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Gute Gründe

Ein Beitrag aus ALBERT Nr. 11 "Gesundheitsforschung"

Berliner Start-ups tragen wertvolle Erkenntnisse aus der biomedizinischen Forschung in die Praxis. Sie bringen das Immunsystem im Kampf gegen Krebszellen auf Trab, züchten haltbare Herzklappen oder Implantate, die Knochen zur Heilung anregen

Zielgenaue Immunzellen: Captain T Cell

Den Krebs von innen heraus bekämpfen: Statt  Medikamente zu spritzen, die den Tumor von außen attackieren, trainiert das Berliner Biotech-Start-up Captain T Cell um CEO Felix Lorenz das Immunsystem selbst zum Tumorjäger. Die dafür genutzten T-Zellen werden im Labor umprogrammiert, um Krebszellen präzise zu erkennen und zu vernichten. Ziel ist eine Zelltherapie, die auch bei soliden Tumoren wirksam und besser verträglich ist.
 

Herr Lorenz, wie bringen Sie das Immunsystem dazu, dass es Tumorzellen gezielt angreift?

Wir arbeiten mit T-Zellen, die im Körper Zellen aufspüren und abtöten, die für den Körper problematisch werden können, etwa virusinfizierte oder entartete Zellen. Für unsere Therapie isolieren wir diese Zellen aus dem Blut der Patient:innen und statten sie gentechnisch mit neuen Rezeptoren aus. Diese wirken wie eine Art Brille, mit der die T-Zellen die Tumorzellen zuverlässig identifizieren können, um sie dann anzugreifen. Anders als bei Blutkrebs sind solide Tumorzellen wie bei Lungen- oder Blasenkrebs in Gewebe eingebettet und verteidigen sich aktiv gegen das Immunsystem. Daher statten wir die T-Zellen mit weiteren genetischen Funktionen aus, die ihnen helfen, sich im feindlichen Tumormilieu zu behaupten. Am Ende erhält der Patient seine eigenen, „upgegradeten“ T-Zellen per Infusion zurück. Ermutigende Ergebnisse in vielen vorklinischen Versuchen machen uns zuversichtlich, dass unser Therapieansatz später auch Patient:innen helfen wird.
 

Wer darf auf die Therapie hoffen?

Unsere Therapie richtet sich an Patient:innen mit bestimmten soliden Tumoren. Vor der Behandlung prüfen wir anhand von Blut- und Gewebeproben, ob die Krebszellen die molekulare Signatur tragen, auf die unsere T-Zellen programmiert sind. Ist das der Fall, kann die „Brille“ unserer T-Zellen die Tumoren zuverlässig erkennen.
 

Wie lang ist der Weg von der Idee bis zur Marktreife?

Die Idee ist am Max Delbrück Center entstanden, wo wir schon viele Jahre daran geforscht haben, T-Zellen gentechnisch umzuprogrammieren. 2015 reifte dann der Gedanke, ein eigenes Unternehmen zu gründen, um diese Forschung in eine klinische Entwicklung zu überführen. 2023 war unsere Seed-Finanzierungsrunde, sodass wir 2024 starten konnten. Der nächste große Schritt ist die erste klinische Studie, die wir für 2027 planen. Ziel ist es, in fünf bis sechs Jahren die Therapie regulär für Patient:innen verfügbar zu machen.


Spin-off des Max Delbrück Center
Gründungsjahr: 2019
captaintcell.com

Selbstheilende Knochen: Blueprint Biomed

Blueprint Biomed will die Behandlung von Knochenverletzungen grundlegend verändern: Das Team von CEO Aarón Herrera entwickelt Biomaterialien, die den Körper dazu anregen, geschädigtes Gewebe selbst zu regenerieren. Die Implantate sollen stabil, leicht zu handhaben und direkt einsetzbar sein – eine Lösung, die viele Eingriffe überflüssig machen und die Heilung deutlich beschleunigen könnte.


Herr Herrera, wie regen Ihre Materialien den Knochen dazu an, sich selbst zu heilen?

Unsere Implantate bestehen aus einer speziell entwickelten porösen Struktur aus dem Protein Kollagen und Polycaprolacton (PCL), einem biologisch abbaubaren Kunststoff. Diese Kombination schafft ein ideales Umfeld für körpereigene Zellen: Sie werden durch die Struktur des Biomaterials rekrutiert, wandern in das Gerüst ein und bilden dort neues Gewebe. Während das Kollagen den Zellen als Baugerüst dient, sorgt PCL für Stabilität während der Heilung. Beide Bestandteile werden im Verlauf des Heilungsprozesses abgebaut.


