Psychische Erkrankungen treten besonders häufig in der Jugend auf. Behandelt werden sie jedoch vor allem bei Erwachsenen, wenn sie voll ausgebildet sind. Es braucht dringend eine frühere Erkennung, Behandlung und Prävention psychischer Erkrankungen bei jungen Menschen
Ein Plädoyer von Peter Uhlhaas

Psychische Erkrankungen stellen eine der größten Herausforderungen für Gesellschaft und Wissenschaft dar. Störungen wie Schizophrenie, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen verursachen enorme psychosoziale Kosten und führen häufig zu langfristigen Beeinträchtigungen und reduzierter Lebensqualität bei den Betroffenen. Trotz vielversprechender Erkenntnisse der Genetik und Hirnforschung sind die Ursachen dieser Erkrankungen weiterhin unklar. Eine Neuorientierung in der Erforschung und Behandlung ist daher dringend erforderlich.
Im Jugendalter überschneidet sich das Auftreten psychischer Erkrankungen mit tiefgreifenden Veränderungen in der Architektur und Funktionsweise neuronaler Schaltkreise. Während sogenannter sensitiver Phasen – zeitlich begrenzter Entwicklungsprozesse des Gehirns – haben Umwelteinflüsse eine nachhaltige Wirkung auf die Funktionalität und Organisation neuronaler Schaltkreise. Doch diese Phasen sind zugleich wichtige Zeitfenster für präventive Interventionen, damit eine psychische Erkrankung frühzeitig verhindert beziehungsweise ihr Verlauf positiv beeinflusst werden kann.
In den letzten Jahren wurden weltweit neue klinische Versorgungsmodelle für Jugendliche entwickelt, die ihre besondere soziokulturelle Einbettung berücksichtigen. Das erste und umfangreichste Beispiel ist das australische „Headspace-Programm“. Dieses Behandlungsmodell bietet Jugendlichen und jungen Erwachsenen landesweit niedrigschwellige Hilfe bei psychischen Störungen und Substanzkonsum. Viele Länder haben das Modell mittlerweile kopiert.
In Berlin findet sich mit dem „Soulspace“ ein erstes Beispiel in Deutschland. Ebenfalls in Berlin entsteht mit dem Einstein-Zentrum Youth Mental Health (ECYM) ein Forschungsprogramm, das sich gezielt auf psychische Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von zwölf bis 25 Jahren konzentriert und die Frühintervention sowie Prävention psychischer Störungen entscheidend voranbringen soll. Dazu werden wir eine Kohorte von 1000 Jugendlichen mit einem
erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Psychose, einer bipolaren Störung oder einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sowie gesunde Kontrollpersonen rekrutieren und bis zu vier Jahre lang begleiten.
Das detaillierte Gesamtbild aus Gehirnaktivität, Lebensumfeld und Alltagsverhalten eröffnet neue Wege für Prävention und Früherkennung
Ziel des ECYM ist es, die biologischen und umweltbedingten Grundlagen psychischer Erkrankungen im Jugendalter besser zu verstehen. Mit modernsten Bildgebungsverfahren wie etwa Quantensensoren werden wir kleinste Magnetfelder im Gehirn messen und so Biomarker identifizieren, die für die Diagnose und Vorhersage psychischer Störungen bedeutend sein könnten. Parallel untersuchen wir den Einfluss von Umweltfaktoren wie Urbanität, Stress und Trauma auf die psychische Gesundheit. Hierbei kommen innovative digitale Verfahren wie Ecological Momentary Assessments zum Einsatz, die mithilfe von Smartphone-Daten das Erleben und Verhalten junger Menschen im Alltag erfassen. Das detaillierte Gesamtbild aus Gehirnaktivität, Lebensumfeld und Alltagsverhalten eröffnet neue Wege für Prävention und Früherkennung und kann langfristig auch über Berlin hinaus als Modell dienen.
Mit dem ECYM entsteht somit ein einzigartiger Forschungsschwerpunkt zu psychischen Störungen im Jugendalter in Deutschland, das den überfälligen Paradigmenwechsel in der Behandlung und Erforschung von psychischen Erkrankungen vorantreiben wird. Es ist ein wichtiger Schritt, dem weitere folgen müssen, um das Jugendalter endlich in den Mittelpunkt von Prävention und Früherkennung zu stellen.

