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Eiskalter Blick

Ein Beitrag aus ALBERT Nr. 11 "Gesundheitsforschung"

3D-Bilder schockgefrorener Zellstrukturen in nie dagewesener Präzision: Das Kryoelektronenmikroskop auf dem Campus Berlin-Buch durchleuchtet die kleinsten Strukturen des Lebens

Text: Mirco Lomoth

Wenn die Wissenschaftler:innen unter sich sind, nennen sie sie „Kara“, nach einer der Walküren der nordischen Sagen. Denn sie ist eine Kämpferin, sagen sie, eine unermüdliche Arbeiterin. 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche durchleuchtet das Kryoelektronenmikroskop auf dem Campus Berlin-Buch biologische Proben. Es sind tiefgefrorene, sehr dünne Schnitte von Zellen, die in einem ultrahohen Vakuum einem Elektronenstrahl ausgesetzt werden. Der Strahl durchdringt die Probe und Detektoren messen, was auf der anderen Seite ankommt. Ein Bildverarbeitungsprogramm setzt daraus ein hochaufgelöstes 3D-Bild zusammen – ein Modell, das kleinste biologische Strukturen und Moleküle räumlich darstellt.

Anders als bisherige Elektronenmikroskope erfasst das Kryoelektronenmikroskop Moleküle, Viren oder Zellbestandteile in der Zellumgebung. Die Zellen müssen dafür nicht chemisch fixiert, also mit Schwermetallen angefärbt oder dehydriert werden, was ihre Struktur auf molekularer Ebene verändern kann. Stattdessen gehen sie durch blitzschnelles Schockgefrieren (Kryofixierung) auf minus 196 Grad in einen glasartigen Zustand über. Ihre Struktur und jedes einzelne Molekül bleiben dabei intakt. Wenn man nun eine hauchdünne Lamelle aus der Zelle herausschneidet, kann man durch sie hindurchschauen wie durch ein Fenster und ihre Strukturen in situ erforschen – also in ihrem natürlichen Zustand innerhalb der Zelle.

Eine nobelpreiswürdige Technologie

So ist es möglich zu erkennen, welche Moleküle zu einem gewählten Zeitpunkt in einer Zelle nebeneinander existieren und wie sich einzelne Zellstrukturen zueinander verhalten. Das hat die Strukturbiologie und die Erforschung biologischer Molekülstrukturen revolutioniert. Die Technologie ist so bahnbrechend, dass ihre Erfinder Jacques Dubochet, Joachim Frank und Richard Henderson 2017 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurden. Forschende haben mithilfe der Kryoelektronenmikroskopie zum Beispiel die Struktur des Zika-Virus so genau bestimmt, dass die Entwicklung eines Impfstoffes möglich wurde.

Auf dem Campus Berlin-Buch hat das Kryoelektronenmikroskop sogar ein eigenes Gebäude bekommen. Dort kann es abgeschirmt von Temperaturen, magnetischen Strahlungen und Schwingungen der Außenwelt seine Arbeit verrichten. Drei Wissenschaftler unter der Leitung von Christoph Diebolder wachen zusammen mit Techniker:innen der Herstellerfirma darüber, dass „Kara“ die besten Bedingungen hat, um möglichst aussagekräftige Daten zu produzieren. Gemeinsam mit Forschenden der Charité – Universitätsmedizin Berlin, des Max Delbrück Centers für Molekulare Medizin und des Leibniz-Forschungsinstituts für Molekulare Pharmakologie entwirft das Team fortlaufend Experimente und legt den genauen Ablauf der Messungen fest.

Anders als bisherige Elektronenmikroskope erfasst das Kryoelektronenmikroskop Moleküle, Viren und Zellbestandteile in der Zellumgebung

Fluoreszenzmarker und Ionenstrahl-Schnitte

Jedes Experiment erfordert eine ganze Reihe komplexer Arbeitsschritte. Die Probe muss zunächst auf einen wenige Millimeter kleinen Objektträger aufgebracht und in flüssigem Ethan bei einem Druck von mehreren Tausend Bar so schnell auf minus 196 Grad heruntergekühlt werden, dass keinerlei Eiskristalle zurückbleiben, sondern die Probe glasartig erstarrt. Dann bestimmen Diebolder und sein Team den exakten Ausschnitt für die Messung. Das Sichtfeld des Kryoelektronenmikroskops ist aufgrund der enorm hohen Auflösung sehr klein – eine Zelle ist riesig dagegen. Unter einem Konfokalen Kryolichtmikroskop kennzeichnen sie daher den zu durchleuchtenden Bereich der Zelle – zum Beispiel ein Verbund von zehn Molekülen – mit fluoreszierenden Markern. Ein Ionenstrahl schneidet anschließend unter einem Rasterelektronenmikroskop eine äußerst dünne Lamelle aus der Probe.

Erst danach kann „Kara“ mit ihren Messungen beginnen. Oft starten diese am Abend, laufen über Nacht und für mehrere Tage. „Dann ist es nicht so einfach, ruhig zu schlafen, aber wir haben die Möglichkeit, die Datenaufnahme von zu Hause zu überwachen, um zu reagieren, wenn etwas schiefläuft“, sagt Diebolder. Allein „Karas“ Hauptdetektor produziert zwei bis drei Terabyte Daten am Tag. Diese Daten mithilfe von Hochleistungsrechnern weiterzuverarbeiten kann schon mal einen ganzen Monat dauern. „Es ist erstmal enttäuschend, die Ergebnisse zu sehen, weil die Bilder sehr verrauscht sind, aber beim Prozessieren kristallisieren sich die Strukturen heraus“, sagt Diebolder. „Irgendwann kommt dann der Aha-Effekt, wenn man merkt, dass man einzelne Atome sieht, die ein Molekül dazu verleiten, etwas Bestimmtes zu tun.“ Es ist ein eiskalter Blick auf die winzigsten Strukturen der Zellen, auf einen schockgefrorenen Ausschnitt aus den Grundlagen des Lebens.