Wasserstandsmeldung

Die Gewässer im Raum Berlin-Brandenburg verändern sich aufgrund des Klimawandels und menschlicher Nutzung mancherorts dramatisch. Das hat auch Auswirkungen auf Berlin. Die Forscher:innen der Einstein Research Unit Climate and Water under Change (CliWaC), eines Forschungsverbunds der Berlin University Alliance, untersuchen die komplexen Zusammenhänge hinter den Veränderungen. Aus den Erkenntnissen wollen sie Empfehlungen ableiten, um Klimarisiken und Konflikte in der Region zu minimieren.

Interview: Mirco Lomoth

Ein bedeckter Morgen am Groß Glienicker See an der Grenze zwischen Berlin und Brandenburg. Es ist das Ende eines Sommers. Ruderboote schaukeln im Wasser. Ein einsamer Schwimmer zieht seine Kreise. Er kommt an Land, trocknet sich ab und zeigt auf eine alte Steganlage, die in einem Schilfgürtel liegt. „Vor 20 Jahren bin ich von dort noch ins Wasser gesprungen“, sagt er. Am Groß Glienicker See ist der mittlere jährliche Wasserspiegel seit 1970 um gut zwei Meter gesunken. ALBERT hat an seinem Ufer die Forstwissenschaftlerin Birgit Kleinschmit und den Hydrologen Tobias Krüger getroffen, die den Veränderungen auf den Grund gehen.

 

Wenn man auf die Karte schaut und all die Gewässer in Berlin und Umgebung sieht, könnte man denken, dass uns Wasser in Hülle und Fülle zur Verfügung steht. Aus der Leitung strömt es ja auch immer verlässlich. Hier am Groß Glienicker See, wo der Pegel über Jahre gesunken ist, kommt man dann doch ins Grübeln. Wie sicher ist die Wasserversorgung in Berlin wirklich?

KLEINSCHMIT Das Trinkwasser in Berlin wird seit über 100 Jahren an Gewässern am Stadtrand und im Umland gewonnen. Durch den Klimawandel haben wir aber zunehmende Trockenperioden, die das Niederschlagsregime verändern und die Neubildung von Grundwasser reduzieren. Zudem gibt es eine wachsende Bevölkerung und eine steigende Nachfrage nach Wasser. Das kann die Versorgung schon kritisch werden lassen. Aber es gibt noch einen dritten Aspekt: In der Lausitz wird kein Grundwasser mehr aus Tagebauen in die Spree gepumpt. Eine aktuelle Studie vom Umweltbundesamt besagt, dass die Wasserversorgung in Berlin dadurch im Sommer stocken könnte. Es wird schon diskutiert, ob man weiterpumpt.

KRÜGER Berlin war nie ein Ort, an dem Grundwasserneubildung stattfand. Der Regen, der im Stadtgebiet fällt, reicht nicht aus, um Grundwasser zu bilden, sondern es fließt von der Lausitz und anderen, höher gelegenen Gegenden zu. Was dort passiert, ist sofort relevant für uns hier. 

 

Trinkwasser könnte in unserer Region also tatsächlich knapp werden?

Krüger Derzeit braucht man sich keine Sorgen machen, aber langfristig schon. Es macht Sinn, aufgrund des Klimawandels vorausschauend zu planen. Das Thema muss ins Bewusstsein kommen und es müssen jetzt Maßnahmen in die Wege geleitet werden, um gewappnet zu sein. 

Anderen Seen wie dem Straussee östlich von Berlin geht es ähnlich wie dem Groß Glienicker See. Wohin verschwindet denn all das Wasser?

KRÜGER Die Besonderheit unserer Seen in Berlin und Brandenburg ist, dass sie vom Grundwasser durchströmt werden. Sie sind über das Jahr gesehen häufig mit dem Grundwasser in Kontakt und beziehen so ihr Wasser. In Trockenphasen strömt aber weniger Wasser in den See und dann schwanken die Seespiegel. Das war schon früher so, aber eine Hypothese ist, dass jetzt insbesondere etwas höher liegende Seen den Kontakt mit dem Grundwasser für lange Zeiträume im Jahr verlieren, weil das Grundwasser niedriger sinkt als die Sohle des Sees. Dann sickert Wasser aus dem See ins Grundwasser. In Phasen von Grundwasserneubildung, im Winter und im Frühjahr, kehrt sich das bestenfalls wieder um.

