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@Silicon_Martin

Martin Oestreich jagt in der Welt des Siliciums nach neuen Verbindungen. Der Einstein-Professor für Organische Chemie „bastelt” neue Moleküle, ergründet deren Eigenschaften – und schafft so Grundlagenwissen, das zunächst bar jeder Anwendung ist

 

Martin Oestreich residiert in der ersten Etage des historischen Gebäudes an der Straße des 17. Juni, das wie ein italienischer Palazzo am Charlottenburger Tor steht. Ein Palazzo, aus dem zwei Backsteinschornsteine ragen. An der Tür des Direktors des Instituts für Chemie steht nur „Martin Oestreich”, und auch der Raum dahinter ist schlicht, in Weiß gehalten und sparsam möbliert. Von der Terrasse aus geht der Blick über den grünen Campus der Technischen Universität Berlin zum Landwehrkanal.

 

Ins Auge sticht als einziger Farbpunkt im Büro ein orangefarbener Porsche 911 GT3 RS, ein Traumauto im Maßstab eins zu acht, bestehend aus Tausenden Einzelteilen des Bausets von LEGO Technic. Oestreich hat den Spielzeugporsche zusammen mit seinem siebenjährigen Sohn gebaut – während des Lockdowns in der Corona-Hochphase. Überhaupt LEGO. Die bunten Bausteine prägen sein Leben seit seiner Kindheit. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht”, sagt er, lacht und erklärt, was er meint: dass Moleküle sich quasi wie LEGO-Steine mit ihren Noppen verbinden, dass die einzelnen Steine dabei die Atome sind. Als Chemiker bastele er neue Moleküle, erforsche deren Strukturen und Eigenschaften. Das habe etwas Spielerisches. „Es ist, als würde man einen Haufen LEGO-Steine aus der Kiste nehmen und sich fragen, was man damit außerhalb der bekannten Anleitungen bauen könnte”, sagt Oestreich. „Mit zehn unterschiedlichen LEGO-Steinen kann man bereits unfassbar viele neue Strukturen schaffen.” Als Grundlagenforscher liebe er diese Freiheit zu spielen. „Es ist ein großes Glück, dass wir in Deutschland von Neugier getriebene Forschung machen dürfen”, sagt er.



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EINE SENSATION IN DER SILICIUMWELT

 

Martin Oestreich schafft Lehrbuchwissen. Er widmet sich grundlegenden Fragen der siliciumorganischen Chemie, die zunächst einmal bar jeder Anwendung sind. Ganze zehn Jahre forschten er und seine Kollegen an speziellen positiv geladenen Kationen, den sogenannten Silyliumionen, dem Pendant der Siliciumwelt zu den Carbokationen des Kohlenstoffs. Für deren Nachweis erhielt der ungarisch-US-amerikanische Chemiker George Olah 1994 den Nobelpreis. Martin Oestreichs Team gelang es nun, die grundlegenden Vertreter der Silyliumionen, „vormals für unmöglich gehaltene Spezies, nicht nur in der Gasphase, sondern als Kristalle auf dem Tisch zu synthetisieren”. Ein kapitaler Erfolg in der Welt der Siliciumforschung.

 

Die Erkenntnisse wurden im Journal Science veröffentlicht, und sie machen möglicherweise neue Anwendungen in der Katalyse zugänglich, meint Oestreich: „Mit den hochreaktiven Molekülen können vielleicht vormals unreaktive Reaktionspartner zur Reaktion gebracht werden.” Seine Arbeitsgruppe trägt so auch zur Katalyseforschung und den Zielen des Berliner Exzellenzclusters Uni- SysCat bei, auch wenn die Katalyse nicht im Zentrum seiner Arbeit steht. „Mein Interesse gilt der Entwicklung neuer organisch-chemischer Reaktionen, das sind oft auch Katalysen”, sagt er. Als Vertreter der organischen Molekülchemie kläre er vor allem Reaktionsmechanismen auf. „Wenn man die Stellschrauben kennt, kann man Prozesse gezielter optimieren, das ist ein bisschen wie ein Puzzle.” Und um dieses zu lösen, reiche Laborarbeit allein nicht aus. Dazu seien Messmethoden wie die Spektroskopie und die sogenannte Computerchemie ebenso nötig wie die Modellierung und die Vorhersage von Messergebnissen. All das, betont Oestreich, sei nur im Verbund und im Rahmen eines Exzellenzclusters zu leisten.

 

Und was ist an seinen Studien noch wichtig für die Katalyseforschung? Wissenschaftler*innen auf höchstem Niveau auszubilden, die dann Probleme im akademischen oder industriellen Umfeld lösen und Erkenntnisse schließlich auch zur Anwendung bringen. Viele seiner ehemaligen Doktorandinnen und Doktoranden sind mittlerweile selbst Professor*in oder arbeiten bei Evonik oder der BASF. Sein Gedankengang dahinter: „Etwas Neues schaffen, das Neue verstehen und dann das Neue ziel- führend einsetzen für etwas Nützliches.” Seine Rolle dabei? Die des Ermöglichers, des Managers. „We are trying to be leaders, not followers”, lautet sein Credo.

Bis zu 80 Stunden pro Woche stand er anfangs im Labor, weil seine Experimente mit den Siliciummolekülen nicht so funktionierten, wie er es erwartet hatte. Doch mit Hartnäckigkeit und Glück erzielte er bald schon exzellente Ergebnisse.

