Wie leistungsfähig ist das deutsche Gesundheitssystem?

Antwort von Reinhard Busse
Die Leistungsfähigkeit eines Gesundheitssystems lässt sich vor allem anhand von Zugang und Qualität im Verhältnis zu den eingesetzten Ressourcen messen. Zugang bedeutet, dass Menschen versichert sind oder durch den Staat eine Garantie auf Gesundheitsleistungen erhalten. Entscheidend ist, welche Leistungen abgedeckt sind und ob die Höhe der Zuzahlungen für die Patient:innen zumutbar ist. Weitere Kriterien sind die Anzahl der Ärzt:innen, deren regionale Verteilung sowie Wartezeiten auf Behandlungen.
Qualität meint die Wirksamkeit der erbrachten Leistungen – also wie gut behandelt wird, wenn Zugang besteht. Eine schnelle Aufnahme in ein nahes Kran - kenhaus beispielsweise nützt wenig, wenn Ausstattung und Fachpersonal fehlen. Zudem prägen Faktoren wie transparente Kommunikation oder respektvoller Umgang die Wahrnehmung und Wirkung des Systems. Diese „Responsiveness“ fällt in Deutschland im ambu - lanten Bereich gut aus, im stationären jedoch unter - durchschnittlich.
Insgesamt schneidet die systemweite Effizienz im internationalen Vergleich eher schlecht ab: Wir geben viel Geld für Gesundheit aus, die vermeidbare Sterblichkeit (als Resultat von Zugang und Qualität) ist aber trotzdem höher und sinkt langsamer als in vielen Nachbarländern. Deutlich wird das in Längsschnittvergleichen, bei denen schrittweise Veränderungen über zehn Jahre hinweg analysiert werden, um Effekte des Gesundheitssystems besser von anderen Einflüssen zu trennen.
Deutschland hat einen erheblichen Nachholbedarf: Der Fokus liegt hierzu - lande nach wie vor stark auf der Gewährleistung von Zugang. Es braucht aber vielmehr eine ganzheitliche Betrachtung des Systems – mit der zentralen Frage, wie viel Gesundheit tatsächlich aus dem Gesundheitssystem hervorgeht.
Experte
Reinhard Busse ist Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin. Er ist gleichzeitig Co-Director des European Observatory on Health Systems and Policies und Fakultätsangehöriger der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Health System Performance Assessment (im europäischen Vergleich), Versorgungsforschung, Gesundheitsökonomie und Health Technology Assessment.
März 2026