KLEINSCHMIT Der Klimawandel und die anthropogene Nutzung verstärken die Absenkung der Seespiegel noch. Das ist nicht in allen Einzelheiten verstanden, aber wir wissen, dass durch die Temperaturerhöhung die Verdunstung steigt. Dazu kommt bei wärmeren Temperaturen ein erhöhter Bedarf in der Landwirtschaft, im Gartenbau und im Privaten, etwa für die Bewässerung der Gärten. Alle brauchen mehr Wasser, genauso die Vegetation, vor allem wenn es längere Vegetationsperioden durch ein wärmeres Klima gibt. Mit CliWaC wollen wir verstehen, wie all diese Zusammenhänge hydrologische Systeme wie den Groß Glienicker See beeinflussen. 

 

Spielt denn auch die Wasserentnahme durch die Industrie eine Rolle?

KRÜGER Was eine große Fabrik wie die von Tesla bei Grünheide rauspumpt, hat schon Auswirkungen. Da gab es ja auch viele Diskussionen. Man muss aber immer lokal schauen, wer genau wie viel entnimmt. Hier am Groß Glienicker See gibt es keine industrielle Entnahme und auch die Privathaushalte und Wasserwerke haben nur einen geringen Einfluss. Was wir hier sehen, sind vermutlich – so unsere Hypothese – Auswirkungen des Klimawandels, die schon vor Jahren in Gang gesetzt wurden.

 

Gerade fängt es an zu nieseln, ist es denkbar, dass sich der Grundwasserpegel in der Region wieder erholt, wenn es ausreichend regnet?

KRÜGER Ganz aussichtslos ist das nicht. Feuchte Jahre füllen die Speicher ein bisschen auf. Wir haben aber das Problem, dass wir mindestens sechs sehr trockene Jahre hatten. Wir bräuchten jetzt also ebenso viele nasse Jahre, damit sich das wieder ausgleicht. Vor allem muss es im Frühjahr mehr regnen, weil dann noch nicht so viel verdunstet und von den Pflanzen transpiriert wird. Nur so kann Grundwasserneubildung stattfinden. Langfristig werden wir uns aber wohl auf niedrigere Wasserspiegel einstellen müssen.

Starkregen hilft uns da wohl auch nicht …

KRÜGER Nur wenn wir es schaffen, das viele Wasser irgendwo zwischenzuspeichern, damit es dem System zugutekommen kann, also dem Boden, dem Grundwasser und der Vegetation. Bisher geht das meiste über effiziente Abflussmaßnahmen in die Havel und weiter in die Elbe und irgendwann ins Meer.

KLEINSCHMIT Zeitweise haben wir tatsächlich zu viel Wasser, gerade im städtischen Bereich. Die zunehmenden Starkniederschlagsereignisse führen in Berlin dazu, dass die Mischkanalisation überfordert ist. So kommt es zu Überflutungen, durch die ungeklärte Abwässer direkt in unsere Oberflächengewässer gelangen, in denen wir baden und die wir zur Trinkwassergewinnung nutzen. Das ist ein Problem, das Handlungsbedarf erfordert.

 

Haben wir also ein Wassermanagementproblem?

KRÜGER Ganz so würde ich es nicht sagen. Aber unser Wassermanagement muss sich auf die sich ändernden klimatischen Verhältnisse einstellen. Lange Zeit überwog das Paradigma, Wasser so schnell wie möglich aus der Stadt herauszubefördern; auch aus der Landschaft, um Landwirtschaft betreiben zu können. Dafür wurden Grundwasserspiegel gesenkt und Böden entwässert. Heute weiß man, das Wasser muss möglichst lange gehalten werden, um Wasserkrisen zu vermeiden. 

 

Wir müssen in der Landwirtschaft umdenken und entwässerte Böden wieder vernässen. Das ist eine große technische Herausforderung, aber auch eine politische.

Birgit Kleinschmit

Es müsste also die gesamte Stadt umgekrempelt werden, um besser vorbereitet zu sein?

KRÜGER Ja, wir müssen das Wasser nach dem Schwammstadt-Prinzip halten. Der Masterplan Wasser der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt sieht für Berlin vor, dass Boden entsiegelt wird, damit Wasser versickern kann und länger verbleibt, statt zu schnell abzufließen. Künftig werden mehr unterirdische Rigolen zur Wasserspeicherung angelegt, Fassaden und Dächer begrünt und insgesamt mehr Vegetation in die Stadt gebracht, damit das Wasser in Zeiten von Trockenheit zur Verfügung steht. 

