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ALBERT fragt ...

Ein Beitrag aus ALBERT Nr. 11 "Gesundheitsforschung"

Sind Krankheiten bei Männern besser erforscht?

Antwort von Gertraud Stadler

Der männliche Körper ist noch immer der medizinische Standard. Von den historisch überwiegend männlichen sezierten Leichnamen bis zu heutigen KI-Trainingsdaten aus dem Militär sind Männer in den Forschungsdaten überrepräsentiert. Frauen leben gesünder, erkranken im Schnitt später und haben so häufiger Begleiterkrankungen, die sie von Studien ausschließen, die auf isolierte Krankheitsbilder abzielen.

Der Herzinfarkt war der Start der geschlechtersensiblen Medizin: Frauen sterben doppelt so häufig an einem Herzinfarkt wie Männer – und trotz jahrzehntelanger Forschung hat sich das kaum verbessert. Während die Symptome bei beiden Geschlechtern größtenteils ähnlich sind, treten bei Frauen häufiger unspezifische Anzeichen wie Übelkeit, Müdigkeit oder Schwindel auf. Sie werden weniger ernst genommen und weniger stringent behandelt. 

Auch andere Erkrankungen zeigen blinde Flecken. Dazu zählen Autoimmunerkrankungen in Zusammenhang mit der Perimenopause, chronische Schmerzen, aber auch Endometriose,  das polyzystische Ovarsyndrom, das Chronic Fatigue Syndrom, Fibromyalgie, Migräne, Angsterkrankungen, Lupus oder Arthritis, sind bisher kaum erforscht. Bei Männern zeigen sich Defizite unter anderem bei Osteoporose.

Mit dem Diversity Minimal Item Set, das inzwischen in über 25 Ländern genutzt wird, kann Heterogenität in Erkrankungen systematisch erfasst werden. Es stellt sicher, dass Geschlecht, Lebensphase, soziale Lage, chronische Erkrankungen und viele weitere Kriterien systematisch erfasst werden – in Studien, in der Lehre und künftig auch in der Versorgung. So ist geschlechtssensible Medizin ein Grundbaustein der personalisierten Medizin: Um individuelle Therapien möglich zu machen, muss damit begonnen werden, die Vielfalt menschlicher Körper vollständig abzubilden.

Expertin

Gertraud Stadler ist Professorin für geschlechtersensible Präventionsforschung und leitet die Abteilung Gender in Medicine an der Charité - Universitätsmedizin Berlin.

März 2026