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Die Chemie trägt eine große gesellschaftliche Verantwortung. Schulen und Universitäten müssen den Chemiker*innen von Morgen eine wissenschaftsethische Grundausbildung vermitteln. Ein Plädoyer

 

 

Dass viele aktuelle Erkenntnisse der Chemie und gerade auch der Katalyse ein doppeltes Gesicht haben, ist unumstritten: Wir wünschen uns Treibstoff und Kunstdünger und bekommen auch Giftgas und Plastikberge. Hier gemeinsam Verantwortung übernehmen zu können, setzt zuallererst voraus, dass wir ein realistisches Verständnis von der Chemie als Wissenschaft entwickeln: Wir müssen ihren Charakter als einen ergebnisoffenen und ambivalenten Forschungsprozess anerkennen, zu dem die ethische Reflexion von Anfang an genauso da- zugehört wie das Experimentieren.

 

Ein solches wissenschaftsethisches Grundverständnis muss im Rahmen des allgemeinbildenden Auftrags der Schule gefördert werden – und dann auch als integraler Bestandteil des Chemiestudiums. Dies gebietet im Übrigen auch die Fairness: Wenn wir von Wissenschaftler*innen verlangen, Verantwortung zu übernehmen, dann müssen wir sie auch darin unterstützen, diese professionell entwickeln zu können.

 

Viele internationale Organisationen und Fachgesellschaften empfehlen schon seit Langem, gesellschaftlich-ethische Dimensionen in die universitäre Forschung und Lehre der Chemie zu integrieren. Und auch für die schulischen Fachdidaktiken der MINT-Fächer ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Schüler*innen eine Bewertungskompetenz im Umgang mit naturwissenschaftlicher Forschung vermittelt werden soll.

 

Man könnte daher erwarten, dass in den Studiengängen der Chemie entsprechende Module obligatorisch verankert wären und dass es in Analogie zur Medizin- oder Bioethik eine etablierte Chemieethik gäbe. Weit gefehlt. Eine Studie der Carl-Zeiss-Stiftung zeigt: In über 80 Prozent der Chemie-Curricula von 31 Chemiestudiengängen der Bundesländer Thüringen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg wird ein Lernziel „ethische Reflexion“ nicht einmal von Ferne angedeutet – und falls es doch vorkommt, dann im unverbindlichen Wahlbereich. Lehramtsstudierende sind besonders betroffen: Wie sollen sie ihren Schüler*innen später Bewertungskompetenz vermitteln, wenn sie sie selbst im Fachstudium gar nicht entwickeln konnten?

 

Dabei müsste niemand das Rad neu erfinden. Es liegen in der Ethik und verschiedenen Fächern und Fachdidaktiken bereits erprobte Modelle für die Integration gesellschaftlich-ethischer Fragen vor. Was es braucht, ist der politische Wille, das Themenfeld „ethische Fragen der Chemie“ an den Universitäten in Forschung und Lehre strukturell zu verankern: Wir benötigen flächendeckend obligatorische Ethik-Lehrveranstaltungen im Bachelor und Master, es fehlen Trainings für Nachwuchswissenschaftler*innen und Weiterbildungen im beruflichen Bereich, wir sollten Professuren für „Ethik und Didaktik der Chemie“ und Förderprogramme zur Bewertungskompetenz ausschreiben. Sinnvoll wäre auch ein interdisziplinäres Netzwerk, das den Forschungsstand im MINT-Bereich mit dem in der Philosophie zusammenführt: Es könnte ein fächerübergreifendes Modell einer „Ethical Literacy“, also einer wissenschaftsethischen Grundbildung, entwickeln und bereits bestehende Initiativen, Projekte und Best-Practice-Beispiele sichtbar machen, fördern und in Studien empirisch begleiten.

 

Die Chemie hat hier Nachholbedarf. Aber gerade deshalb muss sie jetzt eine wegweisende Funktion übernehmen und – anders als die Katalysatoren bei einer chemischen Reaktion – sich als wichtige gesellschaftliche Kraft ständig weiterentwickeln. 

 

Text: Julia Dietrich



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