 

Einiges davon wird bereits auf den Weg gebracht, wo sehen Sie noch Defizite?

KRÜGER Zu wenig diskutiert wird die Regenernte. Das muss kommen. Bisher gibt es nur einige Pilotprojekte, bei denen man Regenwasser für Toilettenspülungen und Ähnliches nutzt. Deutschland ist eines der wenigen Länder, wo im großen Stil Trinkwasser die Toilette runtergespült wird, was absurd ist. Das funktioniert nur, weil wir bisher genug davon hatten. In Südeuropa wird schon viel mehr Regenwasser dafür genutzt.

KLEINSCHMIT Wissenschaftliche Erkenntnisse liegen schon lange vor, aber es ist bisher noch zu wenig passiert. In der breiten Bevölkerung und auch in der Politik merkt man langsam, dass es eher fünf nach zwölf ist als fünf vor zwölf. Jetzt verändern sich die Gesetze zum Glück. In der Region Berlin-Brandenburg gibt es zum Beispiel das neue Gesetz zur Regenwasser-Bewirtschaftung. Jeder, der ein Grundstück bebaut, muss das Regenwasser auf dem Gelände halten. Aber warum gilt das nur für Neubauten? Wir müssen dringend darüber nachdenken, es auch auf den Bestand auszuweiten.

KRÜGER Der Umbau der administrativen Prozesse und der Infrastruktur dauert leider zu lang. Allein die Formulare, die auszufüllen sind, um Regenwasser zu nutzen, sind ellenlang. Solche Sachen sind sehr altbacken und müssen möglichst schnell geändert werden.

Nicht nur in der Stadt, auch auf dem Land muss viel passieren. Ist es eine Jahrhundertaufgabe, die da in der Fläche zu bewältigen ist?

KLEINSCHMIT Diesen Umbau kann man durchaus als eine unserer Jahrhundertaufgaben bezeichnen. Denken wir an die Wälder in Berlin und Brandenburg: Wir haben über viele Jahrhunderte kieferdominierte Monokulturen angepflanzt. Um die Auswirkungen des Klimawandels abzupuffern, müssen wir nun dringend stabile klimaresiliente Mischbestände mit Laubbäumen schaffen, die das Wasser länger in der Landschaft halten und eine stärkere Grundwasserneubildung ermöglichen. Sie haben zudem eine kühlende Funktion, eine höhere Biodiversität und mehr Erholungswert für den Menschen. Wir können also mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Aber ein Baum wächst nun mal über mindestens 100 Jahre heran. Wir brauchen also einen langen Atem. 

 

Muss die Landschaft auch an anderer Stelle umgebaut werden?

KLEINSCHMIT Ja, wir müssen etwa in der Landwirtschaft umdenken und entwässerte Böden wieder vernässen. Das ist eine große technische Herausforderung, aber auch eine politische, weil wir damit die Nutzfläche reduzieren, die der Nahrungsmittelproduktion dient. Es muss ein politischer Konsens her, dass Landbesitzer:innen oder Landwirt:innen für diese Ökosystemleistungen entschädigt werden, weil sie Wasser in der Landschaft halten und weniger Treibhausgase verursachen. Es lohnt sich auch, über andere Nutzungsformen nachzudenken, Stichwort Agroforestry – das ist eine Kombination aus Forst- und Landwirtschaft, die durch schattenspendende Bäume die Verdunstung reduziert. Für uns ist das neues Denken, aber in vielen Ländern ist diese Anbaumethode schon lange erfolgreich etabliert.

 

Frau Kleinschmit, Sie sitzen im Wissenschaftlichen Beirat für Waldpolitik des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Wie weit ist denn der dringend notwendige Waldumbau schon fortgeschritten und was könnte ihn beschleunigen?

KLEINSCHMIT Der Umbau passiert aktuell sehr aktiv, was sich aus der umfangreichen Nutzung der Förderprogramme des Bundes ableiten lässt. Was eine Beschleunigung hervorgerufen hat, ist beispielsweise das Förderprogramm „Klimaangepasstes Waldmanagement“. Damit wurde ein finanzielles Anreizsystem geschaffen, nur noch Baumarten zu pflanzen, die sich als klimaresilient erwiesen haben. Fördergesetze haben eine positive Wirkung auf Waldbesitzer:innen und führen dazu, dass wir schnell ins Handeln kommen. Das ist ein besserer Weg als Verbote. 

