Krankheiten behandeln, wenn sie ausgebrochen sind – das ist der Normalfall in der Medizin. Doch viele Leiden entwickeln sich über Jahre: Zellen verändern sich, lange bevor Beschwerden auftreten oder herkömmliche Untersuchungen einen Befund zeigen. Was wäre, wenn sich diese Prozesse früher erkennen und womöglich aufhalten ließen?
Genau daran arbeitet das Einstein Center for Early Disease Interception (EC-EDI) in Berlin. Das von der Einstein Stiftung Berlin seit Januar 2026 mit sechs Millionen Euro über sechs Jahre geförderte Zentrum bringt zwölf Institutionen zusammen, darunter Charité, Max-Delbrück-Centrum, Technische Universität Berlin und Museum für Naturkunde. Forschende aus Medizin, Molekularbiologie, Bioinformatik, Biotechnologie und KI entwickeln gemeinsam Wege zu einer präziseren Prävention.
Im Mittelpunkt steht die Frage, welche molekularen Spuren Krankheiten hinterlassen, noch bevor sie sichtbar werden. Moderne Sequenzierverfahren können heute einzelne Zellen und ihre Aktivitäten hochaufgelöst untersuchen. Methoden wie Multi-Omics verbinden Informationen über Erbgut, Stoffwechsel und Moleküle einer Zelle; räumliche Biologie ergänzt, wo sich Zellen im Gewebe befinden und mit welchen Nachbarzellen sie interagieren. Künstliche Intelligenz hilft dabei, die immensen Datenmengen auszuwerten und Muster zu erkennen. Entscheidend ist jedoch: Die Ergebnisse sollen nachvollziehbar bleiben. Statt einer undurchsichtigen „Blackbox" setzt das Zentrum auf erklärbare KI, deren Hinweise sich in Experimenten überprüfen lassen.
Als Pilotfelder stehen Lungenerkrankungen und neurodegenerative Krankheiten wie Demenzen im Fokus. Bei beiden gilt: Wenn die Diagnose gestellt wird, sind Schäden oft schon weit fortgeschritten und therapeutische Möglichkeiten begrenzt. Langfristig sollen die entwickelten Verfahren aber für viele Krankheitsbereiche nutzbar sein. Hochkomplexe Analysen könnten helfen, verlässliche Risikosignaturen zu identifizieren und zu verstehen, aus denen sich anschließend möglichst einfache, alltagstaugliche Tests für den Einsatz etwa in Hausarztpraxen entwickeln lassen.
Das Ziel ist eine personalisierte Prävention: Vorhandene Gesundheitsdaten, familiäre Risiken und Umweltfaktoren könnten Hinweise geben, für wen eine gezielte Untersuchung sinnvoll ist. Zugleich bleibt jede medizinische Vorhersage mit Unsicherheit verbunden. Deshalb müssen Nutzen, Risiken, Datenschutz und die Folgen möglicher Befunde sorgfältig abgewogen werden.
Für Leif Erik Sander, Direktor der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin an der Charité und Teil des Sprecherteams von EC-EDI, ist Prävention eine zentrale Zukunftsaufgabe: Krankheiten früher zu stoppen, kann Lebensqualität erhalten und zugleich helfen, das Gesundheitssystem zu entlasten.
Wie Berliner Forschung den „Fingerabdrücken" beginnender Krankheiten nachspürt, welche Rolle KI dabei spielt und warum Prävention mehr sein kann als allgemeine Gesundheitsratschläge, erzählt Leif Erik Sander in der neuen Folge von „Einstein on Air – Große Fragen, Berliner Antworten."
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