüchtige, zweckgebundene, leistungsbezogene und unpersönliche, gefühlsneutrale Beziehungen sind. Man stellt sich darauf ein, dass es hier nicht viel bringt, wenn man nur seinen Namen nennt. Die große Stadt hat in diesem Sinne keine Honoratioren und kein Zentrum, das man nur besetzen muss, um fraglose Bedeutung beanspruchen zu können. Jede Bedeutung muss in ihr erarbeitet werden. Städte bringen darum, wie der Soziologe Georg Simmel aufgrund seiner Berliner Großstadterfahrung als Erster formuliert hat, eine sachlich-kognitive Erwartungshaltung ihrer Bewohner hervor. Im Dorf oder in der Burg herrschen affektive Beziehungen, die Bewohner unterscheiden stark, wer dazugehört und wer nicht, zwischen Freund und Feind. Demgegenüber machen Berliner oder Münchner, die oder sogar deren Eltern dort ebenfalls geboren wurden, im Gespräch besonders darauf aufmerksam – weil ein „echter“ Berliner oder Münchner zu sein, eben ein Sonderfall ist. Wer im urbanen Gegenüber zumeist nicht den Verwandten, Bekannten und lange Vertrauten ansprechen kann, neigt in der Kommunikation dazu, stattdessen sachliche Anknüpfungspunkte in den Vordergrund zu stellen: Interessen, Konkurrenzen, geteilte Beobachtungen.

Diese Sachorientierung der großen Stadt, die mitunter als ihre Ruppigkeit oder Unverbindlichkeit empfunden wird, beruht jedoch nicht nur auf dem Mangel an wechselseitiger Kenntnis ihrer Bewohner. Sie hat auch ökonomische Gründe. Die große Stadt ermöglicht einerseits Arbeitsteilung in dem Sinne, dass in ihr genügend Leute da sind, damit durch eine Zerlegung wichtiger Produktionen in einzelne Arbeitsschritte die Vorteile von Spezialisierung verwirklicht werden können. Die große Stadt treibt andererseits durch Konkurrenz die Suche nach Nischen und damit alle möglichen Tätigkeiten hervor. In Dörfern gibt es keine Endokrinologen, Verbraucherschutzzentralen, Lacrosse-Vereine oder Kanzleien für Urheberrecht. In der großen Stadt hingegen gibt es an beruflichen Angeboten alles, was es überhaupt gibt. 

Die Stadt ist insofern ein Ort, an dem mehr als andernorts Handeln auf besonderem und neuem Wissen gründet.

Die Physiker Christian Kuhnert, Dirk Helbing und Geoffrey West haben das Wachstum großer Städte untersucht. Ausgegangen sind sie dabei von der biologischen Gesetzmäßigkeit, dass der Energiebedarf von Organismen „sublinear“ mit ihrem Körpergewicht zusammenhängt: Organismen, die doppelt so groß sind wie andere, bedürfen nur 75 Prozent mehr Energie. Es lohnt sich also, groß zu sein. Was die Zahl der Tankstellen in Städten angeht, konnten die Forscher analoge Kurven zeichnen: Je größer die Stadt, desto weniger Tankstellen pro Kopf – nur 85 Prozent mehr bei doppelter Größe – waren nötig, um sie zu versorgen. Dasselbe gilt für die Länge der Straßen, der elektrischen Kabel und der Wasserleitungen.

 

Es gilt aber nicht für alle Eigenschaften von Städten, wie ein Team um den portugiesischen Physiker Luís Bettencourt herausgefunden hat. Die Höhe der Löhne in großen Städten, die Zahl der Innovationen, die sie hervorbringen, die Zahl der Schulen, der Restaurants, der ansteckenden Krankheiten und der Verbrechen pro Einwohner verhalten sich anders. Hier nehmen die entsprechenden Werte „supralinear“ mit der Größe der Städte zu. Verdoppelt sich die Einwohnerzahl einer Stadt, wachsen die entsprechenden Kennziffern um 15 Prozent. Das so der Wissenschaftshistoriker Steven Johnson in seiner Geschichte der Innovation („Wo gute Ideen herkommen“, dt. 2013), „legt die provokative Schlussfolgerung nahe, dass der Durchschnittsbürger einer Fünfmillionenstadt fast dreimal kreativer ist als der Durchschnittsbürger einer Stadt mit 100.000 Einwohnern“. Und fast dreimal krimineller.