 

Fördergesetze haben eine positive Wirkung auf Waldbesitzer:innen und führen dazu, dass wir schnell ins Handeln kommen. Das ist ein besserer Weg als Verbote.

Birgit Kleinschmit

Lassen sich die Vorteile von Mischwäldern denn allen Waldbesitzer:innen vermitteln?

KLEINSCHMIT Man muss es halt richtig erklären. Wenn jemand nur Monokulturen besitzt, ist das wirtschaftliche Risiko sehr viel höher, weil schneller Waldbrände entstehen und durch Insekten ganze Bestände kahlgefressen werden. Auch ist die Biodiversität in Mischbeständen höher. Der Waldumbau macht ökologisch, sozial und ökonomisch Sinn. 

 

Ist denn das Wissen vorhanden, um den Wald der Zukunft zu schaffen?

KLEINSCHMIT Viele Reaktionen des Waldes auf den Klimawandel sind noch nicht in Gänze verstanden. So gibt es bisher nur wenige Studien darüber, dass Bäume sich anpassen können, indem sie ihre Kapillare verengen und dadurch den Wassertransport verlangsamen. Sie können so Tagesspitzen an Trockenheit abfangen, sind aber nicht vorbereitet auf lange Extreme über viele Wochen und Monate hinweg. Das führt zu Stress und Absterben, weil die Blätter irgendwann wieder Wasser benötigen, um Photosynthese zu betreiben. Das sind aber nur allererste Beobachtungen. Derzeit untersuchen wir diese biophysikalischen Prozesse sehr intensiv im Projekt FeMoPhys in Mecklenburg-Vorpommern. Wir messen an der Wurzel, am Stamm und an den Blättern, um die Interaktion zwischen Boden und Wurzel sowie den Austausch zwischen Blättern und Atmosphäre besser zu verstehen und evidenzbasierte Empfehlungen für die Anpassung an den Klimawandel zu geben. Auch die Epigenetik, also die Möglichkeit, dass sich die Aktivität von Genen durch Umwelteinflüsse verändert, ist noch nicht vollständig verstanden. Damit besteht die Möglichkeit, dass Pflanzen, die unter trockenen und heißen Bedingungen aufwachsen, das Auslesen des Erbguts an die neuen Umweltbedingungen anpassen und an die nächste Generation vererben.

 

Sie schauen auch von oben auf die Wälder, nutzen Satelliten, Sensoren und Künstliche Intelligenz. Was können solche Sensoren aussagen?

KLEINSCHMIT Ein optischer Sensor kann die spektrale Reflektanz messen, also die Pigmente der Blätter, ein aktiver Sensor die Rauigkeit und das Volumen von Bäumen. Wir nutzen Maschinelles Lernen, um diese Signale mit vielen weiteren Umweltparametern wie Informationen über Boden, Grundwasser, Niederschlag oder Temperatur zusammenzubringen, um daraus Aussagen über Verdunstungsraten, Biomassegehalt oder den Gesundheitszustand abzuleiten. 

 

Machen Sie solche Messungen auch hier am Groß Glienicker See?

KRÜGER Ja, wir kartieren den Untergrund durch Bohrungen, messen seine unterirdische Leitfähigkeit, den Stand des Grundwassers oder in welche Richtung es strömt. Auch oberirdische Gewässer schauen wir uns an, um Abflüsse zu erkennen und eine Wasserbilanz des Sees aufzustellen. Dazu kommen Wasserproben für Sauerstoffgehalt, Trübung, Temperatur oder elektrische Leitfähigkeit, um biologische Prozesse im Seewasser wie Nährstoffumsätze und Schadstoffabbau simulieren zu können.

Wenn wir hier unsere Landwirtschaft oder die Wälder umbauen, hat das Auswirkungen auf das, was anderswo auf der Welt passiert, weil wir damit Umweltprobleme verlagern.

Tobias Krüger

KLEINSCHMIT Das alles kombinieren wir auch hier mit Fernerkundungsdaten, die alle fünf Tage aufgenommen werden und die Vitalität der lokalen Vegetation abbilden. Unsere KI-Modelle helfen uns, die Interaktion all dieser treibenden Kräfte im hydrologischen System zu verstehen. 

