Grün werden!

Die digitale Revolution verbraucht enorme Mengen an Material und Energie und steigert den Konsum noch. Für eine digital-ökologische Zukunft braucht es fünf grundlegende Veränderungen. Ein Plädoyer von Tilman Santarius

 

Die Digitalisierung belügt uns. Kleine, spiegelnde Geräte, die nicht stinken, mit denen wir arbeiten und spielen, gerne draußen unterm Apfelbaum. Die Geräte und Services sind so ätherisch, als seien sie selbst schon so virtuell wie die Videos, Spiele und Social-Media-Seiten, die wir auf ihnen nutzen.

Und wenn der Strom für die Datencenter dann noch von Sonne, Wind und Wasser kommt – so wie es Google und Co. teilweise schon machen –, haben wir dann das Zeitalter der rauchenden Fabriken, der geknechteten Arbeiter*innen und zerstörten Minenlandschaften nicht schon hinter uns gelassen? Sind wir nicht auf bestem Wege ins öko-digitale Übermorgen: sanft, umweltfreundlich und friedenstiftend?

Doch das ist eine blendende Ho ffnung! Tatsache ist, dass im Moment das Gegenteil passiert. Die Digitalisierung ersetzt nicht die alten, umweltzerstörenden Konsummuster. Der digitale Konsum kommt einfach noch oben drauf. Am deutlichsten wird das beim Fliegen: Videokonferenzen sollten Flüge zu Meetings ablösen. Stattdessen steigt die Anzahl der Flugpassagiere in Deutschland jedes Jahr. Die Videokonferenzen kommen noch hinzu. Und weil die Digitalisierung unseren Freundeskreis und unsere Sehnsüchte immer globaler werden lässt, treibt sie auch die Anzahl der privaten Fernreisen in die Höhe. Auch hier: Die Seh-Reise mit der Virtual-Reality-Brille befriedigt nicht unseren Wunsch nach dem Exotischen, sie intensiviert ihn. Die Marketingabteilungen der Reisekonzerne haben das längst verstanden.

Was man der digitalen Revolution nicht ansieht: die enormen Material- und Energieverbräuche. Die Hardwareindustrie ist eine der ganz wenigen Branchen, deren Energieverbrauch weltweit zunimmt – selbst Branchen wie die Zementindustrie haben im Vergleich dazu bereits eine Trendwende einleiten können! Auch wenn die IT-Giganten ihre Serverfarmen auf Grünstrom umstellen: Der größte Teil des Energieverbrauchs  findet im Datennetz und auf den Endgeräten der Verbraucher*innen statt. Der wächst und ist noch längst nicht „grün”.

Diese Negativtrends müssen wir dringend umkehren. Für eine digital-ökologische Zukunft braucht es fünf grundlegende Veränderungen:

(1) Die Hardware muss grüner werden, und zwar weltweit. Europa ist als Markt allein groß genug, um hier die Standards zu setzen: Wenn wir über eine Öko-Design-Richtlinie die Herstellungsbedingungen für Hardware festlegen, werden uns manche Länder und viele multinationale Unternehmen folgen.

(2) Die Software muss grüner werden. Künstliche Intelligenz und Big-Data-Analysen verarbeiten riesige Datenberge und verbrauchen gigantische Strommengen. Wenn sich extrem rechenintensive Kryptowährungen wie Bitcoin massiv verbreiten sollten, wäre das der sichere Weg in den ökologischen Abgrund. Hier braucht es Grenzen und Vorgaben für effiziente Software.

(3) Daten müssen besteuert und Energie muss teurer werden, damit Firmen und Verbraucher*innen mehr stromsparende Hard- und Software nachfragen und weniger sinnlose Werbevideos online gehen, denen man beim Surfen schon nicht mehr entgehen kann.

(4) Das Internet muss eine Allmende bleiben. Social Media und Suchmaschinen sind monopolistisch vermachtet – aber eigentlich genauso öffentliche Räume wie Schulen oder der Kölner Domplatz. Darum sollten sie werbefrei sein – womit gleichzeitig die Verführung zu immer mehr Konsum eingedämmt würde.

(5) Nachhaltige digitale Lösungen und die dazu erforderliche Forschung müssen in allen Bereichen gefördert werden. Beispiel Verkehr: Eine übergreifende Mobilitäts-App, wie sie jetzt (erst) in München oder Berlin entsteht, könnte alle „grünen” Verkehrsmittel im Sharing fahren lassen und das Auto in der Stadt weitgehend überflüssig machen.

Tilman Santarius ist Professor für Sozial-Ökologische Transformation und Nachhaltige Digitalisierung am Einstein Center Digital Future und an der Technischen Universität Berlin (TU Berlin). Seit 2016 leitet er eine Nachwuchsforschungsgruppe an der TU Berlin und am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung.

Text: Tilman Santarius