 

Die Gründe dafür liegen in der besonderen Art des Städtewachstums. Große Städte wachsen nicht nur endogen durch die Vermehrung der eigenen Bevölkerung, sondern vor allem durch Zuzug. Wer in die große Stadt zieht, tut es mit dezidierten Absichten, auf der Suche nach Arbeit, Bildung oder einem Milieu, in dem der eigene Individualismus relativ ungestört verwirklicht werden kann. In Berlin beispielsweise gibt es 170.000 Studenten – das sind mehr, als Ludwigshafen oder Leverkusen Einwohner haben. Zählt man die etwa 40.000 Beschäftigten der Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen hinzu, sind wir schon bei Städten wie Erfurt oder Mainz und haben die Mitarbeiter von Forschungsabteilungen in der Privatwirtschaft noch gar nicht mitgezählt.

 

Bei etwa 14.000 Abiturienten pro Berliner Jahrgang liegt es auf der Hand, dass auch die meisten Studierenden zugezogen sind. Und man darf vermuten, dass die Motive dafür nicht nur in den Universitäten, sondern auch im urbanen Leben zu suchen sind. „Öffne, o öffne die Tür nicht / Sondern / Verwisch die Spuren!“, heißt es in Brechts „Lesebuch für Städtebewohner“, das auf seinen Erfahrungen im Berlin der 1920er und 1930er Jahre beruht. 

Große Städte, könnte man weniger konspirativ formulieren, stellen es jedem frei, wem er sich wie zu erkennen geben will.

Sie begünstigen insofern nicht nur berufliche Spezialisierung, sondern Minderheiten und Mikromilieus aller Arten. Sie befördern generell Eigensinn. Der erste Rektor der Berliner Universität, der Philosoph Fichte, sah im Studium überhaupt einen Akt, sich aus Herkünften sowohl räumlich wie mental loszureißen. Aus den Untersuchungen des amerikanischen Soziologen Claude S. Fisher wissen wir, dass Großstädter deshalb aber nicht zwingend einsam sind. Sie können ihre Freunde wählen und finden inmitten von Fremden für besondere Lebensformen eine ausreichende Unterstützung Gleichgesinnter.

All das kommt dem Erkenntnisgewinn zugute. Denn Wissenschaft selbst ist von einer Haltung getragen, die Interesse an Unvertrautem mit Sachlichkeit kombiniert. Wer forscht, schaut sich die Dinge – darunter auch Menschen und soziale Tatsachen – an, als seien sie unbekannt. Einerseits sehr genau, andererseits mit der Distanz, die früh im griechischen Wort „theoria“ festgehalten wurde. Wissenschaft übt verfremdende Blickweisen ein, sie ist ein Aufbruch in die Fremdheit des Naheliegenden, die sich zeigt, wenn man es nur genau genug anschaut, es mit anderem vergleicht – zum Beispiel Städte mit Organismen –, es in seine Bestandteile zerlegt, es umformt, auf den Kopf stellt, wenn man fragt, ob es durch etwas anderes ersetzt werden kann, wofür es sich nutzen lässt und so weiter.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es in Berlin zwar jene 170.000 Studenten und darüber hinaus etwa 20.000 Beschäftigte der Hochschulen gibt, und doch sind das nur etwa fünf Prozent der Einwohner Berlins. In Tübingen hingegen machen die Universitätsmitglieder etwa vierzig Prozent der Einwohnerschaft aus, in Göttingen gut ein Drittel und in Münster mehr als ein Fünftel. Lange Zeit waren Metropolen nicht unbedingt die klassischen Orte universitärer Lehre und Forschung. Es gab solche Metropolen, Paris ist vielleicht das prominenteste Beispiel. Aber Oxford und Cambridge, Heidelberg und Marburg sind eher mittlere Städte, Princeton und Stanford sind sogar Kleinstädte. In ihnen hat die Universität eine dominierende Stellung. Umgekehrt denkt niemand, der an New York, London, Washington, Amsterdam oder Stockholm denkt, zuerst an Universitäten. Nicht, weil es dort keine bedeutenden gäbe, im Gegenteil. Aber sie stehen dort neben anderen auffälligen Wissensproduzenten und wissensbasierten Unternehmungen: Häfen, Museen, Börsen, Zoos, Architekturbüros, Regierungen, Theatern, Verlagen, Industrielabors, Botschaften, Filmstudios, Medien.