 

Wären wir ohne solche komplexen Modelle aufgeschmissen?

KRÜGER Zu einem gewissen Grad schon, weil man ja nicht überall messen kann. Die Modelle können zwischen den Stellen, an denen wir den Grundwasserspiegel oder Niederschlag messen, interpolieren, also Lücken füllen. So lassen sich Hypothesen an Systemen testen, die zu groß sind, um sie experimentell zu manipulieren. Aus den Modellen können wir dann die Vorhersagen ableiten, die für die Anpassung an den Klimawandel dringend nötig sind. 

 

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat 2022 berechnet, dass die Menschheit nun auch bei der Wassernutzung die planetaren Grenzen vielerorts überschreitet. Neben „sicheren“ Grenzen sprechen die Forscher:innen von „gerechten“ Grenzen, die ein gutes Leben für alle Menschen und Arten auf der Erde sowie für zukünftige Generationen ermöglichen. Tragen wir eine Verantwortung für andere Weltregionen?

KRÜGER Natürlich. Wenn wir hier unsere Landwirtschaft umbauen, hat das Auswirkungen auf das, was anderswo auf der Welt passiert, weil wir Nahrungsmittel importieren müssen und damit Umweltprobleme verlagern. Wir müssen auch über unser Konsumverhalten nachdenken und weniger wasserintensive Produkte importieren. Das hat aber wiederum ökonomische Konsequenzen. Alles, was wir uns hier ausdenken, ist global komplex eingebettet.

KLEINSCHMIT Vielen Menschen ist ja gar nicht bewusst, welche Unmengen von Wasser für die Produktion einer Avocado oder eines Baumwollshirts benötigt werden. Da müssen wir Bewusstsein schaffen, früh informieren, schon im Kindergarten und in der Schule, unser Handeln anpassen und vielleicht auch die Preise.

KRÜGER Es gibt schließlich ein Menschenrecht auf Wasser, das eine absolute Mindestmenge für Trinkwasser und Hygiene vorsieht. Darauf arbeiten die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 hin, und da ist schon einiges passiert, aber vieles fehlt noch. Im globalen Süden ist die Wasserversorgung für marginalisierte Gruppen weiterhin sehr schlecht.

KLEINSCHMIT Übrigens wird auch der Waldumbau in unseren Breiten globale Auswirkungen haben. Wir werden künftig weniger Nadelholz produzieren, was wir aber zum Bauen benötigen, da sich Laubbäume nicht so gut eignen. Deutschland hat ja eine Holzbaustrategie, daher muss Bauholz künftig stärker aus dem Ausland importiert werden, was zu negativen Folgen in Waldökosystemen außerhalb Deutschlands führen kann.

Die Anrainer des Groß Glienicker Sees und anderer Gewässer haben sehr unterschiediche Interessen, die miteinander verhandelt werden müssen. Als Projekt stecken wir da mittendrin.

Tobias Krüger

CliWaC will die unterschiedlichen Parteien, die Wasser nutzen und managen, an einen Tisch bringen: Wasserversorger, Kommunen, Senatsverwaltung, Umweltverbände, Angel- und Sportvereine, Landwirtschaft. Bringt das auch viele Konflikte zutage?

KRÜGER Ja, und das ist auch gut so, weil Konflikte uns zwingen, sie auszuhandeln. Wir können uns nur gemeinsam auf den Klimawandel einstellen. Die Anrainer des Groß Glienicker Sees und anderer Gewässer haben sehr unterschiedliche Interessen, die miteinander verhandelt werden müssen. Als Projekt stecken wir da mittendrin und stellen diesen Aushandlungsprozessen unsere Expertise bereit. Das ist oft konfliktreich, aber ich sehe das nicht negativ. Wenn man Konflikte vermeiden will, spielt man meist einzelnen Interessen in die Hände. Daher ist es besser, sie auf den Tisch zu legen.

KLEINSCHMIT Konflikte auszuhandeln ist gelebte Demokratie. Vonseiten der Wissenschaft tragen wir evidenzbasiertes Wissen bei und bringen eine Objektivierung in den Diskussionsprozess, in dem häufig viel Emotionalität steckt. Hier am Groß Glienicker See wird immer gegen die Privatentnahme für die Gartenbewässerung gewettert, aber wir gehen davon aus, dass sie keinen signifikanten Einfluss auf den Wasserspiegel hat, zumindest ist er bislang nicht nachgewiesen. Mit CliWaC wollen wir Maßnahmen vorschlagen, die von allen Akteur:innen und der Politik mitgetragen werden.