Wann werden Ihre Knochenimplantate so belastbar sein wie ein gesunder Knochen?

Zu Beginn stabilisieren unsere Implantate den Defekt mechanisch. Mit der Zeit übernimmt der neugebildete Knochen schrittweise diese Funktion, bis das Implantat durch einen Hydrolyseprozess vollständig abgebaut ist. Das Ergebnis ist ein natürlich gewachsener Knochen, der wieder seine volle Stabilität und Belastbarkeit erreicht. Der Heilprozess kann bis zu zwei Jahre dauern, doch die Belastbarkeit verbessert sich bereits deutlich früher.


Wer wird am meisten von Ihrer Technologie profitieren?

Unsere Technologie richtet sich vor allem an Patient:innen mit komplexen oder größeren Knochendefekten, zum Beispiel nach Unfällen oder mit Pseudarthrosen, bei denen nach einem Knochenbruch ein Spalt bestehen bleibt. Da bei unserem regenerativen Ansatz, anders als bei herkömmlichen Methoden, keine Gewebeentnahme aus einer anderen Körperregion für den Wiederaufbau nötig ist, bedeutet das eine kürzere OP-Dauer und eine geringere Belastung für den Körper. Aber auch Kliniken und Krankenkassen profitieren, denn der operative Aufwand sinkt und damit die Kosten.


Spin-off der Charité – Universitätsmedizin Berlin
Gründungsjahr: 2025
blueprint-biomed.com

Mitwachsende Herzklappen: GrOwnValve

Herzklappenprobleme betreffen weltweit Hunderttausende Neugeborene und Erwachsene. Viele von ihnen müssen mehrfach operiert werden, weil Herzklappen aus tierischem oder künstlichem Material nicht mitwachsen oder im Körper Komplikationen verursachen. Das Berliner MedTech-Start-up GrOwnValve mit Geschäftsführer Boris Schmitt will das ändern: Es entwickelt Herzklappen aus körpereigenem Gewebe der Patient:innen, die im besten Fall ein Leben lang halten. 


Herr Schmitt, wie bringt man den Körper dazu, eine neue Herzklappe zu bauen?

Der Körper selbst baut von sich aus keine Herzklappe neu – aber wir sehen, dass der Körper erstaunlich gut auf unsere Methode reagiert. Innerhalb einer Behandlung im OP entnehmen wir etwas Gewebe aus dem Herzbeutel des Patienten, formen daraus mithilfe einer patientenindividuellen 3D-Schablone eine personalisierte Klappe und setzen sie anschließend per Herzkatheter ein. Der Körper erkennt dieses Gewebe als „eigen“ und baut es in einem Regenerationsprozess in eine Klappe um. Bewegung, Blutdruck, Wachstumsfaktoren – all das trägt dazu bei, dass sich das Gewebe umbaut und an seine neue Aufgabe anpasst. Wir nennen das Remodeling.


Halten Ihre Herzklappen tatsächlich ein Leben lang?

Das hoffen wir, aber beweisen können wir das erst in einigen Jahrzehnten. Ich sage manchmal: Wir pflanzen heute einen Wald, den wir selbst vielleicht nie in voller Reife sehen werden. Aber alles, was wir bisher beobachten – im Labor, in Tierversuchen und bei den ersten Menschen, die unsere Herzklappen erhalten haben –, deutet darauf hin, dass diese Klappen sehr lange funktionieren können.


Wie schnell nach der OP kann ein Kind wieder herumtoben?

Eine unserer ersten Patient:innen war nach nur drei Wochen schon wieder auf Wandertour – das ist außergewöhnlich. Durch unser minimalinvasives Vorgehen erholen sich die meisten auf jeden Fall sehr viel schneller als nach herkömmlichen Herzklappenoperationen. 


Was ist im Moment die größte Hürde, um Ihre Innovation in die breite Anwendung zu bringen? 

Tatsächlich die Finanzierung. Viele Investoren konzentrieren sich auf Herzklappen für Ältere, weil der Markt größer ist. Aber gerade für Kinder und junge Erwachsene wäre eine sich regenerierende, lebenslang funktionierende Klappe ein enormer Fortschritt.


Spin-off des Deutschen Herzzentrums Berlin und der Charité –
Universitätsmedizin Berlin, Gründungsjahr: 2019
grownvalve.com