„ES PASSIERT EINFACH”

 

Die Unabhängigkeit der Forschung hat Oestreich schon früh beeindruckt. Nach dem Chemiestudium in Düsseldorf und Marburg, nach Auslandsaufenthalten in Großbritannien und der Schweiz und der Promotion in Münster war für ihn klar, dass die Universität sein Leben und Hochschullehrer sein Traumjob ist. „Es hat mich fasziniert, diese Persönlichkeiten vorne dozieren zu sehen – fachlich trittsicher aufzutreten und das eigene Wissen jungen Leuten beizubringen.” Und es ging schnell bei Martin Oestreich. Zehn Semester Studium, fünf Semester Promotion, zwei Jahre Postdoktorat in Kalifornien mit dem Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Nur weitere vier Jahre brauchte er für seine Habilitation, bis ihn im Februar 2006 der Ruf aus Münster erreichte. Eine Karriere im Eilzugtempo – aber auch mit viel Glück. „Glück braucht man immer. Ich glaube, es kann keiner von sich behaupten, dass er es einfach nur mit Fleiß, den besten Ideen oder der besten Forschung geschafft hat”, sagt er.

 

Eine Entscheidung prägte seine Laufbahn jedoch mehr als alle anderen. Als Habilitand wählte er ein völlig neues Forschungsfeld in der organischen Chemie, in dem er keinerlei Erfahrung hatte: Silicium. Silicium steht im Periodensystem unter dem Kohlenstoff, es hat in vielen Punkten ähnliche Eigenschaften, unterscheidet sich aber auch. Oestreich fragte sich: „Warum gibt es keine pfiffige Chemie, in der das Element Silicium vorkommt?” In der organisch-chemischen Literatur wurde Silicium bis dahin nur stiefmütterlich behandelt. Für den damals 29-Jährigen war dies ein Ansporn. Er machte sich daran, die in Vergessenheit geratene Welt siliciumorganischer Verbindungen zu erforschen. Ein Risiko, aber auch eine Chance. „Das hatte keiner auf dem Schirm, ich kam damit für alle aus dem Nichts.” Ein älterer, renommierter Kollege fragte ihn viel später mal: „Martin, warum Silicium?” Oestreichs Antwort darauf war so kurz wie verblüffend: „Es passiert einfach.”

 

Bis zu 80 Stunden pro Woche stand er anfangs im Labor, weil seine Experimente mit den Siliciummolekülen nicht so funktionierten, wie er es erwartet hatte. Doch mit Hartnäckigkeit – und Glück – erzielte er bald schon exzellente Ergebnisse. In Vorträgen und Beiträgen für hochrangige Journale trug er sein Nischenthema in die Welt hinaus. Der Erfolg kam und mit ihm auch mehr Mitarbeiter * innen. Oestreich konnte noch mehr ausprobieren, immer wieder neue Fragen suchen und die alten ruhen lassen. „Forschung ohne neue Herausforderungen kann langweilig werden, wenn es die Iteration der Iteration ist”, sagt er. „Das ist wie bei einem Schlagersänger, der einen Hit hat, den er ein Leben lang singen muss, das geht halt nicht.”

 

ZEIT UND RUHE

 

Seit 2011 betreibt Martin Oestreich seine Jagd nach immer neuen Verbindungen und Strukturen der siliciumorganischen Chemie in Berlin. Mit Unterstützung der Einstein Stiftung erfolgte der Ruf auf eine Einstein-Professur für Organische Chemie, Synthese und Katalyse am Institut für Chemie der Technischen Universität Berlin. „Ich war eine teure Berufung”, sagt er rückblickend. Eigentlich sei diese Art von Poker nicht sein Stil, aber die Einstein Stiftung habe es ihm ermöglicht, die Ausstattung am Institut auf den neuesten Stand zu bringen und Spitzenforschung mit Spitzenmitarbeiter*innen zu leisten.

 

Oestreichs Zeit im Labor ist jedoch vorbei, er hat es eingetauscht gegen sein großes weißes Büro. Ob er denn das Labor vermisse? Gelegentlich hätte er schon mal Lust, Moleküle zu manipulieren, antwortet der 49-Jährige, doch Laborarbeit „in fortgeschrittenem Alter ist physisch ein Irrsinn, man braucht athletische Fitness dafür”. Und Neues zu denken und zu erschaffen, erfordere eben Zeit und Ruhe. Doch die wichtigsten Ideen entstünden oft gar nicht im Büro vor einem weißen Blatt Papier, sondern bei Diskussionen, beim Wandern, bei einem Glas Wein oder beim Autofahren.

 

Auf Twitter ist Oestreich unter @Silicon_Martin zufinden. Er stellt sich vor als „Professor of Chemistry @TUBerlin, dad and LEGO enthusiast, wine lover, driver”. Damit sei sein Leben fast hinreichend beschrieben, meint er. Er bedauert, nicht mehr Zeit für Kunst zu haben, für die Werke Hans Arps etwa, den er schätzt. Die wenige freie Zeit, die er habe (seine Arbeitswoche umfasst noch im- mer mehr als 60 Stunden), verbringe er mit der Familie, LEGO bauend mit seinem Sohn, den Sportwagen in meditativer Handwäsche gelegentlich putzend und abends entspannt einen dunklen Shiraz trinkend. Und nein, er analysiere dabei nicht die Geschmacks- und Duftmoleküle des Weins, wie es manche Kollegen machten. Er sitze dann einfach da und genieße. Sagt’s, schaut versonnen auf den orangefarbenen 3000-Teile-LEGO- Porsche 911 GT3 RS und resümiert: „LEGO ist ein Spiegelbild der Gesellschaft – inzwischen hoch spezialisiert.”

 

Text: Thomas Prinzler
Fotos: Michael Sven Meier

 

 


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