KRÜGER Wichtig ist, dass wir die Hoffnungen und Wertvorstellungen der Leute vor Ort ernst nehmen. Dazu gehört auch, dass wir unsere Ergebnisse immer wieder präsentieren und im Dialog bleiben, was anstrengend sein kann. 

 

Wir sind hier genau zwischen Berlin und Brandenburg, die Grenze verläuft mitten durch den See. Behindert das ganzheitliche Lösungen?

KLEINSCHMIT Die administrativen Grenzen der Bundesländer sind tatsächlich ein großes Problem. In Deutschland hat jedes Bundesland die Freiheit, sein Wassermanagement anders auszugestalten. Sich über die Grenzen hinweg abzustimmen, ist traditionell eher schwierig. Da gibt es viele Reibungsverluste. In unserer Region haben wir zum Glück aber „Wassertische” und „Wasserforen”, zu denen Entscheidungsträger:innen beider Bundesländer zusammenkommen. Bei CliWaC gibt es einen Forschungszweig, der untersucht, wie gut diese Zusammenarbeit funktioniert, und der Verbesserungsvorschläge erarbeitet.

Konflikte auszuhandeln ist gelebte Demokratie. Vonseiten der Wissenschaft tragen wir evidenzbasiertes Wissen bei und bringen eine Objektivierung in den Diskussionsprozess.

Birgit Kleinschmit

Wie steht es denn um die Reibungsverluste im Projekt selbst? CliWaC wird von 28 leitenden Forscher:innen aus ganz unterschiedlichen Fachgebieten wie der Geografie, Anthropologie, Klimatologie, Hydrologie, den Forst- und Agrarwissenschaften, der Umweltplanung oder Medizin getragen. Wie kann man all diese unterschiedlichen Perspektiven und Ergebnisse sinnvoll in einem Projekt vereinen?

KRÜGER Mein Team hat die Aufgabe übernommen, die quantitativen Forschungsergebnisse von CliWaC, also die Computermodelle und Messungen, zusammenzuführen. Jede Arbeitsgruppe bringt etwas Eigenes ein, das wir dann zu einem größeren Ganzen verbinden. Wenn ich zum Beispiel den Waldumbau auf eine bestimmte Weise gestalte, müssen die Auswirkungen auf das Ökosystem, das Grundwasser oder die Temperatur mitbedacht werden. Das Ganze betten wir zudem in sozialwissenschaftliche Forschung ein. 

Funktioniert das?

KRÜGER Es ist ein diskursives Zusammenführen von Forschungssträngen und ein gemeinsames Analysieren und Diskutieren der quantitativen Ergebnisse mit allen betroffenen Akteur:innen in speziell dafür entwickelten Formaten. Auf den ersten Blick wirkt unser Projekt sehr technisch, aber es ist sozialwissenschaftlich gerahmt, die naturwissenschaftliche Forschung hat sogar eher eine dienstleistende Funktion. Historisch gesehen war das ja sonst immer genau umgekehrt.

 

Hat sich diese Umkehr schon eingespielt?

KRÜGER Ja, aber wir müssen noch unheimlich viel voneinander lernen. Wir müssen verstehen, was für die unterschiedlichen Forschungstraditionen wichtig ist, wie sie arbeiten und wie der Wissensprozess verläuft. Da gibt es natürlich auch viel Reibung. Wir wollen eine neue Art des Zusammenarbeitens zwischen Sozial- und Naturwissenschaften entwickeln, bei der alle Disziplinen wertgeschätzt werden und die für unsere Region wegweisend sein kann.

 

Was hoffen Sie mit dem CliWaCProjekt ins Fließen zu bringen?

KRÜGER Die Hoffnung ist, dass wir Kommunikationskanäle zwischen Wissenschaft und politischen Akteur:innen etablieren, die wir in Zukunft nutzen können. Wir wollen wissenschaftliche Erkenntnisse aus der angewandten Forschung in die Politik tragen und Fragen aus Politik, Gesellschaft und Industrie schneller aufgreifen. Nur durch diese direkte Zusammenarbeit können wir anfangen, die großen Probleme anzugehen, vor denen wir stehen.

