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Public Engagement kann als Katalysator wirken, um Wissenschaft neu zu denken und gesellschaftliche Probleme anzugehen. Doch dafür müssen Wissenschaftler*innen aktiv unterstützt werden. Ein Plädoyer

 

 

Seit einigen Jahren kommt zur langen Liste der erstrebenswerten Qualifikationen für Wissenschaftler*innen die Fähigkeit zur (und Begeisterung für) Wissenschaftskommunikation hinzu. Was mit Pressemeldungen oder öffentlichen Vorträgen anfing, ist längst zu einer Herausforderung geworden, mit der Forschende ganze Arbeitswochen füllen könnten. Ein populärwissenschaftliches Buch schreiben! Von großen Bühnen aus die Massen begeistern! Das nächste Forschungsfestival erfinden! Ein eigener Podcast oder Youtube-Kanal! Die Vielfalt an Austauschformaten für Wissenschaft wird immer wichtiger – aber warum eigentlich? Und ist es fair, den zusätzlichen Arbeitsaufwand ausgerechnet Jungwissenschaftler*innen (mit häufig existenziellen Karrieresorgen) aufzubürden?

 

Die Öffnung des wissenschaftlichen Prozesses ist weder Selbstzweck noch Beschäftigungstherapie. Es gibt gute Gründe, Wissenschaft zu erklären und integrativ zu gestalten – und dies am besten durch die Wissenschaftler*innen selbst. Ob Pandemien, Klimawandel, Energiewende oder Migration –Wissenschaft bearbeitet vielstimmig und divers essenzielle Fragen, die uns alle betreffen. Der Prozess ist komplex und für Laien nicht immer einfach nachvollziehbar. Und zu diesen Laien zählt spätestens seit der rapiden und stetigen Ausdifferenzierung der Disziplinen praktisch jede*r. Gleichzeitig ist eine demokratische Gesellschaft darauf angewiesen, dass ihre Bürger*innen informierte Entscheidungen treffen können, insbesondere bei gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen. Dazu gehört, in der Lage zu sein, wissenschaftliche Fragen und Prozesse zu verstehen, zu bewerten und entsprechend zu handeln.

 

Durch die digitale Vernetzung und Allgegenwärtigkeit von Informationen ist die mündige Entscheidung nicht etwa einfacher geworden. Veränderungen in der Medienlandschaft, aber auch die gezielten An griffe auf die Wissenschaft von Populisten wie Donald Trump machen es zunehmend schwierig, wissenschaftliche Erkenntnisse von Meinung, Scharlatanerie und Fake News zu trennen. Wissenschaftler*innen selbst müssen hier als glaubwürdige Mittler eine wichtige Rolle spielen und zugleich dem gesellschaftlichen Stereotyp des unnahbaren „Elfenbeinturms“ der Wissenschaft entgegenwirken. Sie können Prozesse und Resultate erklären und einordnen, mithin an der demokratischen Willensbildung mitwirken. Und sie können Laien dazu einladen, am wissenschaftlichen Prozess teilzuhaben und ihre Forschung so gesellschaftlich stärker verankern.

 

Im englischen Sprachraum hat sich dafür der Überbegriff Public Engagement durchgesetzt, der alle Formen der Einbeziehung von Gesellschaftsgruppen in den Wissenschaftszyklus umfasst. Idealerweise profitiert von diesem Engagement auch die Wissenschaft. Es kann als Katalysator für Innovation, Inklusion, Diversität und Kreativität wirken. Die Wissenschaft in ihrer Gesamtheit wird offener, transparenter, demokratischer und kann neue Zugangswege für Ideen, Fragen und Nachwuchs schaffen.

 

Dieses Ideal ist kein Selbstläufer. Deutschlands politische Führung, wissenschaftliche Einrichtungen und Drittmittelgeber sind im Zugzwang, die finanziellen und institutionellen Rahmenbedingungen zu schaffen. Es gibt Hinweise, dass sie diese Verantwortung wahrnehmen wollen. Es fehlt jedoch der Schritt zu einem ganzheitlichen, nachhaltigen Ansatz sowie teils auch am Willen, den Kulturwandel angemessen zu unterstützen. Exzellente Initiativen für Wissenschaftskommunikation bestehen an deutschen Forschungseinrichtungen seit vielen Jahren. Oft hängen diese an einzelnen passionierten Individuen, die sie zusätzlich zu ihren eigentlichen Tätigkeiten betreuen. Ein erfolgreiches, maßgeschneidertes Public Engagement benötigt jedoch Fachpersonal mit einer Bandbreite an Fähigkeiten und Karrierewegen. Wissenschaftler*innen müssen didaktisch, organisatorisch und praxisnah begleitet werden.

 

Der schleppende Wandel liegt wohl auch in der Wahrnehmung begründet, Public Engagement sei eine zusätzliche Leistung, die im besten Fall Sichtbarkeit generiere, häufig aber von eigentlicher Forschungs- und Lehrtätigkeit ablenke. Oft mangelt es daher an klaren Bekenntnissen zur Engagement-Agenda, etwa in Universitätsregularien. Engagement-Leistungen werden bei der Einstellung und Beförderung von Wissenschaftler*innen kaum anerkannt und die entsprechende Ausbildung passiert häufig on-the-job, im selbst angestoßenen Engagement-Projekt. Besser hat es der wissenschaftliche Nachwuchs etwa in Großbritannien, wo weitflächig kostenlose Trainings angeboten werden. Auch in Deutschland sollten wir zertifizierte, karrierebegleitende Fortbildungsmöglichkeiten in der gesamten Bandbreite des Public Engagement schaffen – von Angeboten zur Wissenschaftsillustration, zum Comedy-Training bis hin zur Event-Evaluation und zum Projektmanagement.

 

Public Engagement entwickelt sich, ausgehend vom englischsprachigen Raum, allmählich zu einem eigenen Forschungsfeld, das herausfordernd und anwendungsnah ist. Dies bietet die Chance, zukünftige Initiativen wissenschaftlich zu begleiten und voneinander zu lernen: Welche Austauschformate funktionieren wirklich? Braucht es den Tiktok-Kanal? Ist ein bürgerwissenschaftlicher Ansatz sinnvoll für ein Forschungsvorhaben? Und wie können Engagement-Prozesse effektiver gestaltet werden, um sie für junge Wissenschaftler*innen attraktiver zu machen?

 

Wir müssen nicht nur von internationalen Erfahrungen profitieren, sondern auch die Stärken des wissenschaftlichen Systems in Deutschland, etwa seine Dezentralität, nutzen, um Wissenschaft und Gesellschaft enger zu verzahnen. Dazu müssen wir für junge Wissenschaftler*innen, Fachkräfte und ihre Zielgruppen Angebote und Anreize schaffen. Dann kann Public Engagement eine Chance darstellen, das Feld zu einen und Wissenschaft neu zu denken. Und es kann dabei helfen, sich gemeinsam starkzumachen für gesellschaftliche Herausforderungen. 

 

Text: Alina Loth



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