Für die Stadt als Erkenntnisraum heißt das, dass sich das kognitive Potenzial der großen Städte nicht in ihren akademischen Institutionen erschöpft.

Vielmehr regen große Städte gerade durch das, was es alles sonst noch in ihnen gibt, den forschenden Geist an. Handelt es sich beispielsweise um Hauptstädte, entstehen Netzwerke der Sozialforschung und Politikberatung. Ist in großen Städten Industrie angesiedelt, entwickeln sich technologische Auftragsverhältnisse. Ist die große Stadt eine mit besonders starker Zuwanderung aus dem Ausland, entstehen Anlässe für soziologische oder ethnografische Forschungen oder für Dienstleistungen, die sich an Fremde wenden. Handelt es sich um eine Stadt, die kulturell und ökologisch attraktiv ist, bindet sie auch Leute als Einwohner, die ihrer Arbeit an ganz anderen Orten nachgehen oder jenen eigentümlich überlokalen Tätigkeiten mittels des Internets und anderer Telekommunikation ohnehin an jedem Ort nachgehen können. Das wiederum führt der Stadt Kaufkraft zu, die andernorts erwirtschaftet wurde, woraus sich wiederum ökonomische Chancen ergeben.

Dabei gilt: je diverser die Strukturen der großen Stadt, desto besser für den Erkenntnisgewinn. Mit anderen Worten: Funktionsstädte, seien es nun politische, finanzwirtschaftliche oder wissenschaftliche Funktionen, die in ihnen den Vorrang haben, schöpfen ihre Möglichkeiten nicht aus. Historisch herausragende Beispiele aus jüngerer Zeit wie etwa Wien zwischen 1890 und 1930 oder Berlin im selben Zeitraum illustrieren, dass wissenschaftliche, industrielle und kulturelle Funktionen sich wechselseitig steigern. Umgekehrt übt die große Stadt auch einen Einfluss auf die Wissenschaft aus, indem sie kontaktfreudige, auf Nützlichkeit abzielende, „ausgründbare“ Forschung begünstigt. Eine Universität wie die London School of Economics, die ursprünglich der Ausbildung einer arbeiter- und sozialreformfreundlichen Politikelite dienen sollte, hätte man 1895 in Cambridge nicht gründen können.

Bei all dem ist für Städte entscheidend, ob räumliche Nähe, kommunikative Verdichtung und Erkenntnisgewinn miteinander zusammenhängen, oder ob für die Wissensgesellschaft nur eine schnelle Internetverbindung nötig ist. Dass die Digitalwirtschaft ihrerseits einen deutlichen lokalen Herkunftsort im Silicon Valley und in der Stadtregion San Franciscos hat, scheint diese Frage sinnbildlich zu beantworten. In seiner Studie darüber, wie gute Ideen entstehen, hat Steven Johnson darüber hinaus gezeigt, dass innovationsträchtige Umgebungen ihre Bewohner dazu anregen, das Nächstmögliche zu erkunden: „Sie halten einen gewissen Vorrat an Bauteilen bereit, seien sie technischer oder konzeptioneller Art, und sie inspirieren dazu, diese Bauteile neu zu kombinieren.“ Bauteile, das können sein: Abfallprodukte, die zu Inputs werden, Einsichten, die auf anderen Gebieten gemacht wurden, Technologien oder Begriffe, die man umfunktionieren kann. Erfindungen und wissenschaftliche Entdeckungen kommen nie aus dem Nichts, sondern daraus, dass etwas als Bauteil erkannt wird. Die Inspiration, Dinge daraufhin anzuschauen, ob sie materielle oder gedankliche Bauteile sind, kommt aus der Freiheit zum Experiment und aus kostengünstigen Räumen für Experimente, aus der Unruhe und aus dem Ungenügen. Auf Sylt und in St. Tropez ist nicht sehr viel, in Todtnauberg nicht sehr viel Gutes erfunden worden. Ungemütlichkeit fördert die Erkenntnis. Darin könnte eine gute Botschaft für Berlin stecken.

 

Text: Jürgen Kaube

Foto: Earth at Night (NASA)