KLEINSCHMIT Netzwerke und Kommunikationskanäle zu schaffen, ist enorm wichtig. Wir hoffen zudem, dass wir das Themenfeld Wasser und Klimawandel in Berlin langfristig etablieren können, um über das dreijährige CliWaC-Projekt hinaus eine nachhaltige Wirkung zu entfalten. Berlin ist deutschlandweit herausragend mit seiner interdisziplinären Forschung rund ums Thema Wasser. Das birgt viele Chancen, die wir zukünftig weiter nutzen und ausbauen wollen. 

Sind Sie optimistisch, dass wir in Berlin und Brandenburg eine ausgewogenere Beziehung zum Wasser finden können?

KRÜGER Ich bin auf jeden Fall optimistisch, wir sind bereits auf dem Weg dahin. Wir brauchen aber eine stärkere Verbindung zum Wasser. Ich würde mir wünschen, dass wir durch unsere Arbeit dazu beitragen können, dass alle Menschen in der Region die knapper werdende Ressource Wasser mehr zu schätzen wissen, indem sie näheren Kontakt dazu haben. Wir müssen Wasser in der Stadt sichtbarer machen, Flussläufe renaturieren, damit die Menschen Zeit am Wasser verbringen, durch Bildungsprojekte an Kindergärten und Schulen aufklären und mit künstlerischen Projekten für Wasser begeistern. Wenn mehr Menschen verstehen, dass wir mit unserem Leitungswasser gereinigtes Uferfiltrat trinken, das 50 bis 100 Meter vom Ufer unserer Badeseen, der Spree oder Havel aus dem Boden gepumpt wird, dann werden sie sich auch stärker um diese Gewässer kümmern.

Viel Wissen existiert ja auch bei den Leuten, die Wasser nutzen und am Wasser wohnen. Dieses Erfahrungswissen mit dem wissenschaftlichen Blick zusammenzubringen, ist unheimlich wertvoll.

Tobias Krüger

KLEINSCHMIT Und wir müssen begreifbar machen, dass wir auf eine Krise zusteuern, wenn wir nichts unternehmen. Bei CliWaC versuchen wir das – durch Workshops, zu denen wir interessierte Menschen einladen, mit Ausstellungen wie im Humboldt Forum, wo Bürger:innen ihre Interessen und Sorgen kommunizieren können, und etwa mit Theateraufführungen zu Wasserthemen. Es geht aber nicht nur um Aufklärung, es ist auch wichtig, zuzuhören. Es muss eine Kommunikation in beide Richtungen geben.

KRÜGER Viel Wissen existiert ja auch bei den Leuten, die Wasser nutzen und am Wasser wohnen, Wassersport betreiben, Angeln oder täglich im Groß Glienicker See schwimmen. Dieses Erfahrungswissen mit dem wissenschaftlichen Blick zusammenzubringen, ist unheimlich wertvoll. Wir haben ein Verständnis hydrologischer Prozesse, aber wir können etwas darüber lernen, was diese konkret vor Ort bedeuten. Das ist unheimlich spannend für uns. 

 

Trinken Sie eigentlich das Berliner Leitungswasser?

KLEINSCHMIT Natürlich, ich habe das Wasser mal untersuchen lassen und mir wurde bestätigt, dass es super hochwertig ist.

KRÜGER Das sollte man unbedingt tun, es schmeckt gut und ist von bester Qualität. Und wenn mehr Leute es trinken und sich der Zusammenhänge bewusst werden, dann werden wir auch unsere Gewässer besser schützen und eine Wasserkrise vermeiden.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Birgit Kleinschmit ist Professorin für Geoinformation in der Umweltplanung am Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung der Technischen Universität Berlin. Im Rahmen von CliWaC forscht ihr Team mit Methoden der Fernerkundung und KI zu Auswirkungen der Klimakrise auf den Wald. Sie ist Mitglied in der Steuerungsgruppe von CliWaC.

Tobias Krüger ist Professor für Hydrologie und Gesellschaft am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Er leitet dort das Integrative Forschungsinstitut zu Mensch-Umwelt-Systemen (IRI THESys). Bei CliWaC hat sein Team die Aufgabe, Forschungsergebnisse in Metamodellen zusammenzuführen und so aufzubereiten, dass sie zur Basis für Empfehlungen werden können.

Stand: März 2024