Für die Wissenschaft. Für Berlin.

V / X Das Berlin der Zukunft braucht ...

… entgrenzte Sichtweisen

Die Literaturwissenschaft der Zukunft wird sich entgrenzen, und zwar auf zweierlei Weise. Sie wird zum einen die Periode vom 19. bis zum 21. Jahrhundert als die Ausnahmesituation erkennen, die sie in der historischen Langfristperspektive war. Literatur wird sich wieder dem alten Begriff der litterae annähern und für alle Arten von Texten in ihren Beziehungen zueinander stehen. Damit wird der enge Fokus auf das Fiktionale aufgebrochen, und es kommen die großen historischen und medienübergreifenden Echophänomene in den Blick: Emblematik und Instagram, République des Lettres und Social Media. Die Literaturwissenschaft wird viel mehr als heute Auskunft geben über Phänomene, die brandaktuell, aber wenig verstanden sind, wie zum Beispiel die Satire oder die Invektive.

Die zweite Entgrenzung betrifft die nationalen Korsette. Der Migrationshintergrund des Literarischen wird stärker in den Vordergrund treten. Texte sind immer schon gereist, zirkuliert, haben sich vernetzt. Die Literatur selbst ist ein Einwanderungsgebiet, das immer wieder neu ausgehandelt wird. Berlin ist der prädestinierte Ort für eine solche Vision der Literaturwissenschaft. Wir haben Expertinnen für arabische Literatur oder Keilschrift, Ägyptologen, Sinologinnen, Japanologen – eine Palette von Expertise also und eine über Jahrzehnte gewachsene Zusammenarbeit zwischen ihnen und den modernen Philologien.

Die Berliner Literaturwissenschaft hat schon jetzt eine hohe internationale Sichtbarkeit. Der Exzellenzcluster Temporal Communities, den ich gemeinsam mit dem Anglisten Andrew James Johnston leite, wird diese noch erweitern. Wir werden international noch stärker kooperieren können, Fellows einladen, gemeinsame Projekte durchführen – und das alles auch im Digitalen. Denn die Literaturwissenschaft der Zukunft wird eine digital basierte Disziplin sein, die neue Methoden aus den Digital Humanities mit angestammten theorie- und kritikgetriebenen Fragen des Fachs verbindet. Und wir werden uns mit der Berliner Literatur- und Kulturszene austauschen. In unserem Cluster sind wir im Gespräch mit neun Partnerinstitutionen – Theatern, Museen, Literaturhäusern, Festivals. Diese sind oft gegenwartsorientiert, interessieren sich für zeitgenössische Literatur in ihrem Entstehen, während wir mit historischem Tiefenblick an die Dinge herangehen.

Ich glaube, dass wir in Berlin in Zukunft ein Motor für neue Entwicklungen in der Literaturwissenschaft sein werden. Allerdings haben wir in den Universitäten immer noch eine Struktur, die im Wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert kommt. Die disziplinären Strukturen müssen und werden in Zukunft viel durchlässiger werden. Literatur wandert zwischen Sprachen und Kulturen. Dem müssen wir mit einer Revision unserer Fächeraufteilung und der strengen Karrierewege, die daran hängen, in Zukunft gerecht werden.